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Schwule Bauern

Der Sender 3+ will künftig auch Partner für schwule Bauern und lesbische Bäuerinnen finden. Handelt es sich dabei jetzt um eine behauptete Normalität oder um Freaks in der Manege? S. M.

Liebe Frau M. Freakshows sind solche Dokusoaps ohnehin. Interessanter ist der damit verbundene Aufklärungsgestus. Man schielt auf die Proteste der üblichen «Ewiggestrigen», damit man umso nachdrücklicher betonen kann, wie «normal» ein homosexueller Bauer doch ist. Es sei «wichtig», rechtfertigt der Moderator der Sendung diese Pläne, «dass der Grossteil der Bevölkerung lernt, dass es Verschiedenes gibt. Homosexuelle Paare funktionieren gleich wie heterosexuelle». Der zweite Satz dementiert offenkundig den ersten. Doch die Form dieser Doppelaussage bildet den Wandel im Diskurs über Homosexualität eigentlich sehr gut ab; die Irritation dadurch, dass es in der Sexualität nicht nur eine einzige, von der Natur vorgegebene Form gibt, wird beseitigt, indem man das «Verschiedene» einer rigorosen Normalisierung unterzieht: Homosexualität ist etwas völlig Normales, Natürliches, Gesundes und was der guten Dinge heutzutage mehr sind.

Darüber kann man sich einerseits freuen: Die Klassifizierung «männliche Homosexualität» bedeutete immerhin bis Ende der 60er-Jahre beispielsweise in Deutschland einen Straftatbestand. Anderseits geht darüber vergessen, dass der Kampf für die Rechte der Homosexuellen nicht zuletzt auch ein Kampf gegen jedwede Normierung war. Bis weit in die 70er-Jahre wurde ein männlicher Homosexueller in der Öffentlichkeit vor allem als Knabenverführer wahrgenommen, bestenfalls als Mensch, der zwar nichts für seine Krankheit kann, aber als Ansteckungsherd isoliert werden muss. Freud hingegen hatte schon 1905 die Entstehung von Homowie Heterosexualität als gleichermassen erklärungsbedürftig bezeichnet. Das erschien lange Zeit als eine sexualpolitisch progressive Haltung.

Heute gilt es als fortschrittlich anzunehmen, dass man «von Natur aus» homosexuell ist. Die politisch aktiven Gays der frühen 80er, welche Homosexualität auch als gesellschaftliche Haltung inszenierten, hätten eine solche Vernatürlichung bekämpft. Möglicherweise verdanken wir diesen «natural turn» ausgerechnet Aids. Mitte der 80er-Jahre war zu befürchten, dass die Homosexuellen als Träger der neuen «Schwulenseuche» erneut stigmatisiert würden. Stattdessen gelang es den Schwulen, zum Inbegriff einer vorbildlichen Präventionspolitik zu werden: Die Aidsschleife und die Aidsgala verbanden plötzlich homosexuelle Bohème und die Sorge um den gesunden Volkskörper zu einem bemerkenswerten Amalgam einer neuen «gesunden» Schwulenidentität. Dazu passt nun ein schwuler Biobauer bestens.

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