Was Gene mit Glück zu tun haben

Hintergrund

Der Dokumentarfilm «Happy» macht eine Reise um die Welt und entdeckt: Zufriedenheit ist auch genetisch bedingt. Ist Glücklichsein also reine Glückssache?

Haben hoffentlich gute Glücks-Gene geerbt: Zwillingsbabys in New York.

Haben hoffentlich gute Glücks-Gene geerbt: Zwillingsbabys in New York.

(Bild: Reuters)

Franziska Kohler@tagesanzeiger

Manoj Singh ist Rikschafahrer in Kalkutta. Auf blossen Füssen und mit reiner Beinkraft kutschiert er seine Fahrgäste durch die staubigen Strassen, von morgens bis abends, Tag für Tag. Sein Haus ist eigentlich gar kein Haus, sondern vielmehr ein Bretterverschlag mit Wänden aus Plastikfolie. Ein Raum, der eine ganze Familie beherbergt. Trotzdem ist er nicht weniger glücklich als ein durchschnittlicher Amerikaner. Oder anders ausgedrückt: Manoj Singh ist glücklicher als Hunderte Millionen Menschen in Amerika.

Der indische Rikschafahrer ist einer der Protagonisten des preisgekrönten Dokumentarfilms «Happy» von Roko Belic. Nicht weniger als die wahre Quelle des Glücks will der Film zeigen. Er bedient sich dazu aber nicht der üblichen spirituellen Erleuchtungsweisheiten und «Hilfe zur Selbsthilfe»-Tipps, sondern geht das Thema ganz wissenschaftlich an. Und präsentiert erstaunliche Erkenntnisse – dass das Glücklichsein auch genetisch bedingt ist, zum Beispiel.

Der genetische Glücksgrad

Diese These vertritt zumindest die amerikanische Psychologieprofessorin Sonya Lyubomirsky. Jeder von uns komme mit einem bestimmten genetischen «happiness set point» auf die Welt, sagt sie, einem festgelegten Glücksgrad sozusagen. Die meiste Zeit bewegen wir uns in diesem Bereich der Zufriedenheit: «Sogar wenn uns etwas Grossartiges oder sehr Schlimmes zustösst, kehren wir nach kurzer Zeit wieder zu diesem Ausgangspunkt zurück.» Studien mit eineiigen Zwillingen hätten gezeigt, dass ganze fünfzig Prozent unseres Glücksempfindens von dieser genetischen Veranlagung abhängen. Ist Glücklichsein also ganz einfach Glückssache?

Nicht unbedingt, meint Lyubomirsky. Während unser Glück zur Hälfte durch die Gene bestimmt wird, tragen äussere Umstände – Geld, sozialer Status oder Gesundheit – weitere zehn Prozent bei. Der grosse Unterschied ergibt sich aus dem Rest. «Use it or lose it», sagt Lyubomirsky und meint damit: Mit den restlichen vierzig Prozent können wir uns willentlich glücklicher machen – oder eben nicht.

Es steht und fällt mit dem Dopamin

Die Psychologin erhält für diese These Schützenhilfe aus der Neurobiologie. Laut den amerikanischen Neurowissenschaftlern Read Montague und Gregory Berns steht und fällt alles mit dem Dopamin, dem Botenstoff, der uns hilft, Freude und Glück zu empfinden. Um glücklicher zu werden, müssen wir unseren Körper dazu bringen, mehr Dopamin auszuschütten. Eine der besten Methoden: Sport, denn bei körperlicher Aktivität erhöht sich offenbar die Produktion von Dopamin. Es gibt aber auch noch andere Wege zum Glück – Hauptsache, wir fühlen den Flow.

Wenn wir etwas tun, das wir richtig gut können, bei dem wir die Zeit vergessen und die Welt um uns herum verschwindet – Musik machen etwa, kochen oder Golf spielen –, dann befinden wir uns im sogenannten Flow-Zustand. Geprägt hat diese Bezeichnung der Psychologieprofessor Mihaly Csikszentmihalyi: «Wer einen Flow-Zustand erreicht, vergisst seine Probleme, das Ego verschwindet, und es kristallisiert sich ein Gefühl heraus, dass das Leben lebenswert ist.» Ob dieses Gefühl in der Freizeit, im Büro oder im Kreis der Familie entsteht, ist egal. Doch wer den Flow regelmässig erlebt, ist auf Dauer erwiesenermassen glücklicher.

Die Droge Kooperation

Dass Geld nicht glücklich macht, ist kein Geheimnis. Auch für dieses Phänomen gibt es mittlerweile eine wissenschaftliche Erklärung: die hedonistische Tretmühle. «Egal, wie reich ein Mensch ist, früher oder später gewöhnt er sich immer an diesen Reichtum – und will noch mehr», sagt Sonya Lyubomirsky. Dieser Mechanismus sei der Hauptfeind des Glücks. Denn Geld ist ein typischer extrinsischer Wert. Eine Belohnung von aussen also, genauso wie Status und Popularität oder Ansehen.

Die extrinsischen Werte stehen in direkter Opposition zu intrinsischen Motiven wie beispielsweise persönlichem Wachstum, Beziehungen zu anderen Menschen oder dem Gefühl, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Von innen motivierte Menschen sind glücklicher, sagen die Forscher einstimmig. Denn, so der Neurowissenschaftler Montague, wenn wir uns intrinsisch belohnt fühlen – zum Beispiel durch soziale Bindung, Austausch oder Kooperation –, schüttet unser Gehirn ebenfalls Dopamin aus. «Das fühlt sich dann ungefähr so an, wie wenn wir Kokain gespritzt hätten. Zu kooperieren, erzeugt also den gleichen Kick wie Drogenkonsum.»

So steinig scheint der Weg zum Glück demnach gar nicht zu sein: den Dopamin-Haushalt im Auge behalten, den Flow fühlen, für den zusätzlichen Kick wann immer möglich mit anderen kooperieren – und beim nächsten Ausflug in die Bar einfach mal eine Runde für alle ausgeben. Das Geld in der eigenen Tasche zu behalten, macht nämlich sowieso nicht glücklich. Der Rest ist Genetik.

baz.ch/Newsnet

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