Aus Rauchern werden Verlierer

Raucherdebatte

Suchtmittel werden je nach gesellschaftlicher Schicht anders wahrgenommen. Deshalb ist Drogenpolitik immer auch Klassenpolitik.

Das Ungesunde proletarisiert sich: Frau mit Zigarette.

Das Ungesunde proletarisiert sich: Frau mit Zigarette.

(Bild: Keystone)

Jean-Martin Büttner@Jemab

Ein 75-jähriger Rentner muss seine Wohnung verlassen, in der er vierzig Jahre lang gelebt hat. Einzige Begründung gemäss «Spiegel online»: Der Mann rauche zu viel und belästige damit seine Nachbarn. So hat es das Landgericht Düsseldorf in zweiter Instanz entschieden. Rauchen in der eigenen Wohnung sei kein Kündigungsgrund, heisst es in der Urteils­begründung. Doch habe der Mieter zu wenig dagegen unternommen, dass der Rauch ins Treppenhaus drang.

Die Belästigung als Verbrechen

Die Nachbarn mögen recht haben mit der Belästigung, kalter Rauch riecht ekelhaft. Sowieso hat die Öffentlichkeit unter dem Nikotingebrauch einer Minderheit zu lange leiden müssen, und es ist richtig, dass das Rauchen an öffentlichen Orten eingeschränkt wurde. Wenn aber Privatwohnungen zur Kampfzone deklariert werden, droht Überjustiz. Das Rauchen wird von der Belästigung zum Verbrechen kriminalisiert, und wie bei anderen Drogen trägt die Sehnsucht nach Abstinenz parareligiöse Züge.

Diesen reinigenden Impuls scheint auch die britische Ärztevereinigung erfasst zu haben. Sie will bis zum Jahr 2035 eine komplett rauchfreie Gesellschaft installieren. Dazu soll der Verkauf von Zigaretten an jeden Briten und jede Britin verboten werden, die nach dem Jahr 2000 geboren sind. Eine Minderheit der Vereinigung findet das intolerant oder kontraproduktiv, sie befürchten einen Schwarzmarkt mit allen Verheerungen, wie man es von den illegalen Drogen kennt.

Natürlich: Die ärztliche Sorge ist begründet. Mit dem Rauchen aufzuhören, fällt umso schwerer, je früher man damit anfängt. Und es stimmt auch, dass die Tabakindustrie auf die junge Kundschaft zielt, weil diese sich besonders gut manipulieren lässt. «Adult choice», das Rauchen als erwachsene Wahl: Das ist ein ebenso perfider wie genialer Slogan; er formuliert eine Einschränkung, die als Verlockung funktioniert. Der Zweck des Verbots ist seine Übertretung.

Am meisten irritiert an dieser Verbotskultur auch nicht die Absicht, sondern der Zeitpunkt. Er bestätigt die Erfahrung, dass Drogenpolitik unweigerlich die Klassenpolitik aktiviert. Denn die neue Strenge betrifft nicht die Mittelklasse, die immer mehr auf ihre Gesundheit achtet. Tabak, Alkohol, Übergewicht, bilanzierte die Weltgesundheitsorganisation Anfang Jahr: Sie belasteten immer stärker die ärmeren Länder. Je weniger die Reichen rauchen, desto mehr tun es die Armen. Das ­Ungesunde proletarisiert sich und wird zur Verfehlung deklariert. Aus Rauchern werden Verlierer.

Kettenraucher unter sich

Drogen würden je nach Schicht der Konsumenten ganz anders wahrgenommen, sagt der Zürcher Historiker Jakob Tanner im Gespräch, das habe sich auch am Zürcher Platzspitz und Letten gezeigt: «Erst als Kinder vom Zürichberg zu fixen begannen, sich in Gefahr brachten und in die Krimina­lität abrutschten, wurde eine liberale Drogenpolitik möglich.»

Friedhelm Adolf, der pensionierte Hausmeister, erwägt den Weiterzug des Urteils an den Bundesgerichtshof. Etwas hat er mit seinen beiden ersten Prozessen schon erreicht: Er ist der zweitbekannteste deutsche Ketten­raucher nach Helmut Schmidt. Nur darf der ehemalige Bundeskanzler überall rauchen. Sogar im Fernsehen.

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