Der Geist ist schwach

Warum neigen Jounalisten nach links? Sie fühlen sich hin und her gerissen zwischen der Bewunderung für Menschen, die in der Realität Erfolg haben, und dem Ressentiment, das jenen plagt, der nur in der Welt der Gedanken reüssiert.

Mit spitzer Feder. So karikierte der Franzose Honoré Daumier 1865 den Journalisten: mit der Macht des Wortes die anderen einschüchternd.

Mit spitzer Feder. So karikierte der Franzose Honoré Daumier 1865 den Journalisten: mit der Macht des Wortes die anderen einschüchternd.

(Bild: akg-images)

Markus Somm@sonntagszeitung

Im Jahr 1867 verfasste ein studierter Doktor der Rechte, er hiess Friedrich Locher, ein Pamphlet gegen den damals mächtigsten Mann der Schweiz: Alfred Escher. Da es sich um einen glänzenden Autor handelte, um einen Erzähler, der fabulieren konnte, der anschaulich Geschichten zum Besten gab, die die Leser nur so verschlangen, ganz gleich, ob alle Details auch der Wahrheit entsprachen, hatten seine Artikel eine verheerende Wirkung. Über einen Besuch, den er Alfred Escher in dessen Villa Belvoir am Zürichsee abgestattet haben wollte, schrieb Locher: «Rasch eilte ich dem Portal des Belvoir’s zu. Gärtner schritten bedächtig hin und her, rechten die wohlgepflegten Wege und säuberten die Beeten von rauschenden Blättern.

Der Kutscher putzte das Beschläge der Karosse. Aus den entlaubten Gebüschen aber tauchten die weissen Mauern des Schlosses empor. Der Kettenhund legte die Schnauze auf die Pforte und mass mich mit dem Stillschweigen der Verachtung. Es ist eine schöne Besitzung, das Belvoir! – Sonderbar aber geht es zu in der Welt. Gibt es wirklich eine Vorsehung, eine Gerechtigkeit? Auf dieser Welt wohl nicht, denn die Negersklaven, aus deren Schweiss und Blut dieser Palast gebaut ist, sie modern schon längst auf fremder Erde, während ihre Herren sich besten Wohlseins erfreuen.»

Gut formulierte Verleumdung

Alfred Escher, Gründer der Kreditanstalt, Baron der Eisenbahnen, Nationalrat und Herrscher des Kantons Zürich, Gott des schweizerischen Liberalismus – ein Sklavenbesitzer? Wie immer bei gut formulierten Verleumdungen blieb der Verdacht wie Schwefel in der Luft hängen, weil irgendetwas vielleicht doch stimmte. Tatsächlich verbreitete Locher in seiner Geschichte alte Gerüchte, die nie bewiesen, aber auch nie widerlegt worden waren: dass Eschers Vater Heinrich sein sagenhaftes Vermögen, das er Anfang des 19. Jahrhunderts aus Amerika zurückgebracht hatte, dem Handel mit schwarzen Sklaven verdankte. 20 Jahre lang hatte Heinrich Escher in Amerika als Unternehmer und Kaufmann gelebt, bis er sich ab 1814 in Zürich zur Ruhe setzte.

Es war nicht der einzige Vorwurf, den Locher Alfred Escher machte. Das Pamphlet «Der Prinzeps und sein Hof» strotzte vor bösen Unterstellungen, klassenkämpferischer Kritik, demokratischer Sorge und brillanten Schilderungen der angeblichen Plutokratie des Systems Escher. Wenn je ein Schweizer Journalist Geschichte geschrieben, wenn je ein Autor hierzulande einen Mächtigen gefällt hat, dann Friedrich Locher, dessen Schriften den Sturz von Alfred Escher herbeiführten. Darf man ihm gratulieren? Eitel, selbstgerecht, rachsüchtig, verletzt, von Neid zerfressen: Locher muss ein widerwärtiger Mensch gewesen sein.

Auch politisch war er alles andere als einfach zu verorten. Trat er zunächst als ein Kritiker der para-monarchischen Herrschaft von Escher auf und stellte seine Wortgewalt der demokratischen Opposition zur Verfügung, entwickelte er später kräftige Sympathien für Bismarck, den deutschen Reichsgründer, einen echten Diktator.

Nichts beeindruckte Locher mehr als die Entschlossenheit, mit welcher der eiserne Kanzler seine Opposition, ob liberal oder sozialdemokratisch, unterdrückte oder verfolgte. Nichts fand der Schweizer erstrebenswerter als den starken Staat Bismarcks und den von ihm erfundenen Staatssozialismus, im Zeichen dessen die Deutschen zum Preis der Freiheit die erste Sozialversicherung der Welt erhielten. Kurz, in seinen politischen Ansichten erwies sich Locher als flexibel.

Was für Friedrich Locher gilt, trifft für sehr viele andere Journalisten zu – bis heute. Idealtypisch verkörperte der Advokat Furcht und Elend der Publizistik: Einflussreich dank dem treffenden Wort und dem tödlichen Satz, nicht völlig gesinnungslos, aber doch für die Wendungen des Zeitgeists empfänglich, da diese Sensibilität sich als Voraussetzung für den Beruf erweist, ist der Journalist eine Art Hybrid, der über seinen Verhältnissen lebt, oft auch eine tragische Gestalt, sobald er feststellt, dass er bloss der Mächtigste unter den Ohnmächtigen ist.

Weil er als klassischer Intellektueller allein von der Luft seiner Ideen und seiner Worte lebt, fühlt er sich hin und her gerissen zwischen der Bewunderung für Menschen, die in der Realität Erfolg haben, und dem Ressentiment, das jenen plagt, der nur in der Welt der Gedanken reüssiert.

Liebste Diktatur

Das macht ihn verführbar: durch grosse Männer (selten sind es Frauen) – und durch grosse Ideen. Ob sich der Journalist vom Herrscher vereinnahmen lässt und Hymnen auf ihn singt oder ob er sich gegen ihn einschiesst und bis in den Tod mit virtuellen Granaten eindeckt: Beides ist möglich, beides verrät eine gewisse Obsession mit der Macht an sich. Bismarck oder Escher. Oft hat diese Schwäche dazu geführt, dass Publizisten die Demokratie mit Geringschätzung behandelten, während sie sich umso besinnungsloser am Glanz des Auserwählten und des Gesalbten berauschten, an dessen Hof es sie zog. Dieser Bias ist bis heute zu erkennen.

Wenn Demokratie nämlich bedeutet, dass der Coiffeur und der Bäckermeister, der Bünzli im schlecht geschnittenen Anzug und der Tramkontrolleur im unförmigen Anorak genauso viel zu sagen haben wie der Professor oder der Architekt und der Bankier, dann passt diese organisierte Anarchie nicht zu den Sehnsüchten des Intellektuellen, der früher häufig der Herrschaft eines Einzelnen, heute meistens einer Elite, den Vorzug gibt, im Zweifelsfall einer transnationalen.

Aus den gleichen Gründen finden wir nicht so viele Journalisten, die den Markt, diese wie von unsichtbarer Hand gesteuerte Entropie, schätzen. Zu unklar ist, wer etwas zu sagen hat, zu klar stattdessen scheint, dass niemand das zur Genüge vermag. Auch im Markt triumphiert der Egalitarismus, nicht der Diktator, nicht die Elite, auch wenn sie es besser zu wissen glaubt und sich manchmal einbildet, die Märkte «erziehen» zu können. Lieber beschreiben die Intellektuellen das Weltgeschehen als ein Schachspiel der Herrscher und Eliten oder als eine Verschwörung der wenigen Reichen gegen eine Mehrheit der Armen.

Alles Unübersichtliche, das fröhliche Chaos, ist dem Intellektuellen zuwider, vor allem, wenn er nichts dazu beitragen kann. Meistens ist das der Fall. Er sitzt am Schreibtisch, während die anderen handeln. Umso häufiger gibt er sich deshalb der zweiten Verführung hin: der grossen Idee, der meist abstrakten, meist utopischen Theorie, die alles zu erklären und zu revolutionieren verspricht. Es handelt sich um eine Liebesbeziehung, die wohl niemand abgeklärter analysiert hat als Friedrich von Hayek, der bedeutende liberale Ökonom.

Denn wer wüsste insgeheim nicht besser, was die ganze Welt zusammenhält, wenn nicht der Intellektuelle, wenn nicht der Publizist? Virtuoser Dilettant und begnadeter Generalist, hat der Journalist zu nichts etwas zu sagen – und sagt deshalb zu allem vieles. Unbehelligt vom Fachwissen des Spezialisten, unbedrängt von Fakten, unbekümmert von den Gesetzen der Wirklichkeit, von Knappheit und Mangel, stellt der Journalist seinen Lesern eine neue Welt vor, deren Realitätsgehalt sie kaum einschätzen können, weil sie sich im Spezifischen bewegen, im Milieu jener, die mit dem Gegebenen zurande kommen müssen, aber nur einen begrenzten Teil dieses Universums kennen. Was ist dem Bankdirektor, der die Geheimnisse der Finanzmärkte durchschaut, von den Mysterien der Klimaforschung bekannt? Wie vermag der Arzt zu beurteilen, ob dem Atomphysiker bei seinen Risikoberechnungen ein Fehler unterlaufen ist?

Die Macht des Journalisten

Einzig der Journalist wagt es – weil es sein Beruf ist. Was das Spezifische anbelangt, ist er ein Bettler, im Reich des Allgemeinen dagegen ist er der König. Niemand weiss so viel über alles und so wenig über das Einzelne. Daraus leitet der Journalist Macht ab, daraus knetet er seinen Lebensunterhalt. Sozialismus, Kommunismus, Faschismus: Keine Berufsgruppe erlag dem Totalitarismus wohl totaler als die Journalisten und Intellektuellen. Und keine Berufsgruppe neigt noch heute in so überwiegendem Masse der Linken zu, die sich inzwischen von einer Partei, die den Sozialismus anstrebte, zu einer Kraft der wohlwollenden, aber autoritären Eliten gewandelt hat. Liberal waren, liberal sind die Journalisten bloss im Ausnahmefall.

Nachdem Friedrich Locher den Niedergang von Alfred Escher eingeleitet hatte, wollte ihm nichts mehr gelingen. Sein Einfluss starb ebenfalls ab.

«Der Leser verliert nichts, wenn wir auf die Schilderung der weitern Wirksamkeit Lochers verzichten», schrieb der Historiker Samuel Zurlinden über Locher in einem Buch, das 1915 erschienen war. «Sie kommt für die Geschichte der Stadt Zürich nicht mehr in Betracht. Es handelt sich um einen Unglücklichen, der in seiner unverbesserlichen, krankhaften Verleumdungssucht noch manchem Staatsmann und Politiker schwere oder doch verdriessliche Tage bereitete, ohne ihnen ernstlich etwas anhaben zu können.»

Gegen Escher, für Bismarck. Locher hatte sich gewendet. Ob es ihn glücklich machte, ist offen. Einsam und verhasst starb er 1911 in Paris.

Basler Zeitung

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