Migros kocht ein Gendersüppchen

Bei Migros-Kindern braucht es beim Suppenkauf derzeit Fingerspitzengefühl, damit am Familientisch alle geschlechtergerecht verköstigt werden.

Bei den Migros-Suppen gibt es solche mit Fleisch für die agilen Jungs, und eine vegane Version für die Prinzessinnen.

Bei den Migros-Suppen gibt es solche mit Fleisch für die agilen Jungs, und eine vegane Version für die Prinzessinnen.

Nina Jecker

Migroskinder essen geschlechtergerecht. Die Buben ein blaues Süppchen, die Mädchen ein rosarotes. Seit rund zwei Wochen stehen in den Regalen des Detailhändlers zwei neue Produkte. Die blauen Tüten für die Buben heissen «Champion» und zeigen einen muskulösen Fussballspieler. Die Bouillon darin enthält Fleisch. Logisch – Jungs, die gross und stark werden wollen, müssen ausreichend Eisen zu sich nehmen. Die Figur auf der Mädchensuppe heisst hingegen «Glamour Queen» und ist mehr ein Figürchen. Eine Art spindeldürres Comic-Supermodel, das mit Prinzessinnenkrone am gefüllten Teller vorbeistöckelt. Und die Suppe ist natürlich vegan.

Mädchen und Jungen, Frauen und Männer müssen nicht um jeden Preis einander angeglichen werden. Gewisse Unterschiede lassen sich auch in hundert feministischen Workshops und emanzipatorischen Aufsätzen nicht wegdiskutieren. Schon alleine die unterschiedliche Zusammensetzung des Hormonhaushalts sorgt dafür, dass Männer anders ticken als Frauen – und umgekehrt. Hormone regeln nicht nur die Regel, sondern auch die Stimmung, den Sexualtrieb oder die Verdauung – eigentlich alles. Ein Gynäkologe hat einmal zu mir gesagt: «Frau Jecker, wenn ich Ihnen jetzt Testosteron spritzen würde, würden Sie aggressiver. Sie könnten nichts dagegen tun.» Genauso wenig konnte ich mich den Hormonen nach den Geburten meiner Kinder entziehen. In meinem ganzen Leben habe ich nicht so viel geheult wie in den 24 Stunden vor dem Milcheinschuss.

Vegi-Jungs müssen sich als Suppen-Transgender outen

Dass ein Mädchen lieber Prinzessinnenfinken möchte und der Bub gerne die mit dem Rennauto drauf, mag vorgegeben sein. Ein bisschen genetisch, ein bisschen sozialisiert. Genauso interessieren sich mehr Buben und Männer für Technik; das hat erwiesenermassen nicht nur damit zu tun, wie die beiden Geschlechter gefördert werden, sondern eben auch mit ihren Anlagen. Aber, liebe Migros – Suppe?! Bereits beim Kauf einer simplen Bouillon sollen sich die Kleinen jetzt darüber klar werden, ob sie die nächste Mahlzeit dem biologischen Geschlecht entsprechend einnehmen oder sich am Esstisch als eine Art Suppen-Transgender outen wollen. Was soll ein Junge tun, der sich vegetarisch ernährt? Armes Kind. Muss auf Suppe verzichten, zähneknirschend Mädchenbrühe essen oder auf die altbackene Buchstabensuppe umsteigen. Auch Eltern, die nicht nur Söhne oder nur Töchter haben, werden vor Probleme gestellt. Da muss mit Fingerspitzengefühl agiert werden, damit am Familientisch alle geschlechtergerecht verköstigt werden. Prinzessinnen-Süppchen für alle am Montag, dafür am Freitag dann der kraftstrotzende Champion-Topf auch für die Mädchen? Oder gibt es nur am Mittwoch Suppe, dann aber mit zwei Pfannen und streng geschlechtergetrennt?

Liebe Migros-Leitung, Sie sehen, es ist nicht immer leicht für uns Migroskinder. Und ich bin überzeugt, dass es gar nicht notwendig ist, einem Tütensüppchen einen derartigen Stempel aufzudrücken. Wir haben schon nach Geschlecht getrennte Rasierklingen. Lasst uns doch beim Essen damit in Ruhe.

Basler Zeitung

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