Zum Hauptinhalt springen

100 Jahre alte Zeitkapsel gibt ihre Geheimnisse preis

Was eine Gruppe von Wallstreet-Geschäftsleuten 1914 der Nachwelt erhalten wollte, wurde nun in New York beantwortet.

Gespannt auf den Inhalt: Historiker Nick Yablon bei der Öffnung der Zeitkapsel. (8. Oktober 2014)
Gespannt auf den Inhalt: Historiker Nick Yablon bei der Öffnung der Zeitkapsel. (8. Oktober 2014)
Keystone

Was fanden die Menschen vor 100 Jahren wichtig? Was finden wir jetzt wichtig? Und wie werden die Menschen in 100 Jahren darüber denken? In New York wurde jetzt eine Zeitkapsel von 1914 geöffnet – und auch gleich eine neue verschlossen.

Die Schatulle ist aus Bronze mit kleinen Füsschen, zwei Henkeln an jeder Seite, einer Krone als Griff – und sie war 100 Jahre lang verschlossen. Eine Gruppe von Wallstreet-Geschäftsleuten hatte sie 1914 mit allen möglichen Dingen, die sie als für ihre Zeit wichtig ansahen, gefüllt.

Seth Low, ein früherer Bürgermeister New Yorks, verschloss die sogenannte Zeitkapsel dann bei einer feierlichen Zeremonie fest mit einer Reihe bronzener Nägel und übergab sie der New York Historical Society, der New Yorker Gesellschaft für Geschichte.

Anweisungen in der Zeitkapsel: Das Begleitschreiben der Wallstreet-Geschäftsleute. (Bild: Keystone)

Sechzig Jahre später, also 1974, sollte sie geöffnet werden, doch die Truhe wurde vergessen und erst vor kurzem in einem Kunstlager im Stadtteil Chelsea wiedergefunden. Deswegen kam der grosse Tag der Truhe erst jetzt, 100 Jahre nach ihrem feierlichen Verschluss.

Enttäuschung

In Anwesenheit des Historikers Nick Yablon von der Universität Iowa öffneten Experten die Schatulle. Sie gehört nach Yablons Einschätzung zu den ältesten je gefundenen verschlossenen Zeitkapseln. Der mit Spannung erwartete Inhalt: Ausgaben von zahlreichen Tageszeitungen, die Verfassung der New Yorker Börse, der Jahresbericht eines Spitals und eine Kopie des Fachblatts für Kaffee- und Teehandel.

Der Inhalt: Schriftstücke aus dem Jahre 1914. (Bild: Keystone)

Auf den ersten Blick nicht gerade spektakulär, muss auch Zeitkapselforscher Yablon zugeben. «Enttäuschung ist die häufigste Reaktion auf Zeitkapselöffnungen.» Trotzdem könnten solche Schatullen für Wissenschaftler wichtige Erkenntnisse mit sich bringen.

«Als Historiker müssen wir sehr vorsichtig sein, wie wir diese sehr bewusst zusammengestellten Momentaufnahmen aus der Vergangenheit lesen.» Mit der New Yorker Truhe hätten die Geschäftsleute von der Wallstreet wohl Werbung für ihre Arbeit machen wollen, vermutet Yablon.

Prof. Yablon liest die Schlagzeile der hundertjährigen New York Times. (Bild: Keystone)

Einerseits wollten sie wohl ihre Geschäfte dokumentieren, andererseits wollten sie aber anscheinend auch klarstellen, dass sie New York und nicht etwa Boston oder Philadelphia als Geburtsstätte der amerikanischen Revolution sahen, die zur Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten 1776 führte. Als Beweis dafür legten sie eine Kopie des Briefes des New Yorker Korrespondenzausschusses von 1774 bei, in dem die Gründung einer «tugendhaften und geistreichen Vereinigung» gefordert wird.

Desinfektionsmittel, iPhone und Zeitung

Aus der Zeit zwischen 1876 und 1914 gibt es nach Yablons Erkenntnissen etwa 30 Zeitkapseln, auch wenn das Wort dafür erst in den 30er-Jahren zum ersten Mal benutzt wurde. Das Zusammenstellen von Zeitkapseln sei in Nordamerika eine viel weiter verbreitete Tradition als in Europa, wo die erste bekannte Kiste voller Zeitgeschichte aus dem Jahr 1907 stamme.

Aber die Experten öffneten nicht nur eine Box – sie packten mit der Hilfe von zahlreichen New Yorker Schülern auch gleich eine neue. Diese Zeitkapsel soll wiederum 100 Jahre in der New York Historical Society lagern und 2114 geöffnet werden.

Runde 2: Diese Gegenstände werden in einer neuen Zeitkapsel versiegelt. (Bild: Keystone)

Darin: Desinfektionsmittel für die Hände, ein Becher der Kaffee-Kette Starbucks, das neueste iPhone und eine U-Bahn-Fahrkarte. Nur eine einzige Sache steckt in der neuen Zeitkapsel, die auch schon in der alten gefunden wurde: eine Ausgabe der «New York Times».

SDA/jym

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch