«Vater war nicht lebensmüde, aber lebenssatt»

Ueli Oswald fordert mehr Respekt vor den Menschen, die sich für den Freitod entscheiden.

Vater und Sohn: Heinrich Oswald (rechts) machte seinen Sohn Ueli für den letzten Lebensabschnitt zu «meinem Lebensberater», wie er es nannte.

Vater und Sohn: Heinrich Oswald (rechts) machte seinen Sohn Ueli für den letzten Lebensabschnitt zu «meinem Lebensberater», wie er es nannte.

(Bild: ZVG)

Ueli Oswald hat seinen Vater, den früheren Knorr- und Ringier-Chef Heinrich Oswald, bei seinem Freitod begleitet. Das letzte Jahr mit seinem Vater hat er im Buch «Ausgang», erschienen im Epoca-Verlag, festgehalten. Im Interview kritisiert er die «ungeheure Arroganz der Kirche» und wünscht sich einen bewussteren Umgang mit dem Tod.

Das Parlament tut sich seit Jahren schwer mit der Sterbehilfe. Gestern hat der Nationalrat entschieden, dass es nichts zu entscheiden gebe. Wie erleben Sie, Herr Oswald, die Diskussionen? Mit einem Schmunzeln. Das Parlament müht sich redlich ab, berät, debattiert – und in der Praxis läuft es längst ganz ordentlich. Man geht vielerorts pragmatisch mit dem Thema um.

Darüber zu reden, fällt vielen allerdings noch immer schwer. Man schweigt das Thema lieber tot. Der Freitod ist noch immer ein Tabu­thema. Doch in den letzten zwei, drei Jahren hat sich einiges getan; der Umgang hat sich entkrampft.

Ist die Kirche schuld am «Krampf»? Zu einem guten Teil, ja. «Gott gibt, Gott nimmt», sagt die Kirche. Wer in Gottes Plan eingreift, versagt und bricht göttliches Recht. Das lastet schwer auf den Gläubigen.

Gehört Leiden nicht per se zum Leben? Doch. Aber es ist eine ungeheure Arroganz der Kirche, den Leuten vorschreiben zu wollen, wie viel Leid sie zu ertragen haben. Das muss jeder für sich entscheiden.

Aber … … nichts aber. Die Kirche suggeriert, dass Menschen, die sich für den Freitod entscheiden, Feiglinge und verantwortungslose Trottel seien. Das ist nicht so und ärgert mich gewaltig. Die meisten nehmen ihre Verantwortung sehr wohl wahr und stehlen sich nicht aus dem Leben. Im Übrigen: Ganz so einfach ist es nun auch wieder nicht, das Glas an die Lippen zu setzen und den Trank zu schlucken.

Ihr Vater hat den Freitod angekündigt. Wenn sich ein Mensch jedoch vor den Zug wirft, stiehlt er sich schon aus dem Leben – zumindest für die Angehörigen. Wenn jemand klammheimlich geht, ist das für die Angehörigen schlimm. Sie bleiben mit Fragen zurück und vor allem mit dem Gefühl: Ich habe versagt; ich habe es nicht geschafft, dem Betroffenen genügend Lebensmut zu schenken. Das ist unfair. Doch auf diese Schuldgefühle ist unsere Gesellschaft getrimmt.

Im Buch beschreiben Sie, wie die Partnerin Ihres Vaters solche Schuldgefühle plagen. Hatten Sie selber nie Probleme? Mein Vater fällte den Entscheid nicht von heute auf morgen. Bereits nach dem Freitod seiner Schwester wussten wir, dass dies auch für ihn zumindest eine Option ist. Mein Vater war zudem ein Macher, der seinen eigenen Willen hatte und ihn auch auslebte. Meine Wahl war: Entweder ich unterstütze ihn in dieser letzten Lebensphase – oder ich stelle mich gegen ihn, was jedoch keinen Einfluss auf seinen Entscheid gehabt hätte.

Zwischen dem latenten Wissen und dem konkreten Plan liegen Welten. Wie war der Moment des Konfrontiert-Werdens? Es gab bei meinem Vater nicht den einen Moment. Als es ihm einmal nicht so gut ging, baten mein Bruder und ich ihn um Offenheit. Er sei uns dies schuldig, argumentierten wir. Er akzeptierte es, wenn auch knurrend. Einige Monate später stürzte er zum ersten Mal. Er sei lebenssatt, sagte er uns. Mit dem zweiten Sturz kam die grosse Klarheit: Jetzt sei genug, sagte er uns, jetzt suche er den Termin.

Der Tod als Eintrag im Terminkalender. Das entbehrt nicht einer gewissen Absurdität, ich weiss, vor allem auch, weil es so anders ist, als wir das Leben erleben. Mein Vater sprach einmal von seinem Exekutionstermin. Er liebte den schwarzen Humor.

Wie haben Sie den Moment erlebt, als Ihr Vater Ihnen den Todestag eröffnete? Ich war drauf gefasst und blieb ruhig. Ich bin in einem Umfeld aufgewachsen, in dem Emotionen keinen Platz hatten. (Lacht.) Für den letzten Abschnitt machte mich Vater dann zu seinem Lebensberater, wie er es nannte. Das tönt bei der Frage, ob er Suizid begehen soll, zugegebenermassen etwas zynisch.

Kann man hier überhaupt Berater sein? Ja, aber man muss sich bewusst sein, dass man an die eigenen Grenzen stossen kann. Und man muss den eigenen Wunsch, dass dieser Mensch möglichst lange lebt, zurückstellen. Bei meinem Vater war es insofern einfacher, als er nicht beraten werden wollte, sondern eher eine Bestätigung suchte, im weitesten Sinn eine Absolution wünschte.

Wie wichtig war Ihrem Vater, dass seine Kinder und seine Lebenspartnerin seinen Weg akzeptierten? Die Zustimmung seiner Lebenspartnerin hat er nie ganz bekommen, er hätte mehr gewollt. Er war auch etwas unwirsch darüber, dass er sich von seinen Enkeln noch verabschieden musste. Darauf haben meine Söhne bestanden. Vater sagte einmal: «Das nächste Mal, wenn ich sterben will, gehe ich dafür ins Kloster.»

Hatten Sie nie den Wunsch, Ihren Vater vom Freitodgedanken abzubringen? Zwischendurch schon. Doch bei mir war ein anderes Gefühl stärker: Ich wollte nicht, dass mein Vater leben muss, nur weil es für mich schöner und bequemer wäre.

Wie wichtig ist es für Sie, Ihren Vater im letzten Lebensjahr begleitet zu haben? Sehr wichtig. Es hat meine Beziehung zu ihm stark verändert. Wir kamen uns in diesem Jahr so nahe wie nie zuvor. Ich bin auch froh, dass ich den letzten Moment miterleben durfte. So muss ich mich nicht fragen, ob Vater friedlich gehen konnte. Ich weiss es, weil ich es sah.

Schmerzt das Sterben? Das kann man nicht generell beantworten. Bei meinem Vater bin ich mir sicher, dass ihn das Sterben nicht geschmerzt hat. Wir führten ein angeregtes Gespräch, bis er einschlief. Die Atmung wurde langsamer, setzte ­irgendwann ganz aus. Ich erlebte seinen Tod als sukzessives Zurückschrauben des Lebens.

Den Freitod Ihres Vaters begleitete neben Ihnen und Ihrem Bruder ein Sterbehelfer. Wie haben Sie ihn erlebt? Sehr professionell. Wir sassen rund zwei Wochen vor dem Termin mit ihm zusammen. Er hat uns Punkt für Punkt erklärt, was auf uns zukommt, wie der Tag abläuft, wer nach dem Tod informiert werden muss und wie es strafrechtlich aussieht.

Wie? Probleme kann allenfalls der Sterbehelfer bekommen, weil er dem Sterbe­willigen den Trank reicht. Alle anderen Personen, die dabei sind, können nicht belangt werden.

Machte der Sterbebegleiter am Todestag nur einen Job oder war er Begleiter? Er machte mehr als seinen Job. Er nahm sich Zeit, bremste Vater eher, der vorwärtsmachen wollte. Als er den Trank aus seiner Mappe nahm, sagte er, es sei auch jetzt noch nicht zu spät, aufzuhören. Vater wies dies vehement von sich.

Wie haben Sie Ihren Vater am letzten Tag erlebt? Er wirkte erleichtert. Der Tod war das, was er im Innersten wollte. Er hatte Lebensbilanz gezogen und dabei festgestellt, dass für ihn das Leben nicht mehr lebenswert war. Er war nicht lebensmüde, aber lebenssatt. Ein Bild werde ich nie mehr vergessen: Als wir am Morgen zu seinem Haus kamen, stand er zusammen mit seiner Pflegerin auf dem Balkon. Erhaben, lächelnd und gut gekleidet. Er hat den letzten Tag bewusst als wichtigen Tag gelebt. Er ist dem Tod offenen Auges gegenübergetreten.

Spürten auch Sie eine Erleichterung? Für mich war es eine Erleichterung, dass er sein Leben so beenden konnte, wie er es gelebt hat. Selbstbestimmt und erhobenen Hauptes.

Hat diese Erfahrung Ihren Bezug zum Tod verändert? In einer Hinsicht, ja. Ich kämpfe seither dagegen an, dass der Tod ein Tabu bleibt. Wir dürfen nicht über etwas vom Wichtigsten im Leben, den Schluss, schweigen. Deshalb habe ich auch das Buch geschrieben. Ich weiss: Über das eigene Sterben zu reden, ist nicht einfach, aber es ist wichtig. Und es ist nur fair den Menschen gegenüber, die zurückbleiben.

Den eigenen Tod auszublenden, ist eine der Lügen, die ein Mensch braucht. Das mag sein und ich verstehe es auch. Es ist unangenehm und traurig, dass man sterben muss. Wie oft hört man von Paaren, die sich Tag für Tag sagen: «Das wird schon wieder» – obwohl beide wissen, dass es nicht wieder werden kann, weil der eine unheilbar krank ist. Ist diese Lüge sinnvoll? Tut man sich damit wirklich etwas Gutes? Ich bezweifle es.

Vom Tod Ihres Vaters erfuhr die Öffentlichkeit erst nach seiner Beisetzung. War dies der richtige Weg? Vater schwankte bis kurz vor seinem Tod zwischen dem grossen Abgang, wie er seiner Position gerecht geworden wäre, und dem stillen Gehen. Er wollte nicht, dass publik wird, wie er starb. Heute denke ich: Die Geheimhaltung war der falsche Weg. Ich musste Menschen, die nach seinem Tod anriefen und sich nach Vater erkundigten, belügen. Das sollte man seinen Weggefährten nicht zumuten.

Kommt für Sie selber ein Freitod infrage? Ich verspüre derzeit noch keinerlei Bedürfnis, zu sterben. Aber ich kann mir einen Freitod vorstellen, wenn es das Leben so will. Ich bin vor einem Jahr Exit beigetreten. Es ist beruhigend zu wissen, dass es die Option gibt. Das geht vielen so. Die meisten, die bei Exit sind, nehmen den Dienst nicht in Anspruch. Ihnen reicht das Wissen um die Möglichkeit.

Eine «bessere Option», so argumentieren die Gegner, sei die Palliativmedizin. Es ist eine andere Option, nicht eine bessere. Das eine ersetzt das andere nicht. Wenn jemand das Leiden ertragen will, habe ich Hochachtung. Ich erwarte denselben Respekt vor Menschen, die sich für den anderen Weg entscheiden. Es ist ihr freier Wille.

Das eine ist natürlich, das andere nicht. Ach, hören Sie auf! Oder ist es natürlich, mit Medikamenten so vollgepumpt zu werden, bis man nichts mehr wahrnimmt? Kaum. Ich weiss von Fällen, in denen die Ärzte das Morphium einfach so hoch dosiert haben, dass der Mensch sterben kann. Es ist längst nicht so, dass alle natürlich sterben.

Ist der freie Wille das höchste Gut? Er ist eines der höchsten Güter. Wer, wenn nicht jeder für sich selber, soll entscheiden, wann genug ist und man sterben darf? Der Arzt? Der Partner? Der Gesetzgeber? Wohl kaum. Der Mensch ist sich selber immer noch am nächsten. Im Leben wie im Tod.

Basler Zeitung

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