Wie dick darf eine Führungskraft sein?

Hintergrund

In der Arbeitswelt schleichen sich neue Schönheits- und Sittenideale ein: Wer nicht passt, bekommt ein Karriereproblem – aber kaum je redet jemand drüber.

Schwergewichter Banker: Agustin Carstens, Präsident der mexikanischen Zentralbank.

Schwergewichter Banker: Agustin Carstens, Präsident der mexikanischen Zentralbank.

(Bild: Reuters)

Es geschah kürzlich in einem mittelgrossen Unternehmen in der Deutschschweiz. Ein junger Produktionsmanager sondierte bei seinem Chef, ob es Sinn mache, sich für einen höheren Posten zu bewerben, der intern ausgeschrieben war. «Doch, doch», sagte der Chef, «du bist schlau, schnell, ehrgeizig, kannst mit Leuten umgehen und bringst gute Resultate.» Er könne wirklich eine grosse Karriere hinlegen im Unternehmen. «Nur eines…», dann fuhr der Chef den Zeigefinger aus und richtete ihn auf Bauchhöhe: «Das da muss weg. Du musst mindestens 15 Kilo abnehmen.»

Der mir das erzählte, war der besagte Chef selber. Er ist kein Moralist oder Asket, eher sogar ein lustiger Kerl. Aber er hat in den letzten drei Jahrzehnten genügend Berufserfahrung angesammelt, um die leisen Regeln auf den Teppichetagen zu kennen. Er wusste, dass es für seinen talentierten, aber leider übergewichtigen Mitarbeiter eine gläserne Decke gibt. Sie ist knallhart. Aber keiner findet sie sonst der Erwähnung wert. (Lesen Sie dazu auch: «Schon wieder nicht befördert?»).

Keine Mèches, kein Schnauz, kein Fett

Schwere Spitzenkader? Das war einmal. Wer die Gruppenbilder der heutigen Unternehmensleitungen betrachtet, sieht deutlich, wie sehr sich die Normen gewandelt haben: Ein BMI von 26 oder 27 liegt gerade noch drin. Die Massstäbe sind eng und streng, wer überbordet, bleibt spätestens auf mittlerer Kaderstufe stecken. Auch Bärte, so zeigt jeder Blick quer durch die Geschäftsberichte der grossen Unternehmen, sind inzwischen tabu. Bei Frauen scheinen sich Mèches auf den obersten Etagen nicht zu empfehlen – wie es überhaupt bekanntlich einen Wust an Regeln gibt, die auf oberen Hierarchiestufen die Grenzen zwischen «In» und «Out» bestimmen (Lesen Sie dazu auch: «Chic im Beruf – 10 wirklich gute Tipps»).

Schleichend hat sich eine neue Arbeitsplatz-Moral durchgesetzt, die nicht nur den Schmuddelwitz oder die Zigarette vom Arbeitsplatz fegte, sondern auch äusserliche Lässigkeiten. Das ahnt man nicht nur, seit die Zürcher Verkehrsbetriebe VBZ übergewichtigen Tramchauffeuren mit Absetzung drohen – auch diverse Studien bestätigen, dass schwere Mitarbeiter benachteiligt werden. Insbesondere im Kader haben sie die schlechteren Karten.

Die neue Büronorm

Und vor allem: Frauen bekommen die Dicken-Benachteiligung heftiger zu spüren als Männer, wie jüngst eine Studie der University of Michigan zeigte. Ist also die Büronorm generell strenger geworden? Den Verdacht weckt bekanntlich auch jeder Blick in die TV-Erfolgsserie «Mad Men»: Hier erscheint die Arbeitswelt von früher als Freigehege für Ober-Macker mit ungesundem Lebensstil (Lesen Sie dazu auch: «Sexy Retro-Sexismus»).

Aber die Sache ist komplizierter. Heute kann – beispielsweise – ein Topmanager Frau und Kind für ein deutlich jüngeres Ex-Model verlassen, und seine Karriere ist nicht etwa im Eimer, nein: Er steigt wenig später zum Präsidenten des Verwaltungsrates auf. Oder ein Konzernchef kann sich in einem öffentlichen Prozess um die Details seines Scheidungsabkommens streiten – kein Problem für die Karriere. Beide Fälle geschahen jüngst bei einer Schweizer Bank.

Noch vor nicht allzu langer Zeit wäre der Aufstieg der Top-Männer durch die Trennung blockiert gewesen. Denn da galt die Regel, dass nur eine intakte Familie (mit Hausfrau plus Kindern) fit macht für die Belastungen in der Generaldirektion oder im Verwaltungsrat. Heute weiss man: Jogging tut's auch. Die erwähnten Banker sind notabene schlank und sportlich.

Im Zeitalter des Mineralwassers

Und so waren einst in den Büros Affären verboten, weil man glaubte, so etwas untergrabe die Hierarchie. Dafür war es nicht weiter schlimm, wenn sich die Kaderleute beim Business-Lunch einen Martini zum Warmlaufen, einen Roten zum Hauptgang und einen Kräuterschnaps zum Kaffee genehmigten – taten doch alle. Das Motto von heute heisst indes: Mineralwasser. Am Arbeitsplatz und überhaupt.

Was ist passiert? Ein Seitenwechsel: Wir haben die Schuld zwar erfolgreich aus der Sexualität verdrängt, aber sie schleicht sich wieder zurück, und zwar über die Moralisierung des Essens, der Gesundheit, des Gewichts; dies eine These, die der Psychoanalytiker Peter Schneider schon mehrfach erläutert hat (zum Beispiel in Interviews oder auch im jüngsten Buch «Cool Down»).

Vielleicht spielt da aber noch ein anderer Faktor hinein: Die Feminisierung der Arbeitswelt. Mehr Salat und Mineral, weniger Whisky und Stumpen, mehr Liebelei, weniger Sexismus: Es wirkt jedenfalls auch wie die Vertreibung des Macho aus dem Büro. Dass die Übergewichtigen in dieser feminineren Arbeitswelt weniger Platz finden, dass die schweren Frauen dabei dummerweise besonders benachteiligt sind – dies würde man dann als Kollateralschaden bezeichnen.

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Weitere Infos, Tipps und Storys zum Thema Karriere finden Sie auf Clack.ch – Ihrem Online-Magazin.

baz.ch/Newsnet

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt