Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?

Wenn mir drei Männer mit dunkler Hautfarbe entgegenkommen, fühle ich mich automatisch unwohl. Bin ich eine Rassistin?

«Wer hat Angst vorm schwarzen Mann? Ich.»

«Wer hat Angst vorm schwarzen Mann? Ich.»

(Bild: Keystone)

Christine Richard

Mit Studien ist es so eine Sache. Es ist immer die Frage, wer dazu befragt wird. Zum Thema Ausgrenzung ergab jüngst eine Studie der Uni Basel: Wir beurteilen die Ausgrenzung einer Person als gerecht, wenn wir annehmen können, der Ausgegrenzte sei selber schuld. Als ungerecht wird Diskriminierung empfunden, wenn sich die ausgegrenzte Person sichtbar von den anderen unterscheidet, weil sie zum Beispiel eine andere Hautfarbe hat. Rassismus, das geht gar nicht.

So weit, so gut und auch so vorhersehbar das Forschungsergebnis. Die Frage ist, wer für solche Studien befragt wird. Wer sind die Probanden? In der Verhaltungsforschung scheint es üblich zu sein, mit Studenten als Testpersonen zu arbeiten (scienceblogs.de). Und Studenten sind natürlich keineswegs repräsentativ für die Bevölkerung. Mit hohem Ethos ausgestattet, empfinden es Studenten selbstverständlich als total ungerecht, wenn ein Mensch lediglich wegen seiner Herkunft oder Hautfarbe sozial benachteiligt wird.

«Ist das schon rassistisch?»

Das Gerechtigkeitsempfinden von Studis ist liebenswert, achtenswert und erstrebenswert, aber leider nicht repräsentativ für alle. Mein Rassismus zum Beispiel fängt schon an, wenn mir drei Männer mit dunkler Hautfarbe entgegenkommen. Da fühle ich mich automatisch unwohl. Wer hat Angst vorm schwarzen Mann? Ich. Leider. Angst vor Frauen mit dunkler Hautfarbe habe ich nicht. Aber sie stechen mir ins Auge. Ich gucke besonders hin. Ist das schon rassistisch?

Eine Studie der Universität Köln beruhigt: Ich bin normal. Die Aufmerksamkeit jedes Menschen richtet sich automatisch auf jene Aspekte, die ihm neu und fremd vorkommen. Esse ich gerne Fleisch, kommen mir Vegetarier leicht abartig vor. Bin ich Mann, finde ich die Frau merkwürdig. Ich nehme sie reflexartig als etwas anderes wahr. Und danach beginne ich zu werten.

Unzählige Studien zeigen, dass Menschen ihre eigene Kohorte und auch Mehrheiten eher positiv sehen – und gegenüber Minderheiten und Fremdgruppen sind wir eher negativ eingestellt. An dieser Erkenntnis führt kein Weg vorbei – ausser die Erkenntnis selber.

«Wer hat Angst vor der weissen Frau?»

Das heisst: Um den üblen kleinen Fremdenfeind in mir zu bekämpfen, muss ich ihn zuerst einmal erkennen. Ich darf ihn nicht verleugnen. Er nagt in mir. Dieses Eingeständnis erschüttert zwar mein hehres Selbstbild. Aber Aufklärung beginnt eben immer mit der Selbstaufklärung. Und alles beginnt bei der Wahrnehmung.

Die Kölner Studie besagt: Ich empfinde Leute, die eine andere Hautfarbe, Herkunft oder Sprache haben, nicht als befremdlich, weil ich ein Rassist bin oder weil ich Angst vor Sozialschmarotzern habe oder Probleme mit mir selber. Es fängt viel früher an. Es ist generell ein Lernprinzip, dass wir zuerst etwas in der eigenen Gruppe erfahren und das Neue dann mit dieser Erfahrung vergleichen. Kaufe ich ein neues Handy, fällt mir als Erstes auf, was daran anders ist als beim alten. Bin ich nur mit Weissen zusammen gewesen, finde ich Leute mit dunklem Teint auffällig.

Als ich das erste Mal in New York war, fiel mir auf, wie viele Menschen unterschiedlicher Hautfarbe es gibt. Angst vorm schwarzen Mann hatte ich nicht. Die schwarze Frau nahm ich nur noch als Frau wahr. Als ich allein in die Bronx fuhr, fiel mir auf, dass ich eine andere Hautfarbe hatte als alle anderen. Da bekam ich ein bisschen Angst.

Bleibt nur die Forschungsfrage: Wer hat Angst vor der weissen Frau?

Basler Zeitung

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