Erst aufputschen, dann wieder runterkommen

Sie heissen Tyme Out oder Snoooze: Für schlecht schlafende Grossstädter gibt es jetzt Gute-Nacht-Drinks, mit Melatonin und Baldrian in hohen Dosen.

Gegen die Schlaflosigkeit: Einschlafdrinks sind jetzt offenbar das neue Ding. Foto: Thomas Baker / Alamy Stock Photo

Gegen die Schlaflosigkeit: Einschlafdrinks sind jetzt offenbar das neue Ding. Foto: Thomas Baker / Alamy Stock Photo

Die Geschichte des Schlaftrunks ist natürlich uralt, man blicke nur einmal in die Mythologie und die Märchen. Da wimmelt es zum Beispiel von konkurrierenden Bräuten, die mit Schlafgemischen auf Weinbasis ihre Kontrahentin aus der Erinnerung des Gatten tilgen wollen. In Goethes «Faust» verabreicht Gretchen, um in Ruhe eine Nacht mit Faust verbringen zu können, ihrer Mutter einen Trunk, den Mephisto allerdings vertauscht hat und der leider tödlich ist. Es könnte einen skeptisch machen.

Aber siehe da: Einschlafdrinks sind jetzt offenbar das neue Ding. Sie werden in Dosen verkauft, in Ampullen oder als Mundsprays. Und damit sie nicht zu verwechseln sind mit altmodischen Schlaftees, gibt es für sie ein ganz neues Marktsegment: Relaxation-Drinks.

Sie heissen Tyme Out, Sleep.ink oder Snoooze und sind wohl eine Konsequenz aus dem Energy-Drink-Boom, der dem Getränkemarkt weltweit im vergangenen Jahr wieder einen Umsatz von 45 Milliarden Dollar einbrachte. Red Bull und die Derivate sind das Super Plus der Leistungsgesellschaft. Koffein allein reicht nicht mehr, man pusht sich mit Extrakten wie Guarana oder Taurin, dem Sekret aus der Ochsengalle.

Äusserst hohe Dosierungen

Nach all den Höchstleistungen wieder herunterzufahren, ist aber nicht so leicht. Vor allem, wenn man spätabends das Smartphone nicht beiseite legen kann und im Bett weiter die E-Mails aus der Arbeit liest.

«Müdigkeit wird der herrlichste Schlaftrunk sein», das wusste schon Goethe. Anscheinend wird man heute aber eben nicht mehr so leicht müde. Da versprechen die Relaxation-Drinks, ähnlich wie die Energy-Drinks, einen Push – nur in die andere Richtung: beschleunigter Schlaf.

Das Verkaufsargument sind die äusserst hohen Dosierungen. In einer normal starken Baldriantablette aus der Apotheke sind circa 400 bis 600 Milligramm Baldrianwurzel-Extrakt enthalten, in einer Dose Snoooze Strong finden sich 1200 Milligramm, die zwei- bis dreifache Menge. Dass man auch pflanzliche Mittel überdosieren kann, selbst wenn sie nicht verschreibungspflichtig sind – nun ja, davor warnen halt die Verbraucherschützer.

Noch effektiver soll das Melatonin sein, ein Hormon, das von der Zirbeldrüse im Hirn produziert wird und den Tag-Nacht-Rhythmus im Körper steuert. Künstliches Melatonin ist in einigen Relaxation-Drinks sowie im Sleep Spray der Berliner Firma Braineffect enthalten. Ein Milligramm. Das ist die Hälfte der Dosis, die in verschreibungspflichtigen, in der EU zugelassenen Melatonin-Medikamenten enthalten ist. In den USA ist Melatonin zum Einschlafen längst der Renner. Aber kommt der Körper damit zurecht?

Migräne und chemischer Geschmack

Also, ein kleiner Selbstversuch: Sleep.ink sieht in seiner Ampulle fast aus wie Medizin. Die Wirkstoffe Melisse, Passionsblume, Agave und Hopfen gehen im Sauerkirschsaftgeschmack unter, das Melatonin schmeckt nach nichts. Das Einschlafen eine halbe Stunde später ist kein Problem, allerdings wacht der Autor zwei Stunden später schweissgebadet auf, weitere vier Stunden später zieht eine Migräne auf. Ist das der Schock des künstlichen Hormons?

Eine Nacht später dann lieber das Sleep Spray. Es enthält ebenfalls Melatonin, aber vielleicht eine verträglichere Synthetisierung? Das Mundspray schmeckt chemisch und sehr minzig. Ein- und Durchschlafen ist kein Problem, dafür das Aufwachen am Morgen (immerhin ohne Kopfschmerzen).

Ein Beispiel für den neuen Gute-Nacht-Drinks. Foto: Hersteller

Danach ist Snoooze Strong an der Reihe, die Pappdose ohne Melatonin. Erfunden wurde sie vom ehemaligen Red-Bull-Manager Hans P. Vriens aus Salzburg. Der bräunliche Inhalt schmeckt okay, die Süsse ist erträglich. Die Zitronenmelisse kommt stark durch, die Bitterkeit des Baldrian-Hammers kann sie aber nicht abdecken. Es bleibt ein pelziges Gefühl auf der Zunge. Schon bald legt sich eine angenehme Schwere auf die Lider. Autosuggestion?

Mangelnde Verfügbarkeit

Und dann noch Tyme Out: Der Autor hätte die Dose mit den Ingredienzen aus Zitronenmelisse, Baldrian, Maca-Wurzel, Salbei und Grünem Tee (Werbeslogan: «Stop Pushing, Start Relaxing») gerne getestet. Aber er musste so lange auf die Bestellung warten, dass er eingeschlafen ist.

Das ist bei vielen Relaxation-Drinks nämlich noch das Problem: die Verfügbarkeit. Sleep.ink wird ab Ende Januar in den Filialen der Douglas-Parfümerien erhältlich sein, da könnte man hinlaufen. Die meisten anderen Relaxation-Drinks haben aber noch kein breites Vertriebsnetz. Man bestellt sie im Internet, geliefert wird vom Paketboten.

Reichlich absurd, dass man für etwas, das früher mit Wasserkochen und Teebeutel-Reinhängen erledigt war, jetzt erst durchs Netz wandert, dann digitale Bezahldienste und Lieferservices bemüht. Es folgt die übliche Flut von Pappmüll und Werbe-E-Mails. All das dürfte einem den Schlaf dann wohl längst wieder rauben.

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