Die griechische Demokratie wurde aus Schulden geboren

Die geplante Volksbefragung zum EU-Rettungsplan hat in Europa Irritation ausgelöst. Dabei ist die Demokratie eine griechische Erfindung. Wie funktionierte sie im Athen der Antike?

«Die alten Griechen hatten Sklaven, ihre Frauen keine politischen Rechte»: Demonstranten skandieren Sprechchöre vor dem griechischen Parlament.

«Die alten Griechen hatten Sklaven, ihre Frauen keine politischen Rechte»: Demonstranten skandieren Sprechchöre vor dem griechischen Parlament.

(Bild: Keystone)

«Erinnerst du dich an die Mondlandung?» «Wo warst du, als die Berliner Mauer fiel?» «Wie hast du 9/11 mitbekommen?» Mit derartigen Übungen des Gedächtnisses werden heutzutage Epochenwechsel und persönliche Biografie miteinander verknüpft. Im Griechenland des 5. Jahrhunderts vor Christus lautete die Frage: «Wie alt warst du, als der Meder kam?»

Gemeint war die sagenhafte Streitmacht des persischen Riesenreichs, dessen Zentrum im heutigen Iran lag. Ein Imperium mit einer Ost-West-Ausdehnung von mehr als 2000 Kilometern. Jerusalem war damals dem Grosskönig Dareios I., der nichts als bedingungslose Unterwerfung duldete, ebenso untertan wie Babylon. Dieser Meder stand zweimal vor den Toren Athens: 490 v. Chr. bei Marathon zu Lande und zehn Jahre später in der Meerenge bei der Insel Salamis zur See. Es waren zwei der grössten Schlachten der Antike, und beide Male warfen die Athener den Angreifer zurück.

Der demokratische Sonderweg

Der grosse Alt-Historiker Christian Meier misst der Schlacht bei Salamis eine ausserordentliche Bedeutung bei: für Athen, für Griechenland, für Europa. Der gewonnene Krieg ebnete Griechenland den Sonderweg zur Demokratie.

Laut Meier war die Enge von Salamis das Nadelöhr, durch das die Weltgeschichte hindurch musste, um zu zeigen, dass nicht allein die grossen, königlich regierten Reiche eine entscheidende Rolle spielen. Sondern auch die Demokratien des antiken Griechenland: Sie organisierten ihren Staat ohne Monarchie (ausser in Sparta), ohne zentrale Macht und waren aufgesplittert in viele kleine, selbstständige Städte (Polis) mit immer stärker werdendem Mitspracherecht der Bürger.

In jedem Schulbuch

Die Stadt Athen spielte eine Vorreiterrolle innerhalb der bunten Polis-Welt Griechenlands. Dort tauchte erstmals der Begriff Volksherrschaft auf und inspirierte sehr viel später den amerikanischen Präsidenten Abraham Lincoln zu folgender Definition von Demokratie: «Regierung des Volkes durch das Volk für das Volk».

Neben den politischen wirkten auch philosophische und kulturelle Leistungen, die man mit den Namen Aristoteles, Platon, Sophokles und Euripides verbindet, auf die folgenden Jahrhunderte. Und zwar so stark, dass die klassische Zeit Griechenlands heute in jedem geschichtlichen Schullehrbuch breiten Raum einnimmt.

Innenpolitische Motive

Man ist versucht, die Absicht des heutigen griechischen Ministerpräsidenten Papandreou, das Volk über das EU-Rettungspaket abstimmen zu lassen, mit eben dieser Geschichte zu erklären: Die Volksherrschaft liege den Griechen sozusagen im Blut.

Doch so einfach sind die Dinge nicht. Papandreou fällte den Entscheid hauptsächlich aus innenpolitischen Motiven: Er wollte damit sein Überleben als Premier kämpfen. Und die antike Demokratie war ziemlich weit entfernt vom modernen Demokratieverständnis: Wohl gab es Volksversammlungen und Volksgerichte. Es galten das Mehrheitsprinzip und die Redefreiheit. Doch Menschenrechte kannte man damals nicht: In Athen arbeiteten nicht wenige Sklaven, die ebenso wie die Frauen und Ausländer keine politischen Rechte hatten. An den Volksversammlungen durften lediglich Männer ab 18 Jahren teilnehmen.

Standen wichtige Entscheide an – etwa über Krieg und Frieden –, kamen die Männer täglich auf dem Pnyxhügel in der Nähe der Akropolis zusammen. Daher war es aus Zeitgründen ohnehin nur Vermögenden möglich, aktiv zu politisieren. Freie Bürger waren Bürger, die frei waren von der Notwendigkeit, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. In der Blütezeit unter Perikles (490 bis 429 v. Chr.) genoss eine Minderheit von rund 30 000 Männern diese Rechte.

Der singende Reformator

Eine andere Analogie zur Aktualität ist hingegen statthaft: Rund 100 Jahre vor den Schlachten bei Marathon und Salamis befand sich Athen in einer ähnlich bedrohlichen Lage wie Griechenland heute. Der kleine Mann war mit Hypotheken überschuldet. Finanzielle Nöte trieben manchen Bauern sogar in die Schuldknechtschaft, während sich das Land in den Händen weniger Aristokraten befand. Athen stand vor einem Bürgerkrieg.

In dieser Situation wurde Solon (640 bis 560 v. Chr.) 594 zum Archon gewählt, zum obersten Beamten. Seine Reformen legten den Grundstein für die spätere Entfaltung der Demokratie. Solon hatte es nicht mit Hedgefondsmanagern, Ratingagenturen und Banken zu tun. Doch die Widerstände waren nicht minder gross, weil er den Athenern unangenehme Dinge sagen musste: Die Krise sei hausgemacht, lautete seine Diagnose, die er singend vortrug: Dichtung und Musik besassen politische Überzeugungskraft.

Übermut und Habgier würden die Polis zugrunde richten, sang Solon. Das führe Athen in die Sklaverei. Tatsächlich drohte in der rauen Welt des 6. Jahrhunderts vor Christus immer ein Krieg, und innere Schwäche forderte den äusseren Gegner heraus. Letztlich brauchten Aristokraten und einfaches Volk einander als Heerführer, Reiter und Schwerbewaffnete.

Wer mehr zahlt, darf mehr sagen

Mit seinem Appell an den Gemeinsinn gelang es Solon, die Schulden der Kleinbauern zu tilgen. Die durch Überschuldung in die Sklaverei gelangten Männer wurden befreit, ihnen die Schulden erlassen, und sie erhielten ihre Scholle zurück. Auf diese Weise war die wirtschaftliche Grundlage der Polis gesichert. Solon aber machte mit der Sicherung des freien Bauerntums nicht halt, sein Blick reichte weiter.

Er teilte die Bürger Athens in vier Vermögensklassen. Damit verfolgte er zwei Ziele: Er stärkte die Armee, denn jeder Bürger musste sich von da an selber ausrüsten. Gleichzeitig bildeten die Vermögensklassen die Grundlage für die Betätigung am politischen Geschehen: Die Rechte wurden den Bürgern fortan nach ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit bemessen. Wer mehr Steuern zahlte, hatte mehr zu sagen.

Was Solon einführte, war also noch keine Demokratie, sondern eine Timokratie (Herrschaft der Besitzenden). Für die damalige Zeit war die Neuerung allerdings sensationell: Politische Rechte hingen nicht mehr ausschliesslich von der Herkunft ab. Bürgerstaatliches Denken hatte sich Bahn gebrochen. Es entstand eine «Grundeigentümergemeinde, die durch ihre männlichen Bürger verwaltet und gelenkt wurde», so der AltHistoriker Meier.

Los statt Wahl

Knapp 80 Jahre später, nach einer Machtusurpation durch Tyrannen, machte Athen die entscheidenden Schritte zur Demokratie. Unter dem Reformator Kleisthenes wurden Stadt und Umland (Attika) 507 neu organisiert: Er schuf zehn Bezirke, die je 50 Delegierte in den zentralen «Rat der 500» schickten. Dieser Rat bereitete die Geschäfte vor, die an den Volksversammlungen verhandelt wurden. Seine Zusammensetzung wechselte ständig, sodass es einem Einzelnen fast unmöglich war, die Macht an sich zu reissen. Seine Mitglieder wurden weiterhin per Los bestimmt.

In diese Zeit fällt auch die Erfindung des Scherbengerichts: Die Athener Bürger konnten eine missliebige Person erbannen, indem sie an der Volksversammlung seinen Namen auf eine Tonscherbe kritzelten. Die Bedingung dafür war, dass mindestens 6000 Bürger anwesend waren.

Der populäre Perikles

Athen kannte keine gewählte oder ernannte Regierung. Deshalb war die Stellung führender Persönlichkeiten nicht formell gesichert. Sie beruhte hauptsächlich auf Überzeugungskraft und Ansehen. Eine solche Popularität genoss der begnadete Redner Perikles, den die Athener 15-mal in Folge zum höchsten Beamten wählten. Kein zweiter Staatsmann der athenischen Demokratie erreichte dieses Ansehen.

Perikles wirkte in der Friedenszeit zwischen den Perserkriegen und dem Peloponnesischen Krieg gegen Sparta (431 bis 404). In dieser Phase entstanden die grossen Tragödien und Komödien, entwickelte Sokrates seine philosophische Methode und wurden die klassischen Bauten auf der Akropolis erstellt. Perikles starb 429 an der Pest.

Athen verlor den Krieg gegen Sparta, einen «antiken Weltkrieg», der von Sizilien bis nach Kleinasien getobt hatte und in dem jede grössere Macht der Region beteiligt gewesen war. Die Niederlage war zugleich auch das Ende des klassischen Griechenland.

Der Bund

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