Brennendes Verlangen

In den USA sind alte Filme, in denen geraucht wird, erst ab 13 zugelassen. Was kommt als Nächstes?

Wandelnde Kaminschlote: Humphrey Bogart und Lauren Bacall in «To Have and Have Not» (1945). Foto: Intertopics

Wandelnde Kaminschlote: Humphrey Bogart und Lauren Bacall in «To Have and Have Not» (1945). Foto: Intertopics

Jean-Martin Büttner@Jemab

Der Tonfilm, das Rauchen, das Abnehmen: drei Trends, die im 20. Jahrhundert aufkamen. Und wo auf der Leinwand geraucht wurde, waren Humphrey Bogart und Lauren Bacall nicht weit. Zwei wandelnde Kaminschlote, die einander Feuer gaben und dem Publikum ein Lebensgefühl der Coolness vorrauchten.

Die Zigarette wurde zum Requisit des Verlangens, der Rauch zur visualisierten Verführung in Zeitlupe. James Dean, Bette Davis, Audrey Hepburn und all die anderen – rauchend umwarben sie einander und warben gleichzeitig für die Tabak­industrie, ohne dass die irgendetwas zahlen musste.

Das grosse Retuschieren

Lange her. «Heutzutage rauchen in den Filmen nur noch Europäer und Psychopathen», sagt Nick Naylor, der Sprecher der Tabakindustrie, im Film «Thank You for Smoking». Jason Reitmans Satire auf die politische Korrektheit spielt in den Neunzigerjahren, als die Tabakindustrie mit Kollektivklagen, Hearings und Prozessen eingedeckt wurde und in einem teuren Vergleich Zugeständnisse machen musste. Es ging um Milliarden von Dollar nach Millionen von Toten.

Seither wurden die Rauchverbote in der Öffentlichkeit verstärkt, die Werbemöglichkeiten der Tabakindustrie eingeschränkt, die Gesundheitswarnungen intensiviert. In den Filmen raucht heute fast niemand mehr, und wer es trotzdem tut, spielt selten eine gewinnende Figur.

Jacques Tati wurde auf dem Plakat zu seinem Film «Mon oncle» die charakteristische Pfeife weg­retuschiert, bei Humphrey Bogart und Marlene Dietrich war es die Zigarette. Auch die Briefmarke, die an Robert Johnson erinnert, den jungen, toten Bluesmann aus Mississippi, zeigt ihn zigarettenlos. Lucky Luke, der vom Zeichner Morris erfundene Cowboy, muss schon seit Jahren an einem Grashalm saugen.

Und wo es gar nicht anders geht bei einem Film über eine Zeit, in der die Leute überall rauchten, daheim, im Auto, im Zug, im Flugzeug, im Büro und im Bett sowieso, haben die Behörden vor ein paar Jahren eine neue Kategorie für die Altersfreigabe eingeführt. «Historical smoking» heisst sie und meint entschuldigend, dass man halt damals noch rauchte, das aber für Kinder unter 13 Jahren nicht für zuträglich hält. Das unhistorische, also aktuelle Rauchen in Filmen stellt die Motion Picture Association of America auf dieselbe Stufe mit Drogen, Sex und Gewalt. Eine Zigarette zu rauchen ist so verwerflich wie einen Menschen umzubringen. Die Gleichberechtigung von Feuerzeug und Flammenwerfer.

Nackt ohne Decke

Was kommt als Nächstes? Sollten sich die Spätfolgen von Handystrahlen unangenehm bemerkbar machen, dürfte es bis zum «historical phoning» nicht mehr allzu lange dauern. Überfällig ist eine weitere, von der Motion Picture Association of America bislang ignorierte Kategorie. US-Filme bleiben beim Sex viel zugeknöpfter als europäische, Nackte sitzen da im Bett mit der Decke bis zum Kinn, und wenn sie aufstehen, nehmen sie die Decke gleich mit.

Das zeigen die Franzosen anders. Weshalb das amerikanische Publikum zu warnen wäre: erst ab 17 Jahren – smoking, eating, drinking and European fucking.

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