Zum Hauptinhalt springen

Grüner Glamour ohne Jute und Heilandsandalen

Öko-Mode ist der neue Trend. Die Avantgarde versucht, mit nachhaltig produzierter Mode das Geschäft zu verändern.

Mit den Körner pickenden Weltverbesserern der 80er-Jahre in ihren selbstgezimmerten Holzschuhen hat die aktuelle Öko-Bewegung nichts zu tun. Die Alternativen sind jetzt auch Avantgardisten, sie halten nichts von Askese und Verzicht. Sie denken konsequent ökologisch und fair, ohne auf Modernität und Style zu verzichten. Sie wollen «weder Essen mit Gift, noch Kleidung mit Blut», wie es der bemerkenswerte Rap der Karmakonsum-Community ausdrückt.

Kurzum, die neuen Ökos sind Genussmenschen mit sozialem Bewusstsein. Oder wie Peter Ingwersen, der mit seinem Öko-Label Noir die grüne Revolution in der Mode anführt, es beschreibt: «Wir geben unser Geld aus, um gut auszusehen, legen aber Wert darauf, auch den Menschen Gutes zu tun, denen es nicht so gut geht.» Ingwersen gehört zur neuen grünen Avantgarde, die vom Marketing als viel versprechende neue Zielgruppe entdeckt worden ist. Die zugehörige Wortschöpfung nennt sich «Lohas» und steht für «Lifestyle of Health and Sustainability».

Fashion aus Uganda

Vorzeige-Lohas wie Ingwersen machen Öko-Kleider, denen man den moralischen Mehrwert nicht ansieht. Noir, die heisseste Bio-Mode aus dem Norden, überzeugt mit Styling und Chic und nicht nur mit Ethik, genau wie seine Vorreiterin Stella McCartney. Noir spricht die körperbewusste Frau an, die ihre erotische Ausstrahlung gerne durch ihre Kleidung unterstreicht, die sinnliche Materialien und verführerische Schnitte sucht. Gerne spielt Ingwersen mit Elementen aus der Lingerie und arbeitet mit edlen Stoffen, die den Gedanken an deren Öko-Herkunft nicht einmal aufkommen lassen.

Dank Hightech-Stoffproduktion sind die eigentlichen Innovationen in der Mode nicht sichtbar, sondern nur spürbar. So haben organische Stoffe das kratzige Jute-statt-Plastik-Image definitiv abgelegt. Die Marke Illuminati mit Baumwollproduktionsstätte in Uganda bewegt sich in der oberen Preisklasse, vergleichbar mit anderen Luxuslabels und verzeichnet seit ihrer Gründung vor drei Jahren einen fulminanten Aufstieg. Sie wird in 60 Ländern weltweit verkauft und zeigte vergangenen Winter an der New York Fashion Week. Mit der zu Illuminati gehörigen Stiftung sorgt Ingwersen durch den Gewinnrückfluss neben fairen Löhnen auch für medizinische Grundversorgung und Ausbildung der Mitarbeiter.

Doch wie öko ist öko?

Wo sonst ausser bei Noir finden brave Lohas ehrliche Öko-Mode? Es braucht Vertrauen in das Produkt, denn nicht überall, wo Öko draufsteht, ist Öko drin. Eine einheitliche Zertifizierung für faire und ökologische Kleidung gibt es nicht. Es gibt viele Labels, die mit «Öko», «Green» oder «Organic» das Gewissen ansprechen, doch was genau dahintersteckt, ist von Anbieter zu Anbieter unterschiedlich.

«Organic-Cotton» etwa besagt nur, dass die Baumwolle nach ökologischen Grundsätzen gepflanzt und geerntet wurde. Das allein qualifiziert ein Produkt aber nicht als Öko- oder Fair-Trade-Produkt. Es ist nicht damit getan, eine Baumwolle ohne Pestizide und Entlaubungsmittel zu produzieren, wenn nachher dem Gewebe Schadstoffe beigemischt werden, um es schrumpffrei zu machen oder das Hemd von Kinder-Näherinnen verarbeitet wird.

Auch das gängige Label «Öko-Tex Standard 100» gibt ungerechtfertigterweise ein gutes Gewissen, denn es kümmert sich nur um die Hautfreundlichkeit des Textils und lässt Produktionsbedingungen und Rohwarenbeschaffung ausser Acht.

Der Zusatz «Öko-Tex Standard 1000» hingegen gibt Gewähr für ökologisches Umweltmanagement, Sicherheit am Arbeitsplatz und den Ausschluss von Kinderarbeit.

Ein echtes ÖkoFair-Trade-Produkt muss die Gewähr geben, dass die lokale, an der Gewinnung des Produkts beteiligte Bevölkerung einen Lohn erhält, der ihnen den Lebensunterhalt garantiert, ohne dass die Kinder mitarbeiten und dass vom Rohmaterial über die Stoffproduktion bis zur Verarbeitung die ökologischen Richtlinien eingehalten wurden, die unseren Parametern für nachhaltige Bodennutzung entsprechen.

Engagierte Firmen erarbeiten ihre eigenen Zertifizierungen und lassen Produkte unter ihrer Kontrolle herstellen, in enger Zusammenarbeit mit den Rohwarenherstellern in den Ursprungsländern, den Stoffproduzenten, den Stoffausrüstern und -färbereien bis hin zu den Konfektionären der Kleider. Grossanbieter wie Coop, C&A, Migros oder H&M konzentrieren sich bei Öko-Baumwolle mehrheitlich auf Basics wie Unterwäsche, T-Shirts, Pyjamas oder Bad- und Küchentextilien und weniger auf High Fashion. Coop ist die rühmliche Ausnahme mit 14 Prozent Anteil von Coop Naturaline am Textilumsatz. Dieser mehrheitlich niedrige Anteil erklärt sich alleine daraus, dass der Anteil von angebauter Bio-Baumwolle weltweit nur 0,2 Prozent beträgt.

Grosse Achtung verdient eine wachsende Anzahl von kleinen bis mittleren Labels, die eine rigoros anspruchsvolle Politik für Fair Trade verfolgen und auch in Eigenregie ihre Öko-Zertifikate erarbeiten, jedoch für ihre ganze Kollektion. Das ist aufwändig, denn anders als die Grossanbieter können sie den Mehraufwand nicht mittels konventionellen Produkten wettmachen. Kleine Labels mit Öko-Ideologie opfern ihr teure Werbekampagnen und setzen stattdessen auf Mund-zu-Mund-Werbung innerhalb des eingeschworenen Kreises der Lohas.

Diese tauschen sich auf Portalen, Foren und Blogs aus (siehe Info-Box) und informieren sich, welche Labels ethisch und fair produzieren. Dieses Netz erlaubt den Beteiligten, deren Potenzial derzeit auf rund 14 Prozent aller Konsumenten geschätzt wird, abseits von Pressemeldungen und Werbung hinter die Fassaden von Produkten und Firmen zu schauen. Mit wachsendem Austausch steigt das Interesse an ethisch korrekter Mode und mit dem zunehmenden Öko-Angebot auch die Zahl der Lohas.

Dezidierte Kleiderläden für Lohas

Nebst vielen Online-Shops hat sich so eine neue Shop-Idee entwickelt: Concept Stores für sexy Öko-Fashion, Accessoires und Kosmetik. Ein Musterbeispiel ist Wink Fashion im Zürcher Niederdorf mit den Labels Kuyichi, Stewart Brown, Edun, Custom Made, Spring Court, Li-ane, Katharine Hamnett. Solche Shops stehen ohne Werbung und Presserummel für soziale Gerechtigkeit und Umweltschutz ein, ganz im Gegensatz zum stets wachsenden Kreis von Stars wie Stella McCartney, Sting, Orlando Bloom, Pamela Anderson, Mick Jagger, Leonardo di Caprio oder Kylie Minogue, die ihre Unterstützung der Rettung des leidenden Planeten und ihr soziales Engagement pressewirksam in Szene setzen. Auch unser Glamourpaar Melanie Winiger und Stress geht mit gutem Beispiel voran und rappt und modelt für eine umweltfreundliche, faire Wirtschaft. Wenn sie erfolgreich sind, wird es idealerweise bald nur noch «Fair Öko Fashion» geben.

Der Preis dafür ist unwesentlich höher, im Schnitt weniger als 5 Prozent. Doch der winzige Betrag von vielleicht 50 Rappen, den der peruanische Pflücker bei Fair Trade für die Menge seiner Baumwolle mehr bekommt, die es für eine Jeans braucht, bedeuten für ihn eine deutliche Verbesserung seines Einkommens. Diese kleine Erhöhung des Einstandspreises des Rohmaterials multipliziert sich nach Produktion, Transport und Verkauf in der Regel mit Faktor 10. Mit dem Mehrpreis für ökologischen Gewinn des Rohmaterials betragen die Mehrkosten am Endprodukt jedoch maximal 10 Franken. Fair-Trade- Kunden bezahlen diese zusätzlichen Batzen gern, denn das gute Gewissen ist und bleibt unbezahlbar.

Gute Designerlabels mit Sozialem und ethischem Gewissen Noir, Kuyichi, Armed Angels, Katharine Hamnett, Edun (U2-Sänger Bono) Custom Made, Jackpot, Misericordia, Made-By, Slowmo, Stewart & Brown, Edun, Terra Plana, Armed Angels, Howies, Ivana Basilotta, Slowmo, Veja, Nanso, Dollyrocker, Hess Natur (neu mit dem Designer Miguel Adrover) Ketchup+Majo, Zeha, Veja, Loomstate, Levi's Eco, Camper und Zürcher Designerin Ruth Grüninger. Für Kinder: Dollyrocker und Milch-Fairtradeshirt.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch