Wettrüsten am Kindergeburtstag

Eltern sind bei diesem Wettbewerb von der Angst getrieben, das Fest ihres Kindes könnte gegenüber denen seiner Spielkameraden abfallen.

In der Regel ist ein dichtes Unterhaltungsprogramm für die Kinder geplant.

In der Regel ist ein dichtes Unterhaltungsprogramm für die Kinder geplant.

(Bild: Keystone)

Wer sich einmal entschieden hat, Nachwuchs in die Welt zu setzen, kommt einige Jahre später zwangsläufig ins Alter, wo Kindergeburtstage zu feiern sind. Das eigene Kind darf also seine «Gspänli» zu einem Fest einladen. Wehe, wer hier nicht mit anderen Familien mithalten kann! Kindergeburtstag – das tönt schön und friedlich. In Wahrheit geht es um ein bizarres Wettrüsten der Eltern um die Gunst der Kleinen.

Schon bei der Dekoration wird nicht gespart: Die Tischdecken müssen bunt sein und mit Comicfiguren verziert. Sie kosten ein Heidengeld, genau wie Pappteller, Pappbecher und Plastikbesteck, die im gleichen Design gehalten sein müssen. Zudem hängen überall farbige Ballone und prächtige Girlanden. Ist die eingeladene Kinderschar eingetroffen, darf diese sich erst einmal auf Unmengen an Popcorn, Chips und Nüsschen stürzen. Dazu gibt es Süssgetränke à discrétion.

In der Regel beginnt nun ein dichtes Unterhaltungsprogramm für die Kinder. Denn diese einfach spielen lassen, ist zu wenig. Mutter und Vater schlüpfen also in die Rolle von Animatoren und leiten zu Gruppenspielen, Kartenspielen oder gar Schatzsuchen im nahen Wald an.

Manchen Kindern ist ein solches Programm längst zu viel, etwas Ball spielen und «Sändelen» würden eigentlich reichen. Doch jetzt wird der mehrstöckige Geburtstagskuchen aufgetischt, geliefert von der Bäckerei als Extraanfertigung, mit Zuckerverzierungen und Marzipan-Guss, mit vielen Figürchen und allerlei Kerzen obendrauf. Daneben stehen zusätzliche Torten und viel Gebäck bereit. Es soll niemand mit leerem Magen nach Hause gehen. Die Kerzen werden angezündet, sie sprühen farbige Funken in alle Richtungen. «Happy Birthday» wird gesungen, Kuchenstücke werden geschnitten und verteilt. Die Kinder stochern in all den Köstlichkeiten nur herum. Ihre Bäuche sind schon voll.

Ein prall gefülltes «Schleck-Säcklein»

Nun wechselt das Geburtstagskind an den Gabentisch, wo Berge mitgebrachter Geschenke bereit stehen – eine Materialschlacht sondergleichen. Immer achtloser wird da aufgerissen, ausgepackt und hingeworfen. Spiele, Kleider, Gutscheine, Bälle, Stofftiere – es hat kaum ein Ende. Doch der nächste Akt steht an: Die Tischbomben werden gezündet. Trillerpfeifen, Hütchen, Bällchen und Pappschnurrbärte fliegen in alle Richtungen. Die Kinder erfreut es kaum mehr. Haben sie alles schon gehabt, letzte Woche und vorletzte Woche.

Zu guter Letzt stehen Schleckstängel, Gummibärchen, Kaugummis und Bonbons bereit, damit jedes Kind ein prall gefülltes «Schleck-Säcklein» mit nach Hause nehmen kann. Süss soll sie sein, die Erinnerung an den pompösen Geburtstags-Nachmittag. Die Kinder stopfen und stopfen – genug Schleckzeug eigentlich, um bis Weihnachten davon zu zehren. Die Eltern der geladenen Kinder stehen bereit, um ihren Nachwuchs abzuholen – «danke und auf Wiedersehen». Jetzt noch das Reinemachen, denn die Wohnung gleicht einem Schlachtfeld. Am Ende sinken Mutter und Vater erschöpft zusammen, es ist wieder einmal geschafft!

Aber am folgenden Wochenende steht das nächste Geburtstagsfest an. Und ein anderes Elternpaar ist an der Reihe zu zeigen, dass es weder Kosten noch Aufwand scheut. Die Erwachsenen sind bei diesem Wettbewerb von der Angst getrieben, das Geburtstagsfest ihres Sprösslings könnte gegenüber denen seiner Spielkameraden abfallen. Dass weniger für die Kinder manchmal mehr wäre, geht schlicht vergessen.

Basler Zeitung

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