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Der Pilz der Pilze

Der Steinpilz: Über das Glück des Findens einer Nadel im Heuhaufen, die urarchaische Befriedigung des erfolgreichen Jägers und Sammlers – und die Vorfreude auf das Festessen.

Rund und braun wie Zigarre, Fichtenrinde und Schokolade – der Boletus edulis, auch Steinpilz genannt.
Rund und braun wie Zigarre, Fichtenrinde und Schokolade – der Boletus edulis, auch Steinpilz genannt.

Es ist dieses ganz besondere Braun. Ein warmes, recht dunkles, schokoladiges Braun; eines zwischen Fichtenrinde, Waldboden und einer kubanischen Zigarre. Es ist das Braun eines Steinpilzes, Boletus edulis, der Pilz der Pilze. Da können Morchel-, Pfifferling- und Shitake-Liebhaber widersprechen, bis es ihnen schummrig wird: Ein Steinpilz sticht sie alle aus.

Nach diesem Braun fahndet der Suchende, ja scannt er regelrecht den Waldboden ab. Was ziemlich zehrt, denn Steinpilzbraun ist nur einer von zahl­losen Brauntönen im Wald. Er versteckt sich zwischen all dem Tannennadelbraun, Baumstumpfbraun, Borkenbraun und Erdreichbraun. Und dann sind da noch all die anderen braunen Pilze, die Röhrlinge, Täublinge, Stäublinge.

Doch wer Pilze mag und sucht und schliesslich findet, der verspürt Glück. Das Glück des Findens einer Nadel im Heuhaufen, die urarchaische Befriedigung des erfolgreichen Jägers und Sammlers – und schliesslich die Vorfreude auf das Festessen. Das alles bedeuten Steinpilze für mich. Hinzu kommt noch eine ordentliche Portion Kindheitserinnerung und Familiengeschichte.

Geheizt wird mit Holz

Denn das alte Maiensäss, das einst meine Grossmutter mit jenem Geld kaufte, das sie und ihre Kinder mit dem Sammeln und Verkaufen von Heidelbeeren, Eierschwämmen und eben Steinpilzen zur Seite legten, steht auf einer Waldlichtung in einem kleinen Seitental des Surses, Kanton Graubünden. Strom gibt es keinen, fliessend Wasser plätschert aus dem Brunnen vor dem Haus, und geheizt wird mit Holz, das man selber schlägt, spaltet, scheitet und schleppt.

Rund um diese Hütte, die einst Stall und Heuschober war und heute archaisch ausgebautes Ferienhäuschen ist, ist Pilzland, genauer: Steinpilzland. Wer hier – wie ich – schon als Kind durch die Wälder streifte und Onkel hat, die zwar laut poltern und fluchen und mit grossem Brimborium dies und jenes verwünschen, aber an Herzensgüte nicht zu über­treffen sind, der weiss, wo die Pilze spriessen. Denn man hat so manches Eckchen selbst entdeckt. Und die Onkel, die würden Zweitwohnungsbesitzern, Touristen und selbst Nachbarn ihre Pilzörtchen für kein Geld der Welt verraten.

Doch dem Neffen – auch wenn er mit seinem Mischdialekt aus Solothurner, Basler, Basel­bieter und Aargauer Fetzen fremder nicht klingen könnte– und auch wenn er sich kaum öfter blicken lässt als dieses eine Mal im Jahr, wenn die Zeit gut ist, um «in die Pilze» zu gehen – vertrauen sie das eine oder andere Örtchen an. ­Wahrscheinlich die ­unergiebigsten. Seis drum. Brimborium eben.

2019 ist ein Steinpilzjahr

Sie nehmen einen dann an der Schulter, heben den Mahnfinger und senken ihre ohnehin tiefen Stimmen, um in diesem herzerwärmenden Dialekt mit märchenhaft klingenden Flur- und Waldwegnamen gespickte Beschreibungen zu geben, die der Unterländer in mir auch mit grösster Mühe nicht nachzusprechen vermag.

So war es, und so hätte es auch 2019 geschehen können. Doch 2019 ist ein Steinpilzjahr, wie es selbst die hartgesottensten Onkel noch nicht gesehen haben. Als sich der Unterländer also Anfang Woche schickt, durch die Wälder rund um das Maiensäss zu streifen, um – welch Glück – vielleicht ein, zwei Pilze aufzuspüren, da stolpert er bereits auf der Wiese über das erste Exemplar, rund und braun wie Zigarre, Fichtenrinde und meinetwegen Schokolade.

Er pflückt, und noch bevor er sich aufgerichtet hat, grinst ihn ein zweiter an, bedeckt noch von Erdklumpen und den Spuren, die er hinterliess, als er durch das Moos stiess. Wie er, denkt der Unterländer, herausgeschossen sein muss aus ebendiesem tannnadelbedeckten Boden, der so weich ist, dass man meint, man gehe auf Watte: wie ein schokoladenbrauner Torpedo.

Freudetrunken – wenn die Antiquiertheit des Wortes passt, dann hier – schreitet der Unterländer zurück zur Hütte, berichtet atemlos, holt Messer, Frau und – mangels Pilzkörbchen – Tasche und stapft mit einem Lächeln zurück ins Dickicht. Und da stehen sie, als würden sie auf ihn warten: hier einer, der sich unter einem morschen Ast zu einem Fötus zusammenkrümmt, dort ein tellergrosser in einem Meer aus Moos, auf dem die Lichtsprenkel tanzen, die sich durch die Baumwipfel stehlen.

Nach je zwei Kilogramm ist Schluss, Graubünden meint es ernst mit dem Pilzschutz, die Bussen sind drakonisch. So bleiben genau drei Dinge zu tun. Erstens: Mit einer Zwiebel in Olivenöl anschwitzen, dazu eine Prise Salz mehr als gewöhnlich, etwas Pfeffer, schliesslich drei Schluck Weisswein, einer nach dem anderen eingekocht. Ist die Pfanne vom Herd, noch ein Spritzer Zitronensaft. ­Zweitens: Geniessen, mehr als eine ­Scheibe Brot braucht es dazu nicht. Drittens: Sich freuen, denn morgen ist wieder ein Steinpilztag.

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