«Sei mal ruhig, sonst lauf ich raus»

Im gestrigen «Club» von SRF diskutierten Männer über toxische Männlichkeit – und es ging hoch zu und her.

Im «Club» wurde gestern über «die Männlichkeit in der Krise» diskutiert. (Video: SRF, Sendung «Club», 29.01.2019)
Philippe Zweifel@delabass

Regelmässig wird «der neue Mann» verhandelt. Eben noch waren es Omega-Männchen, die zu reden gaben: von Powerfrauen und Alphamännern verunsicherte Typen, die resigniert haben. Nun steht die neueste Männerdebatte an, Stichwort «toxische Männlichkeit»: Die machoide Vorstellung davon, was als männlich gelte, mache es Jungen und Männern schwer, über ihre Probleme zu sprechen. Eine viel kommentierte Gillette-Werbung, die das Thema aufgriff, machte den Begriff auch hierzulande bekannt.

Nun hat der Männerdiskurs bisher nicht viel Verständliches zutage gefördert. Aber vielleicht geht es in dieser Debatte weniger um Verständlichkeit als Sichtbarkeit: Männer, die ihre Männlichkeit nicht mit sich alleine ausmachen, sondern mit anderen Männern – zum Beispiel gestern im «Club», in einer Men-only-Runde.

Der Einstieg in die Diskussion war allerdings ein klassisches definitorisches Grundsatz-Hickhack. Für den Männerarzt Marco Caimi ist toxische Männlichkeit ein unzulässiger Begriff, weil schädlich nur sein könne, wer jemand anderem schade. Doch dafür gebe es Gesetze. Männerberater Markus Theunert widersprach: Das Problem sei ja gerade, dass die Männer sich selbst vergifteten, indem sie nicht zu sich selbst schauten und stattdessen kompetitiv und leistungsorientiert seien.

Das hätte er gar nicht sagen müssen, die Männerrunde machte dies bereits nach wenigen Minuten klar: Es herrschte eine gereizte Stimmung. Man fuhr sich über den Mund, wurde laut. «Du machst ein Mischmasch.» – «Nein, du machst ein Mischmasch.»

Auftritt Toni Bortoluzzi. Der SVP-Politiker brach die Debatte auf den «Kern der Natur» herunter: Männer müssten Frauen erobern und sich «eine Partnerschaft holen». Und da stehe der überbordende Feminismus im Weg. Mit solchen dogmatischen Männerdefinitionen hatte Kabarettist Patrick Frey Mühe, der in einer Familie von He-Männern aufgewachsen sei und darunter gelitten habe, weil er sich ständig von ihnen habe abgrenzen müssen.

Es war ein seltenes anschauliches Statement. Kurz darauf giftelten sich Caimi und Theunert wieder an: «Sei mal ruhig, sonst lauf ich raus.» Irgendwann lief die Diskussion dorthin, wo sie stets hinläuft: auf die Frage, ob Bauarbeiter oder Migranten sich solche Fragen auch stellten.

Ja, wie soll er denn nun sein, der neue Mann: softer Macho oder kerniger Frauenversteher?

Die Antwort hatte niemand. Zwar wurden munter Genderstudien zitiert, die mal dies, mal das besagten, aber zu einem Schluss kam man natürlich nicht. Mit der Pauschalisierung «Der Mann» und wie er sein soll, kommt man nicht weiter, das war, wenn man so will, die Erkenntnis des «Clubs». Ausserdem entstand nach 90 Minuten TV-Talk einmal mehr der Eindruck, dass die Debatte um den neuen Mann vor allem eine Mediendebatte ist.

Das heisst nicht, dass sie unnötig wäre. Aber ob der Mann zu Hause vor dem Fernseher wirklich so ratlos in einer Krise steckt? Oder tut er es, aber weiss es gar nicht? Ihre Meinung interessiert uns, unten können Sie mitdiskutieren.

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