Sind Deutsche humorlos?

Unsere Redaktoren beantworten die am häufigsten gegoogelten Fragen.

Dass Deutsche keinen Humor haben sollen, ist ein hartnäckiges Klischee, wie dieses T-Shirt, das am Oktoberfest zu kaufen ist, zeigt.

Dass Deutsche keinen Humor haben sollen, ist ein hartnäckiges Klischee, wie dieses T-Shirt, das am Oktoberfest zu kaufen ist, zeigt.

(Bild: Keystone iStock)

Martin Ebel@tagesanzeiger

Gegenfragen: Wer will das wissen? Etwa ein Schweizer? Haben Schweizer mehr Humor, etwa mehr als Deutsche? Sie merken, bei der Frage werde ich patriotisch. Und beantworte sie, humorlos, wie der Sportreporter gern sagt: Nein, humorlos sind die Deutschen nicht. Es mag ihnen auf der Theaterbühne an einer Komödientradition fehlen (wie sie die Franzosen haben). Es fehlt ihnen auch der philosophische Witz der Verzweiflung (eben der jüdische). Es fehlt ihnen meist das verspielte Understatement im Alltag, wie es viele Engländer pflegen.

Aber natürlich lacht er gern, der Deutsche. Über seinem Niveau, darunter, eigentlich auf allen Niveaus. Er kennt den Erwartungs-Witz auf Kosten mancher seiner Stämme (Schwaben sind geizig, Ostfriesen hinter dem Mond) oder mit ihnen über sie (die kölschen Tünnes-und-Schäl-Witze), wobei es immer etwas krachledern zugeht. Er kennt aber auch, diktaturerfahren, wie er ist, den subversiven Witz, und pflegte ihn im «Dritten Reich» wie unter dem SED-Regime. Er kennt die niedere oder höhere Blödelei, von Heinz Erhardt bis Otto Waalkes. Loriots geradezu höflich inszenierte Komik und den Zynismus eines Harald Schmidt. Köstliche Kalauer und grossartiges Kabarett (und leider auch weniger grossartige Comedians). Er kennt sogar Selbstironie und die gelassen-philosophische Einsicht in die Unzulänglichkeiten des Seins.

Kurz, alle Spielarten des Humors, auch des unfreiwilligen, sind im deutschen Kulturraum (Schweizer und Österreicher sind mitgemeint), aber auch unter den Deutschen selbst gut vertreten. Zugegeben: Karnevalsveranstaltungen werden in Deutschland eher bierernst durchgeführt, und Politiker bekommen einen Humorpreis, der «Orden wider den tierischen Ernst» heisst. Aber mit hiesigen Witzbomben wie Schneider-Ammann oder Bündnerfleisch-Merz können sie schon noch mithalten.

Die besten Belege gegen deutsche Humorlosigkeit liefert die deutsche Literatur, von Heines sarkastisch-sentimentaler Lyrik über Jean Paul und den weltweisen Humoristen Fontane zum Grossironiker Thomas Mann, von Morgenstern bis zu Robert Gernhardt. Uwe Tellkamps «Turm» erhält grossartige DDR-Witze, und Daniel Kehlmanns gesamtes Werk ist getränkt von jener Distanz zum Realen durch das Sprachliche, die vielleicht das Eigentliche des Humors ausmacht. Ich selbst kann auch über schlichte Witze immer wieder lachen. Etwa über den: Ein Priester, ein Pfarrer und ein Rabbi streiten, wann das menschliche Leben beginnt. Der Priester: Mit der Zeugung. Der Pfarrer: Mit der Geburt. Der Rabbi: Wenn die Kinder ausgezogen sind.

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