Der totale Vertrauensverlust – warum wir alle Paranoiker sind

Essay

Durch Big Data ist jeder unbescholtene Bürger ein potenzieller Verbrecher geworden. Weil der Missbrauch der Überwachungstechnik im System begründet liegt, ist Misstrauen seine erste Pflicht.

«Big Data» als Hoffnung, die pure Datenquantität könne irgendwann die Verdachtsmuster wie von selbst enthüllen: Server der Postfinance in Zofingen.

«Big Data» als Hoffnung, die pure Datenquantität könne irgendwann die Verdachtsmuster wie von selbst enthüllen: Server der Postfinance in Zofingen.

(Bild: Keystone)

Was macht eigentlich heute ein Psychiater mit einem Patienten, der in der Klinik sitzt, weil er glaubt, immer und überall abgehört zu werden? Ihn als durch die Umstände geheilt entlassen?

Das Gespenstische an den Überwachungsmassnahmen, die durch Edward Snowden in Umrissen publik geworden sind, ist nicht allein ihr Umfang. Wenn es um unsere Daten geht, ist die undurchsichtige Zusammenarbeit zwischen staatlichen Stellen und privaten Unternehmen fast noch beunruhigender. Es handelt sich um eine Verschwörung gegen die Privatsphäre, und ihre Grenzen sind nicht sichtbar. Die Privatsphäre der Bürger, soweit sie sich in Computerdaten manifestiert, wird hemmungslos ausspioniert, und dabei werden sowohl in geografischer als auch in rechtlicher Hinsicht alle Grenzen hemmungslos überschritten. Da macht es auch keinen gravierenden Unterschied mehr, ob lediglich die Metadaten der Telefonate von Angela Merkel aufgezeichnet oder ob auch deren Gespräche belauscht werden.

Immer mal wieder mal schauen

Dass der Bundesnachrichtendienst seinerseits der NSA Daten geliefert hat, degradiert die deutsche Empörung nicht zur Heuchelei, sondern macht sie nur umso gerechtfertigter.

Wer sich nicht verdächtig macht, hat nichts zu befürchten? Das Problem für den Ausspionierten fängt dort an, dass er nicht einmal weiss, was eigentlich verdächtig sein könnte. «Big Data» steht nicht für gezielte Datensammlung (bei wie vielen Betroffenen auch immer), sondern für die Hoffnung, die pure Datenquantität könne irgendwann die Verdachtsmuster wie von selbst enthüllen. Wobei das, was am Tage X noch ein unverdächtiges Verhaltensfragment war – weisses Rauschen im Big-Data-Universum –, am Tage X+1 plötzlich ein verdächtiger Puzzlestein in einem Terroristenprofil werden könnte.

Die nützlichen Algorithmen, welche mir Musik oder Bücher vorschlagen, die mir auch gefallen könnten, sind ein Vorgeschmack dessen, was an staatlicher Terrorprophylaxe auf uns zukommt. Mein Geschmack ist nicht nur selbstverständlich nicht mehr meine Privatsache. Er ist auch nicht mehr eine grundsätzlich harmlose Angelegenheit.

Verschwörung gegen die Privatsphäre

Denn vielleicht ergibt sich ja ein Muster im Universum der Big Data, das meinen Musikgeschmack, meine Einkaufsgewohnheiten in der Migros und meine vermeintlich harmlosen Suchaufträge bei Google mit derselben Sicherheit der Wahrscheinlichkeit zuordnen kann, dass ich eine terroristische Aktivität plane, wie wenn ich dabei ertappt würde, dass ich in meiner Garage hundert Kilogramm TNT horte. Der Vorwurf an die Kuscheljustiz wird in Zukunft lauten: Soll man denn tatenlos zuwarten, bis diese Leute tatsächlich ein Verbrechen begangen haben ...? Man kennt das Verfahren längst aus dem Kino – der Film «Minority Report» handelte von genau dieser Zukunftsvision.

Die Datensammler haben keinen Grund, hinsichtlich ihres Misstrauens von vornherein Ausnahmen zu machen. Schuld oder Unschuld, verdächtig oder unverdächtig sind keine Kategorien, über die irgendwann einmal abschliessend geurteilt werden müsste. (Dergleichen wiederum kennt man schon aus Kafkas «Prozess».) Man wird einfach mal sehen – und zwar immer nur jeweils vorläufig; denn man wird immer wieder «mal sehen» müssen. Immer dann nämlich, wenn der Überwachungs-Algorithmus etwas dazugelernt hat.

Big Data ist gewissermassen der Versuch, die klassische Denkfigur der Paranoia zu entpathologisieren, indem es den Beweis anzutreten versucht, dass tatsächlich alles mit allem zusammenhängt. In diesem allumfassenden Zusammenhang gilt es, relevante Muster zu erkennen. Einzelne Inhalte abzugreifen (wie Merkels Telefongespräche), ist Old School der Spionage, der Mustererkennung gehört die Zukunft.

Totstelleffekt oder Paranoia

An die egalitäre Praxis, dass ein jeder gleichermassen als potenzieller Terrorist behandelt wird, haben wir uns während Jahren bei den Sicherheitskontrollen auf den Flughäfen gewöhnen können. Wobei es nun nicht mehr nur um Pistolen im Handgepäck geht, sondern um ein verdächtiges Verhalten, das nicht von vornherein definiert ist. Wer Sprengstoff im Schuh mit sich führt, den darf man bei aller Unschuldsvermutung wohl als Terroristen verdächtigen. Und «falsch Positive» dürften in diesem Fall noch einigermassen schnell entlastet sein. Anders als die Flughafensicherheitskontrolle bringt das von der NSA (und zugewandten Orten) betriebene Massenscreening notwendigerweise «falsch Positive» hervor, welche allerdings keine Chance haben, in einem einfachen Verfahren ihre Unschuld zu beweisen.

In der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» vom 17. Juli schrieb der Methodenwissenschaftler Gerd Antes: «Mit dem Stempel ‹terrorverdächtig› im Netz der Datensammler und -auswerter hängen zu bleiben, kann ziemlich einfach sein. Fliegt ein jüngerer, dunkelhäutiger Deutschlibanese für eine Partywoche nach Mallorca und schreibt eine SMS nach Hause mit den Worten ‹Alles super hier, Bombenstimmung, und die Mädels sind granatenmässig gut drauf›, dann hat er schon vier Bedingungen erfüllt, die Verdacht auf ihn lenken können.»

Die Reaktionen auf den dramatischen Verlust an Privatheit sind erschreckend lethargisch: Sie reichen von einem resigniert-abgeklärten «Ich habs ja immer schon gewusst» über ein schnoddriges «Ich habe schliesslich nichts zu verbergen» bis zum zynischen «Wer heute noch unverschlüsselte Mails verschickt, ist selber schuld». Die Reaktion schwankt zwischen Totstellreflex und der Empfehlung, statt der gewöhnlichen Post sicherheitshalber einen toten Briefkasten im Wald zu benutzen. Letzteres ist keineswegs eine Übertreibung, sondern lediglich die Übersetzung der Ratschläge, wie sie einem derzeit im Umgang mit elektronischer Kommunikation gegeben werden, in die Sprache des Snailmail-Zeitalters.

Beim «Verschlüsseln von E-Mails und Daten», so riet etwa «Spiegel online» seinen Lesern, gelte es, «das richtige Produkt zu wählen». Einig sind sich Experten darin, dass nur Open-Source-Produkten zu trauen ist, also Software, deren Quellcode öffentlich einsehbar ist. Denn so kann jeder Kenner den Code auf Sicherheitslücken und Hintertüren überprüfen ...

Beim Telefonieren wird es etwas schwieriger: Zwar gibt es auch hier Programme, um Textnachrichten und Telefonanrufe abzusichern; aber wer wirklich fürchtet, abgehört zu werden, muss sich ein gutes Krypto-Telefon zulegen, und das ist teuer. Vor allem aber braucht man ein Gegenüber: Verschlüsselt telefonieren kann man nur mit jemandem, der ebenfalls ein solches Gerät besitzt.»

Wohlgemerkt: Hier geht es nicht um Ratschläge für Dissidenten in Diktaturen, sondern um Tipps für Otto und Erika Normalverbraucher. «Das Handy in der Hosentasche gibt jederzeit Aufschluss darüber, wo sich der Besitzer gerade herumtreibt. Wer dafür eine Achtsamkeit entwickelt, wer weiss, dass das Handy in der Tasche nicht nur praktisch, sondern auch verräterisch ist, kann sich besser schützen – zum Beispiel, indem er es zu Hause lässt. Auch wer zum Beispiel als Informant Kontakt zu Journalisten aufnimmt, sollte die Metadaten nie vergessen: Selbst wenn Sie Ihre E-Mails per PGP verschlüsseln, gilt das nur für den Inhalt. Dass von dieser Adresse an einen Journalisten geschrieben wurde, Datum, Uhrzeit und – Vorsicht! – auch die Betreffzeile sind trotzdem unverschlüsselt. Deshalb sollte man sich grundsätzlich gut überlegen, auf welchem Weg man mit wem in Kontakt tritt – und welche Spuren man versehentlich hinterlassen könnte.» Immerhin wird so der langweilige Alltag wieder spannend.

Drückende Herrschaft

1792 verfasste Wilhelm von Humboldt einen Text, den man als Manifest für einen liberalen Staat lesen kann: «Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen». Humboldt spricht sich in diesem Text, dessen Veröffentlichung an der Berliner Zensur scheiterte und der erst ein halbes Jahrhundert später, 1851, zum ersten Mal publiziert wurde, nicht nur gegen die Folter als Mittel zur Bekämpfung der Kriminalität aus (auch das ist keine Selbstverständlichkeit mehr), sondern auch gegen eine vorbeugende Kriminalitätsbekämpfung. Eine zielgerichtete Verbrechensprophylaxe – wir können stattdessen auch sagen: Schutz vor terroristischen Aktivitäten – «setzt ... nicht bloss ein Bekümmern des Staats um die Privathandlungen einzelner Individuen, sondern auch eine Macht voraus, darauf zu wirken, welche durch die Personen noch bedenklicher wird, denen dieselbe anvertraut werden muss.»

Es muss nämlich alsdann entweder eigens dazu bestellten Leuten oder den schon vorhandenen Dienern des Staats eine Aufsicht über das Betragen und die daraus entspringende Lage entweder aller Bürger oder der ihnen Untergebenen übertragen werden. Dadurch aber wird eine neue und drückendere Herrschaft eingeführt, als beinah irgendeine andere sein könnte; indiskreter Neugier, einseitiger Intoleranz, selbst der Heuchelei und Verstellung Raum gegeben. Man beschuldige mich hier nicht, nur Missbräuche geschildert zu haben. Die Missbräuche sind hier mit der Sache unzertrennlich verbunden ...»

Inzwischen aber sind die Missbräuche, die mit der Sache selbst verbunden sind, nicht mehr abhängig von einzelnen Personen. Sie liegen im wörtlichen Sinne «im System».

Misstrauen – als wievielte Bürgerpflicht auch immer: ob als erste oder erst als zehnte – setzt voraus, dass es prinzipiell auch Vertrauen gibt. Und einen Unterschied zwischen «gesundem» und «paranoidem» Misstrauen. Mir scheint diese Unterscheidung angesichts der total gewordenen Missachtung unserer Privatsphäre hinfällig geworden zu sein. Und ich weiss nicht, wie das Vertrauen in den Respekt vor den Bürgerrechten auf Privatheit (geschweige denn in seinen Schutz) wiederhergestellt werden könnte.

Denn welchen Beteuerungen sollte man in Zukunft noch trauen?

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