Ferienstunden, Fragestunden

Wenn man abschaltet, schweifen die Gedanken gerne ab. Aus der Entspannung wird dann eine innere Fragestunde.

Der Blick in die Wolken kann zu Gedankenexperimenten führen.

Der Blick in die Wolken kann zu Gedankenexperimenten führen.

(Bild: Andreas Faessler)

In den Ferien schalten wir mal richtig ab. Abschalten tun wir zwar auch im Arbeitsalltag, in der Schule oder im Theater. Gehirnforscher wissen, der Mensch schaltet ab, wenn er zu viel erlebt, also überfordert ist. Und er schaltet ab, wenn er zu wenig erlebt, das Gehirn also unterfordert ist. Das Gehirn hat es gern zwischendrin. Wie in den Ferien. In der Natur ist das Gehirn beschäftigt, aber nicht zu sehr.

Du liegst in der Wiese und schaust zu den Wolken hoch. Wie angenehm. Hier stülpt sich eine Mammatuswolke wie die Seitenansicht von Claudia Cardinale. Dort sieht eine Wolke wie ein Drache aus. Du sitzt am Meer und siehst den Wolken nach, das Gehirn denkt sich was aus. Es erkennt ­Formen in den Wolken, denn es ist darauf ausgerichtet, ­­Eindrücke in Sekundenschnelle zu etwas Bekanntem zu vervollständigen. Pareidolie nennt man das. Wissen wir von ­Wikipedia, jenem Lexikon, das ­irgendwo in der Wolke hängt, in der Cloud, und schon rattert das Gehirn weiter: Die Cloud, was ist das ­überhaupt?

Ferienstunden sind Fragestunden. Der Geist sinnt vor sich hin. Ergebnislos, was sonst. Aber fragen darf man sich schon. Vor den Ferien habe ich meinen neuen Laptop eingerichtet. Dabei wurde ich zuerst gefragt (von wem eigentlich?), ob ich meine Dokumente auf die Cloud hochladen will. Mmmh. Was passiert, falls ich es tue, und was, wenn ich es lasse? Wem gehört die Datenwolke? Kann sie sich in nichts auflösen wie ein Federwölkchen? Wer weiss das? Vielleicht IT-­Spezialisten. Bislang hat mir kein normaler Cloud-Nutzer erklären können, was da abgeht. Sogar Wikipedia findet nur wolkige Worte: «Die Cloud ist eines der ältesten Sinnbilder der Informationstechnik und steht als solches für Rechnernetze, deren Inneres un-bedeutend oder unbekannt ist.»

Sinnbilder also. Das Innere ist unbedeutend oder unbekannt. Klingt nach Leerverkäufen, Cum-Ex und heiligem Geist. Trotzdem klappt es irgendwie mit der Cloud. Jeden Tag. Was passiert eigentlich, wenn irgendein Petrus aus dem Silicon Valley das Wikipedia-­Lexikon aus der Wolke kippt? Müssen wir dann wieder in die Bibliothek fahren? Wird es überhaupt noch gedruckte Bücher geben?

Fragen über Fragen. Schon zieht die nächste heran wie eine Regenwolke.

Falls ich in zehn Jahren in eine ­Bibliothek fahren müsste, dann mit ­welchem Auto? Wird es sich selber steuern können? Wenn ja: Wie wird sich das Auto im Entscheidungsfall verhalten? Wird es mich an die Wand fahren, um den Fussgänger auf dem Zebrastreifen zu retten? Oder ­umgekehrt? Rettet es mir, seiner Besitzerin, das Leben und fährt ­dafür einen Kinderwagen zu Brei? ­Keine Ahnung. Warum gibt es keine ­breite öffentliche Debatte über ­künstliche Intelligenz? Keine Ahnung. ­Abschalten.

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