«Das Priestertum erschien plötzlich als Ort der Schande»

Kondome, Burkaverbot und Missbrauch: In seinem neuen Buch äussert sich Benedikt XVI. zu brisanten Themen – und zu seinen eigenen Schwächen.

«Dass ich mich plötzlich dieser gewaltigen Aufgabe gegenüber sah, war, wie alle Leute wissen, ein Schock für mich»: Papst Benedikt XVI.

«Dass ich mich plötzlich dieser gewaltigen Aufgabe gegenüber sah, war, wie alle Leute wissen, ein Schock für mich»: Papst Benedikt XVI.

Das neue Interviewbuch des Journalisten Peter Seewald mit Papst Benedikt XVI. wird zwar erst am Dienstag offiziell im Vatikan vorgestellt, durch Vorabveröffentlichungen in mehreren Medien sind aber Teile bereits bekannt. Hier einige zentrale Gedanken des Papstes aus «Licht der Welt»:

Zu Kritik an ihm als Papst: «Bei ausschliesslicher Zustimmung hätte ich mich ernsthaft fragen müssen, ob ich wirklich das ganze Evangelium verkündige.»

Zum Missbrauchsskandal: «Plötzlich so viel Schmutz. Es war wirklich wie ein Vulkankrater, aus dem plötzlich eine gewaltige Schmutzwolke herauskam, alles verdunkelte und verschmutzte, so dass vor allen Dingen das Priestertum plötzlich ein Ort der Schande erschien.»

«Die Sache kam für mich nicht ganz unerwartet. Ich hatte schon in der Glaubenskongregation mit den amerikanischen Fällen zu tun; ich hatte auch die Situation in Irland aufsteigen sehen. Aber in dieser Grössenordnung war es trotzdem ein Schock.»

Zur Berichterstattung über die Missbräuche: «Soweit es Wahrheit ist, müssen wir für jede Aufklärung dankbar sein. (...) Und schliesslich hätten die Medien nicht in dieser Weise berichten können, wenn es nicht in der Kirche selbst das Böse gäbe. Nur weil in der Kirche das Böse war, konnte es von anderen gegen sie ausgespielt werden.»

Zu einem möglichen Rücktritt des Papstes: «Wenn ein Papst zur klaren Erkenntnis kommt, dass er physisch, psychisch und geistig den Auftrag seines Amtes nicht mehr bewältigen kann, dann hat er ein Recht und unter Umständen auch eine Pflicht, zurückzutreten.»

Intoleranz: «Es breitet sich eine neue Intoleranz aus, das ist ganz offenkundig. Es gibt eingespielte Massstäbe des Denkens, die allen auferlegt werden sollen. Diese werden dann in der sogenannten negativen Toleranz verkündet. Also etwa, wenn man sagt, der negativen Toleranz wegen darf es kein Kreuz in öffentlichen Gebäuden geben. Im Grunde erleben wir damit die Aufhebung der Toleranz, denn das heisst ja, dass die Religion, dass der christliche Glaube sich nicht mehr sichtbar ausdrücken darf.»

Burka-Verbot: «Christen sind tolerant, und insofern lassen sie auch den anderen ihr Selbstverständnis. (...) Was die Burka angeht, sehe ich keinen Grund für ein generelles Verbot. Man sagt, manche Frauen würden die Burka gar nicht freiwillig tragen und sie sei eigentlich eine Vergewaltigung der Frau. Damit kann man natürlich nicht einverstanden sein. Wenn sie sie aber freiwillig tragen wollen, weiss ich nicht, warum man sie ihnen verbieten muss.»

Papst Pius XII.: »Er hat seinerseits alles getan, um Menschen zu retten. Natürlich kann man immer wieder fragen: ‹Warum hat er nicht deutlicher protestiert?› Ich glaube, dass er gesehen hat, welche Folgen ein offener Protest haben würde. (...) Entscheidend ist, was er getan hat und zu tun versucht hat, und da muss man, glaube ich, wirklich erkennen, dass er einer der grossen Gerechten war, der so viele Juden gerettet hat wie kein anderer.»

Gebrauch von Kondomen: »Tatsächlich ist es so, dass, wo immer sie jemand haben will, Kondome auch zur Verfügung stehen. Aber dies allein löst eben die Frage nicht. Es muss mehr geschehen.«

«Die blosse Fixierung auf das Kondom bedeutet eine Banalisierung der Sexualität.«

«Es mag begründete Einzelfälle geben, etwa wenn ein Prostituierter ein Kondom verwendet, wo dies ein erster Schritt zu einer Moralisierung sein kann, ein erstes Stück Verantwortung, um wieder ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass nicht alles gestattet ist und man nicht alles tun kann, was man will. Aber es ist nicht die eigentliche Art, dem Übel der HIV-Infektion beizukommen. Diese muss wirklich in der Vermenschlichung der Sexualität liegen.»

«Im einen oder anderen Fall kann es in der Absicht, Ansteckungsgefahr zu verringern jedoch ein erster Schritt sein auf dem Weg hin zu einer anders gelebten, menschlicheren Sexualität.«

Holocaust-Leugner Richard Williamson: Auf die Frage, ob er die Exkommunikation von Williamson aufgehoben hätte, wenn er von der Holocaust-Leugnung gewusst hätte: «Nein. (...) Aber leider hat niemand bei uns im Internet nachgeschaut und wahrgenommen, um wen es sich hier handelt.«

Über Merkels Kritik am Vatikan im Fall Williamson: «Anscheinend war sie über das, was die katholische Kirche inzwischen gesagt und getan hatte, nur unvollständig unterrichtet.»

Frauenpriestertum: «Die Kirche hat ‹keinerlei Vollmacht›, Frauen zu weihen. Es ist nicht so, dass wir sagen, wir mögen nicht, sondern: wir können nicht. (...) Im Übrigen gibt es so viele grosse, bedeutende Funktionen der Frauen in der Kirche, dass von Diskriminierung nicht gesprochen werden kann.»

Über seine Papstwahl: «Ich hatte eigentlich erwartet, endlich Frieden und Ruhe zu finden. Dass ich mich plötzlich dieser gewaltigen Aufgabe gegenüber sah, war, wie alle Leute wissen, ein Schock für mich.»

«Der Gedanke an die Guillotine ist mir gekommen: Jetzt fällt sie herunter und trifft dich. Ich war mir ganz sicher gewesen, dass dieses Amt nicht meine Bestimmung ist.»

Freizeit des Papstes: «Natürlich muss er auch in seiner Freizeit Akten studieren und lesen. (...) Aber es gibt mit der Päpstlichen Familie, den vier Frauen aus der Gemeinschaft der ‹Memores Domini› und den beiden Sekretären auch die gemeinsamen Mahlzeiten; das sind Momente der Entspannung.«

«Die Nachrichten schaue ich mir mit den Sekretären an, aber wir sehen uns manchmal gemeinsam auch eine DVD an. (...) Dann schauen wir uns gerne Don Camillo und Peppone an.»

oku/dapd

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