Ich, R., der Hund und die Hohe Winde

Hechelnd geht es dieses Mal durch das Schwarzbubenland, auf einen Gipfel, wo Hunde und Gleitschirmler sich versammeln.

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Thomas Widmer@ThomasWidmer1

Ich hechle, mein deutscher Schriftstellerfreund R. hechelt, sein pechschwarzer Labrador hechelt. Der 25. April ist ein heisser Sonntag. Die Gartenwirtschaften, an denen wir auf der Fahrt von Laufen zum Kloster Beinwil vorbeikamen, sind alle voll.

Vor uns erhebt sich die Hohe Winde, 1204 Meter hoch. Wir wissen um ihr Dasein durch die Karte, die Wegweiser zeigen an, dass wir uns ihr nähern. Sehen können wir sie die meiste Zeit nicht, der Wald ist zu dicht.

Dieser Wald ist Jurawald: Weisser Kalk. Geröllübersäter Boden. Gras auf den lichteren Flächen. Stechlaub, das glänzt wie lackiert. Und Buchen, seltsam arthritisch in höheren Lagen, die Stämme verknorzt und verdreht.

Das ländlich-einsame Schwarzbubenland

Steil ist der Aufstieg, den Hund quält, dass nirgendwo ein Rinnsal ist. Und schön ist der Aufstieg; dies ist Schwarzbubenland, Basel-nahes Solothurn, ländlich-einsam. Eines der besten Wandergebiete der Schweiz, wie ich finde. R. wohnt neuerdings in der Region. Als er ein Treffen anregte, lag es nahe, dieses mit einer Wanderung zu verbinden; R. wandert auch gern. Ich schlug dann die Hohe Winde vor, auf der wir beide noch nie waren.

Wir starten in «Beinwil-Reh», der Name der Bushaltestelle beim Weiler Joggenhus ist vom zugehörigen Restaurant Reh inspiriert. Als erstes queren wir die Lüssel. Sie fliesst parallel zur Passwangstrasse talwärts; diese Asphaltpiste wird an Wochenenden dominiert von Bikern, die auf ihren Motorrädern irre die Kurven schneiden. Wir werden den Lärm aber schnell los. Die nächsten zwei Stunden sind pures Gehen. Die Hohe Winde wird in einer weit nach rechts ausscherenden Schleife via Mittlere Rotmatt bezwungen. Den Gipfel, eine weite, baumlose Grasfläche, sehen wir erst in den letzten zehn Minuten.

Ein Zusammentreffen der Hunde und Gleitschirmler

Oben setzen wir uns auf ein paar Baumstämme und reden, über Max Frischs drittes Tagebuch etwa, das wir beide gelesen haben. Natürlich würdigen wir auch die Aussicht. Der Himmel ist dunstig, wir sehen nicht, wie in Führern beschrieben, bis zu den Berner Alpen und bis zum Feldberg. Aber auch das Nahpanorama ist reizend: Wasserfallen, Meltingerberg, die Ebene von Laufen, der Blauen, die Jurazüge zum Mittelland.

Gleitschirmler sind auch auf unserem Gipfel. Und einige Hunde. Zwei von ihnen beschnuppern sich neben dem sorgsam ausgelegten Gerät eines Gleitschirmlers kurz vor dem Start. Der eine Hund hebt mal schnell das linke Bein, pinkelt auf den Schirm. Der Gleitschirmler flucht, konzentriert sich wieder, rennt los, hebt ab, schon ist er in der Luft, über den Bäumen. Bald sehen wir ihn hoch über uns kreisen. Die Thermik erhebt den Menschen zum Milan.

Endstation beim Kloster

Später machen wir uns auf den Rückweg: wieder hinunter zum Steingehütt, bei dem wir aus dem Wald tretend den Gipfel sahen. Dort biegen wir rechts ab auf einen schmalen Pfad. Erneut landen wir im Jurawald. An der Passwangstrasse, bei der Bushaltestelle unter dem Kloster Beinwil, endet die Unternehmung schliesslich.

Das Kloster ist eine Benediktinergründung, brannte 1978 nieder, wurde daraufhin restauriert. Heute beherbergt es eine ökumenische Gemeinschaft. Sicher ist so ein spirituelles Leben eine feine Sache. Ich und R. und der Hund haben jetzt aber ein weltliches Bedürfnis: Durst! Der Hund schlabbert die Lüssel halb leer. Ich und R. laben uns unten im Laufental auf zivilisiertere Weise. Mein Kopf ist feuerrot von der Sonne. Der Hochsommer hat heuer wirklich sonderlich früh begonnen.

baz.ch/Newsnet

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