Sind die Beatles überschätzt?

In dieser Rubrik beantworten unsere Redaktoren die am häufigsten gegoogelten Fragen.

Den Wert der Beatles anerkennen, ja. Ewig in der Vergangenheit verharren, nein. Das findet Popmusik-Experte Benedikt Sartorius.

Den Wert der Beatles anerkennen, ja. Ewig in der Vergangenheit verharren, nein. Das findet Popmusik-Experte Benedikt Sartorius.

(Bild: Keystone)

Wir sind im Jahr 2019. Und man kann auch in diesem Jahr die Beatles einmal mehr hochleben lassen. Anlass dazu gab es etwa bereits am 30. Januar; an diesem Datum konnte man den 50. Jahrestag des letzten Beatles-Konzerts feiern. 1969 spielte die zerrüttete Band auf dem Dach ihrer Plattenfirma Songs wie «Get Back» – im Wissen, dass es kein Zurück mehr gibt zu den seligen Anfangstagen. Ende September werden dann 50 Jahre vergangen seit, seit «Abbey Road» erschienen ist, jenes Album, das mit «Come Together» losschlauft, mit goldenen Melodien glänzt und zum Schluss wunderbar Adieu sagt. Aber weil nostalgische Aufwallungen, so wohlig sich dieses auch anfühlen mögen, ungesund sind und an allem der Zahn der Zeit nagt – auch am scheinbar Ewiggültigen – gibt es auf die Frage nur eine Antwort: Ja, die Beatles sind überschätzt (was aber nicht an Ringos Schlagzeugspiel liegt, das sträflich unterschätzt ist.)

Wer nun in Rage über diese Antwort sein sollte, die von einem stammt, der bei der Ermordung von John Lennon noch gar nicht am Leben war, dem rate ich Folgendes: Hören Sie sich wieder einmal das Album «Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club» in aller Ruhe an. Und damit meine ich nicht bloss den vertonten LSD-Trip «Lucy in the Sky with Diamonds» oder «A Day in the Life», diesen zweitbesten aller besten Beatles-Songs, der die Platte beschliesst. Sondern all die schnell vergessenen Liedchen, die auf diesem pophistorisch so wichtigen Albums eben auch enthalten sind. Sie heissen beispielsweise «Lovely Rita» oder «When I’m Sixty-Four»; der Reiz dieser Songs ist einem nachgeborenen Publikum nun wirklich nicht mehr zu vermitteln.

Irgendwann ist dann auch gut mit der Glorifizierung der Vergangenheit.

Natürlich muss man die Popgeschichte ehren und kennen, in der die Beatles für immer grösser als Jesus sein werden: dank ihrem Songwriting, ihrer Erscheinung als Band, die die Teenager zur Ekstase getrieben hat und ihrem Hunger nach immer neuen Popmusikrevolutionen. Aber irgendwann ist dann auch gut mit der Glorifizierung der Vergangenheit, die immer dann besonders spürbar ist, wenn wieder eine Beatles-Aufnahme neu abgemischt wurde. Denn sie versperrt den Blick auf die Gegenwart, die in den verschiedensten Popsparten noch immer aufregend ist, ja, gar aufregender sein kann als der ewige Blick zurück. Wie der allerbeste aller besten und drogenbedingt sehr verstrahlte Beatles-Songs weiss: «Tomorrow Never Knows». Das Gestern zählte ja auch in den grossen Beatles-Momenten nie etwas.

Und wer nun meint, ich sei einfach Fan der Rolling Stones, dem sei versichert: Kommen Sie mir nicht mit denen.

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