Impfen schützt: Ihre Kinder, Sie und andere

Leider werden Eltern durch allermeist abstruse, vermeintlich schädliche Impfzusammenhänge, die wissenschaftlich klar widerlegt sind, verunsichert.

Ein an Masern erkranktes Kind kann 10–20 ungeimpfte Kinder anstecken.

Ein an Masern erkranktes Kind kann 10–20 ungeimpfte Kinder anstecken.

(Bild: Keystone)

Vor 50 Jahren war die Angst vor Polio, der Kinderlähmung, noch weit verbreitet, aber Prof. Samuel Buchs, Kinderarzt, verabreichte meinen Geschwistern und mir die schützende Polioimpfung. Salk und Sabin entwickelten diese in den 1950er- und Anfang der 60er-Jahre. Die Impfung wirkte! Der Erfolg dieser und anderer schweiz- und weltweit empfohlener Impfungen ist überragend. Leider ist die Impfrate nicht überall genügend. Deshalb treten Diphterie und Tetanus vereinzelt in Europa wieder auf, Polio ist nicht überall eliminiert und in der Schweiz kommt es zu Masernausbrüchen.

Die wenigsten von uns kennen die schweren Folgen von Krankheiten wie Diphterie, Tetanus, Polio oder Masern, die durch Lungenentzündung, Lähmung oder Hirninfektion zu Invalidität und Tod führten. Impfungen sind zweifellos eine der grössten Fortschritte und der effizientesten Massnahmen der Medizin. Impfungen verhindern Leid, insbesondere von Kindern, und ermöglichen gesundes Leben.

Pocken gibt es seit 1977 weltweit nicht mehr. Seit 1988, als die WHO die Eliminierung von Polio lancierte, nahmen die Krankheiten von jährlich 350'000 Fällen in 125 Ländern um 99 Prozent ab. Die meisten der in der Schweiz für Kinder empfohlenen Impfungen vermitteln einen fast hundertprozentigen Schutz. Zudem unterbinden sie die Übertragung von Krankheiten.

Bei Polio und bei Masern sind sehr hohe Impfraten nötig, um weitere Ansteckungen zu verhindern.

Falschinformationen, Verschwörungstheorien und Misstrauen in Gesundheitsbehörden stellen Impferfolge infrage. In Holland brach 1992 eine Polioepidemie aus, da eine kleine Bevölkerungsgruppe die Impfung verweigerte. In kurzer Zeit erkrankten mehr als 60 Menschen, die meisten davon Kinder, an Polio mit Lähmungsfolgen in mehr als 75 Prozent aller Fälle. Erstaunt hat die schnelle Verbreitung in mehr als der Hälfte der holländischen Provinzen.

Bei Polio und bei Masern sind sehr hohe Impfraten nötig, um weitere Ansteckungen zu verhindern oder einzudämmen. So kann ein an Masern erkranktes Kind 10–20 ungeimpfte Kinder anstecken. Hingegen schützen geimpfte Kinder Menschen, die noch nicht oder gar nicht geimpft werden können, zum Beispiel wenige Wochen alte Babys oder Menschen mit einer Abwehrschwäche.

In der Schweiz gab es 2017 in neun Kantonen elf Ausbrüche (Masern-Lagebericht, Bundesamt für Gesundheit, 2017). Aktuell sind in der Schweiz 87 Prozent der 2-Jährigen und 93 Prozent der 16-Jährigen mit zwei Dosen geimpft (eine Impfrate von mindestens 95 Prozent ist optimal). Diese Impfrate sollte ausreichen, um Masernepidemien zu verhindern. Länder wie Frankreich, Italien und die USA sind zu obligatorischen Impfungen für Kinder in Kindergärten und Schulen geschritten.

Impfobligatorien bleiben kontrovers – selber halte ich sie für kontraproduktiv –, informieren und überzeugen ist besser. Zum Beispiel haben Hepatitis-B-Virus-Impfprogramme den Hepatitis-B verursachten Leberkrebs drastisch reduziert und die Impfung gegen humanes Papillomavirus hat nach wenigen Jahren die Rate des Gebärmutterkrebs sehr stark verringert.

Bei Impfungen sind bei richtiger Anwendung ernsthafte Nebenwirkungen extrem selten

Leider werden Eltern durch allermeist abstruse, vermeintlich schädliche Impfzusammenhänge, die wissenschaftlich klar widerlegt sind, verunsichert. Hunderte Millionen Impfungen werden jährlich weltweit verabreicht. Nebenwirkungen sind praktisch ausschliesslich leichterer Natur: lokale Rötungen, seltener Fieber und eine leicht schmerzhafte Schwellung an der Impfstelle. Letzteres ein Zeichen, dass der Körper Abwehrstoffe bildet.

Bei Impfungen sind bei richtiger Anwendung ernsthafte Nebenwirkungen extrem selten – weniger als ein Fall auf eine Million Impfungen. Viele hochstehende Studien haben die These, wonach Impfungen zu Autismus führen, klar widerlegt. Die Überwachung von Impfnebenwirkungen in der Schweiz und in Ländern mit ebenbürtigen Gesundheitsbehörden wie zum Beispiel Deutschland, Frankreich und den USA geschieht sorgfältig.

Zurück zur Polio: Am Universitätsspital Basel steht eine «eiserne Lunge», die bis in die 60- und 70er-Jahre verwendet wurde, um durch Polio gelähmte Lungenmuskeln und das gelähmte Zwerchfell von Patienten und Patientinnen während Wochen und Monaten aufzublähen. Gut dass die eiserne Lunge dank Impfungen nicht mehr gebraucht wird.

Manuel Battegay ist Professor für Infektiologie und Innere Medizin und als Chefarzt der Klinik Infektiologie & Spitalhygiene am Universitätsspital Basel tätig. Er schreibt diese Kolumnen als Privatperson.

Basler Zeitung

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