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Was hilft, wenns zum Davonlaufen ist?

Zufälligerweise bin ich auf die Arbeit des Berliner «Weglaufhauses» gestossen. Es handelt sich um eine antipsychiatrische Einrichtung, welche die übliche Vorstellung von Psychiatrie ordentlich auf den Kopf stellt. Was halten Sie davon? S. W.

Liebe Frau W.

So wenig psychiatrische Institutionen an sich die Hölle sind, so wenig ist das Weglaufhaus das antipsychiatrische Paradies. Aber in manchen Fällen eine sehr valable Alternative zur konventionellen Klinikbehandlung. Das Konzept der Weglaufhäuser (das in der «Irren»-Bewegung in den Niederlanden noch zur Hochzeit der alten Anti-Psychiatrie-Bewegung der Sechziger- und Siebzigerjahre entstanden ist) beruht vor allem auf dem Prinzip der Selbsthilfe. Das «Ver-Rücktsein», wie es im WeglaufhausJargon heisst, wird nicht als Ausdruck einer diagnostisch zu fixierenden Erkrankung aufgefasst (daher auch der deklarierte Verzicht auf Diagnosen), sondern in erster Linie als eine ganz individuelle Krise, die mit intensiver (und ausgesprochen extensiver) Unterstützung durchgestanden werden kann.

Zu den Prinzipien des Weglaufhauses gehört es, dass das Personal zu 50 Prozent selbst aus «Psychiatrie-Betroffenen» besteht, dass Medikamente (mit ärztlicher Hilfe) abgesetzt oder reduziert werden und dass eine 24-Stunden-Betreuung besteht, welche auch aus nächtlichen gemeinsamen Spaziergängen bestehen kann. Der Konsum von Drogen und Alkohol ist verboten. Ausserdem hilft die Institutionen den Bewohnern bei der Lösung von Alltagsproblemen – wie zum Beispiel der Wohnungs- und Arbeitssuche sowie beim Umgang mit Ämtern. Patienten, die in hohem Masse eine Gefahr für andere darstellen, können natürlich nicht aufgenommen werden.

Im Unterschied zur «alten» Antipsychiatrie zielt die «neue» weniger auf eine Kritik der gesellschaftlichen Vernunft, welche sich dadurch definiert, dass sie bestimmte Denkformen als Wahnsinn ausgrenzt, sondern auf einen pragmatischen Umgang mit den Lebenskrisen von (potenziellen) Psychiatriepatienten. Man könnte auch sagen: Während die gängige Psychiatrie ihre oft rat- und hilflosen Trial-and-Error-Verfahren mit dem flexiblen Ideologie-Mäntelchen einer «multifaktoriellen» Verursachung der psychischen Erkrankung und eines ebenso multifaktoriellen Behandlungskonzepts umgibt, steht das Konzept des Weglaufhauses dafür, dass die Behandler nicht wesentlich klüger sind als die Behandelten, dafür im Augenblick belastbarer als diese. Das mag manchem nach therapeutischem Pessimismus klingen; anderen wiederum nach einem sehr realistischen Verzicht auf mancherlei therapeutische Illusion.

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