Fabrik ohne Träume

Die Filmstadt Cinecittà, Herz des italienischen Kinos, soll meistbietend verkauft werden. Die Angestellten streiken, prominente Filmschaffende aus aller Welt protestieren.

Ist heute die Müllhalde der italienischen Filmgeschichte: Das Studiogelände von Cinecittà in Rom.

Ist heute die Müllhalde der italienischen Filmgeschichte: Das Studiogelände von Cinecittà in Rom.

(Bild: AFP)

Filmdekors verwittern schneller als massive Bauten. Das verwundert nicht, denn sie repräsentieren eine Vergangenheit, die keine steinernen Überreste hinterlässt, sondern nur Holz, Gips und Metallgerüste. Sie lassen an einen Zirkus denken, der weitergezogen ist, ohne seine Zelte abzubrechen. Als der Amerikaner Gregory Crewdson im Juni 2009 eine Fotoserie in den Studios von Cinecittà in Rom realisieren wollte, erbot sich die Studioleitung, vorher das Unkraut zu jäten. Das Angebot hat er ausgeschlagen. Respektlos spriesst es zwischen den verfallenden Bauten für Martin Scorseses «Gangs of New York» und die HBO-Serie «Rom». Der Wildwuchs verleiht der Szenerie eine prekäre Melancholie.

Crewdsons Bilder besitzen eine gelassene Erhabenheit. «Sanctuary» hat er seinen (mittlerweile vergriffenen) Fotoband genannt, Heiligtum. Die gebauten Illusionen haben auf diesen Bildern ein Bleiberecht. Die Studioleitung dürfte ihre Gastfreundschaft im Nachhinein bedauert haben. Als Werbung taugen Crewdsons Bilder nicht, allzu entmutigend scheint ihr Befund: Welcher Filmproduzent wollte schon Vertrauen fassen zu einem Studio, dessen Betrieb derart beschaulich anmutet? Keine Produktionsstätte kann es sich erlauben, Brachland zu sein.

Platz für ein Shoppingcenter?

Nun hat die Besitzerin, die Cinecittà Studio Spa, die Konsequenz gezogen und angekündigt, zahlreiche Dienstleistungen ins Ausland auszulagern. Damit schürt sie die Angst vor einer Zerschlagung des Studiokomplexes. Das Damoklesschwert, das über jedem Filmstudio schwebt, droht auf Cinecittà zu fallen: die Ahnung, dass das 40 Hektar grosse Gelände als Immobilie ungleich grösseren Wert besitzt. Es liegt nur neun Kilometer südlich des Stadtzentrums von Rom, wurde wie alle bedeutenden europäischen Studiogründungen in unmittelbarer Nähe einer Grossstadt errichtet, um von der dort vorhandenen Infrastruktur zu profitieren.

Dieser einstige Vorteil droht nun zum Verhängnis zu werden. Seit dem 5. Juli streiken die Angestellten, deren Anzahl in den letzten Jahrzehnten von einigen Tausend auf rund 200 geschrumpft ist, und besetzen das Studiogelände. In einem offenen Brief an den italienischen Präsidenten Giorgio Napolitano haben sich zahlreiche Filmschaffende, darunter Marco Bellocchio, Bernardo Bertolucci sowie das Schauspielerpaar Franco Nero und Vanessa Redgrave, auf die Seite der Streikenden geschlagen. In ihrer Petition verteidigen sie nicht allein die Würde der Fiktion, die Integrität der gebauten Illusionen gegen den Zugriff von Spekulanten, die an ihrer Stelle lieber Einkaufszentren oder Wellnessoasen sähen. Sie kämpfen für die Bewahrung eines der Kulturgüter Italiens: Kein anderes Filmstudio der Welt ist so sehr zum Synonym geworden für eine nationale Kinematografie. Aus der Petition spricht nun auch der bange Wunschtraum einer Wiedergeburt des eigenen Kinos, dessen Wohl und Wehe seit 75 Jahren mit Cinecittà verbunden ist.

Cinecittà wurde zum Aussenposten Hollywoods

Über die Landesgrenzen Italiens hinaus erregte der Appell erst Aufsehen, als Ettore Scola die französische Vereinigung der Autoren, Regisseure und Produzenten alarmierte. Dort entstand eine eigene Petition mit dem Titel «La Honte» (Die Schande), in der sich die Empörung noch weit schärfer artikuliert: Nicht einmal unter Berlusconi hätte man es gewagt, eine solche Geringschätzung für die eigenen Kulturgüter zu demonstrieren! Zu den ersten Unterzeichnern gehören Costa-Gavras, Claude Lelouch, Coline Serreau, Bertrand Tavernier und Michel Hazanavicius, dessen Name seit «The Artist» Gewicht hat. Bis zum Dienstag haben sich über 1700 Filmschaffende und -liebhaber aus aller Welt der Mobilmachung angeschlossen, darunter der Brite Ken Loach und der Haitianer Raoul Peck.

Dass solche Petitionen zumindest mittelfristig Erfolg haben können, zeigte sich in diesem Frühjahr, als sich Prominente wie Sir Paul McCartney, Stephen Daldry, Colin Firth und Steven Spielberg gegen die drohende Schliessung der Twickenham-Studios bei London starkmachten. Es fand sich daraufhin eine beherzte Investorin, die sicherstellen will, dass der Betrieb weitergeht. Im Falle von Cinecittà könnte der Staat in die Pflicht genommen werden, der nach der Privatisierung des Studios Mitte der 90er-Jahre noch 20 Prozent der Anteile hält. Das grösste Pfund, mit dem sich wuchern liesse, müsste allerdings das Studio selbst sein mit seinen mehr als zwanzig Studiobühnen, Einrichtungen für sämtliche Phasen der Filmproduktion und den römischen Filmhandwerkern, die weltweit einen exzellenten Ruf besitzen.

Über 3000 Filme sind in der Kinostadt an der Via Tuscolana gedreht worden, seit Benito Mussolini sie im April 1937 eröffnete. Hier trug sich nach dem Krieg das Goldene Zeitalter des italienischen Kinos zu. Federico Fellini drehte und lebte fast vier Jahrzehnte im berühmten Studio 5. Von «Quo Vadis» an wurde Cinecittà zum bevorzugten Aussenposten Hollywoods in Europa. Charlton Heston und Stephen Boyd lieferten sich hier in «Ben Hur» das erbitterte Wagenrennen, Liz Taylor und Richard Burton verliebten sich auf dem Set von «Cleopatra».

Budapest ist günstiger

Heute hat die Studioleitung den Anschluss an das moderne Filmgeschäft verloren. Nur noch sporadisch nehmen US-Filmemacher wie Wes Anderson, Steven Soderbergh oder zuletzt Woody Allen die Dienstleistungen des einstigen «Hollywood am Tiber» in Anspruch. Und in Budapest oder Sofia ist den Studios kostengünstige Konkurrenz erwachsen.

Vielleicht sind ja die Pläne zukunftsweisender, die Luc Besson mit seinem Studiokomplex im alten Elektrizitätswerk von Saint-Denis umsetzen will: Um die Produktion zu zentralisieren, hat er die französischen Studios überzeugt, fortan vor den Toren von Paris seine Mieter zu werden. Das Elektrizitätswerk besitzt nämlich den Vorzug, unter Denkmalschutz zu stehen. Und Denkmalschutz wäre zumindest eine Massnahme, um einen Teil der Filmstadt Roms für die Ewigkeit zu retten.

Tages-Anzeiger

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