Deutsch vs. Deutsch: Paprika heisst Peperoni

Natürlich wird in der Schweiz auch Deutsch gesprochen. Aber zwischen dem schweizerischen und dem deutschländischen Deutsch gibt es einen Haufen verwirrende Unterschiede.

Walter Jäggi@tagesanzeiger

Was George Bernard Shaw über Amerika und England gesagt hat, hätte er auch über Deutschland und die Schweiz sagen können: zwei Länder, getrennt durch die gemeinsame Sprache. Deutsch, sagen die Linguisten, sei eine Standardsprache mit Varianten: eine schweizerische, eine österreichische und eine sogenannt deutschländische. Von Österreich, dem Land in dem die Magister, die Fernsehzuseherinnen und die Rauchfangkehrer leben, wollen wir hier einmal absehen. Auch von der Vielfalt der Dialekte, denn die gibt es in Deutschland mit Kölsch, Berlinerisch oder Bayrisch ebenso wie in der Schweiz mit dem Basel-, Zürich- oder Berndeutsch.

Schweizerdeutsch gibts gar nicht

Was es nicht gibt, ist ein gesamtschweizerisches Schweizerdeutsch, auch wenn der Sprachtyp «Bahnhofbuffet Olten» oft dafür gehalten wird. Wer ahnungslos aus Deutschland in die Schweiz kommt, hat den Eindruck, dieses Schwiizertüütsch verstehe man ja ganz gut. In Wirklichkeit ist es aber das, was die Schweizer unter Hochdeutsch verstehen. Und schon gehen die Probleme los. Nicht jeder Begriff bedeutet in der Schweiz das Gleiche wie in Deutschland. Ratlos lässt Deutsche die Mitteilung, «ich habe Finken gepostet, aber die Schuhbändel vergessen». Dass hierzulande auf einer Piste nicht nur Skifahrer unterwegs sind, sondern auch Flugzeuge, mag sonderbar anmuten, in Deutschland tun sie das auf der Start- beziehungsweise Landebahn. Wer hier Urlaub nimmt, meint nicht Ferien, im Notfall geht man nicht ins Krankenhaus, sondern ins Spital. Die Dole ist in Deutschland als Gully bekannt, die Trute heisst dort Pute.

Dass Dinge, die anders sind, auch anders heissen, ist nicht verwunderlich. Das Abitur ist nicht die Matura, der Regierungsrat ist in Deutschland ein Beamter, in der Schweiz aber ein Mitglied der Kantonsregierung, und das Pils kann man auch nicht einfach mit Bier übersetzen.

Manche Dinge sind wirklich gleich, heissen auch gleich, aber nur fast: Eine Ortsumgehung ist in der Schweiz eine Umfahrung. Die Abfahrt von der Autobahn heisst in der Schweiz Ausfahrt (in der deutschen Strassenverkehrsordnung auch), die Fahrrichtung bei uns ist die Fahrtrichtung in Deutschland, die Wäschemange der Schweizer ist der Deutschen Wäschemangel. Am Detail erkennt man den Unterschied!

Ganz gemein wird es, wenn nur die Betonung wechselt: Bei Asphalt, Kilogramm, Telefon, Motor und dergleichen kommt man bald einmal hinten und vorne nicht mehr draus. Und manchmal wechselt ein Wort mit dem Land unerwarteterweise noch das Geschlecht: Tram, Risotto, Pyjama, Bikini. Und gar die Schreibweise: Die Omelette ist das Omelett, das Trassee die Trasse, das Buffet das Büfett.

Was tut man auf dem Kehrplatz?

Noch schwieriger wird es, wenn das gleiche Wort verschiedene Bedeutungen hat. In Deutschland ist der Hausmeister das, was bei uns der Abwart oder Hauswart; der schweizerische Hausmeister ist der Hausbesitzer. Wie genau sich Anstösser, Anlieger und Anwohner unterscheiden, ist ziemlich rätselhaft. Die Winde ist der Estrich, wer abliegt, legt sich nieder, auf dem Kehrplatz wird nicht gewischt, sondern gewendet.

Auch beim Gemüse gibt es gewisse Definitionsprobleme: Die deutsche Paprika ist eine Peperoni, das steht fest, die Möhre ist in der Schweiz unbekannt, Karotten und Rüben hingegen schon, wobei die Rüben, sofern es nicht rote Beten, nämlich Randen, sind, auf den mundartnahen Namen Rüebli hören. Verkleinerungen sind ohnehin beliebt in der kleinen Schweiz: Feldsalat oder Rapunzel ist hier Nüsslisalat, der Kaspar ein Kasperli - das Leckerli hat gar kein deutsches Pendant.

Eine der Hauptursachen für das Auseinanderklaffen der beiden Deutschvarianten ist die Tatsache, dass Fremdwörter unterschiedlich eingedeutscht wurden. In der Schweiz ist man stolz auf die (wirkliche oder eingebildete) Vielsprachigkeit und fügt locker ein paar französische oder italienische Brocken ein, die dann erst noch (einigermassen) korrekt ausgesprochen werden: Fauteuil, Bulletin, Pédicure, Décharge, vis-à-vis, latte macchiato oder Pizza quattro stagioni. Gut, die Deutschen verabschieden sich neuerdings auch mit einem mediterran saloppen «Ciao», beziehungsweise Tschau, und bei Mercedes gibt es die Modellvariante Elegance Avantgarde, wie das wohl in der Garage, beziehungsweise im Autohaus, ausgesprochen wird?

Unterschiedlich haben Schweizer und Deutsche auch den Einfluss des Englischen verdaut. Während hier der Captain einen Penalty tritt, bringt ein Elfmeter des Mannschaftsführers die Deutschen ins Zittern. Und die Taste ganz links unten auf der Computertastatur heisst Strg (Steuerung) oder gut schweizerisch Control. Während Schweizer Cockpit sagen, sprechen Deutsche von der Pilotenkanzel (und Englischsprechende vom Flight Deck).

Schweizer lieben ihre Mundart

Eine Eigenheit der Schweizer ist, dass die Mundart kein Kennzeichen eines tiefen gesellschaftlichen Status ist, sondern auch für offizielle Zwecke eingesetzt wird, während in Deutschland schnell die Standardsprache gesprochen wird. Eine Eigenheit in der Eigenheit besteht darin, dass Mundartausdrücke ins Hochdeutsche einfliessen, was deutsche Verleger schweizerischer Romanautoren bisweilen zwingt, erklärende Fussnoten einzurücken. Schliesslich möchten die Schweizer ja eigentlich auch von den Deutschen verstanden werden. Wir geben uns Mühe.

Tages-Anzeiger

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