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Die Spassgesellschaft implodiert

Viele Influencer scheinen den Ernst der Situation nicht zu verstehen. Sie werden bald erwachen.

Michèle Binswanger
Dumm, dümmer, Corona-Challenge: Tiktokerin Ava Louise. Foto: PD
Dumm, dümmer, Corona-Challenge: Tiktokerin Ava Louise. Foto: PD

Dieser Tage lohnt es sich, gute Bücher zu lesen. Zum Beispiel Joan Didions «Das Jahr magischen Denkens». Dort heisst es: «Das Leben ändert sich schnell. Das Leben ändert sich in einem Augenblick. Man setzt sich zum Abendessen, und das Leben, das man kennt, hört auf.» Das Buch ist eine Meditation über den Tod, seine Alltäglichkeit und die Katastrophe, die er für Angehörige bedeutet. Ein Buch auch über Erfahrungen, die so überwältigend sind, dass man sie erst mit der Zeit begreifen kann.

Das Leben ändert sich schnell. Das lernen dieser Tage auch die Influencer. Das Coronavirus stellt selbst die Welt der Selfmade-Werbeträger auf den Kopf. Sie haben sich in den letzten Jahren mit Schmink-Tutorials und Idioten-Challenges in den sozialen Medien ausgebreitet wie ein Algenteppich in einem überdüngten See. Auch wenn die Sonne gerade für niemanden so richtig scheint. Nur haben das viele Instagrammer noch nicht begriffen.

Bis die Polizei kommt

Was tut der Mensch angesichts des Chaos? Er versucht, es in Formate zu übersetzen, die er versteht. So auch die Influencer. Etwa die «Challenge» des Münchner Rappers Felix Krull. In normalen Zeiten isst er zum Vergnügen seiner Millionen Follower angepinkeltes Eis oder trinkt Menstruationstee. Und also dachte er, es sei wohl eine gute Idee, dasselbe mit Corona zu probieren. Krull stieg in die Münchner U-Bahn hinab, wo er den Bildschirm eines Ticketautomaten, eine Haltestange sowie den Handlauf einer Rolltreppe ableckte. «Prank» wird das normalerweise genannt und im Netz bejubelt. Diesmal aber kam die Polizei.

Auch Tiktok-Star Ava Louise liess sich durch Corona inspirieren. Die 22-jährige Blondine leckte in einem Flugzeug einen Klodeckel ab und forderte andere auf, es ihr gleichzutun. Zwar bekam sie zwei Millionen Likes für diesen Blödsinn, aber sie erntete auch einen Riesenshitstorm. Das ist die Sprache, die Influencer verstehen, Louise löschte den Post wieder. Aber nicht, ohne zu kommentieren: «Ich will nicht, dass der Virus mehr Aufmerksamkeit bekommt als ich. Ausserdem kann ich gar nicht Corona bekommen: Denn reiche, schöne Blondinen sind immun dagegen.»

Natürlich gibt es auch Influencer, die verantwortungsvoll mit der Situation umgehen, und von den anderen sind nicht alle so extrem. Doch Hyperindividualismus als Konzept macht auch auf niedrigerem Level keine gute Falle. Durchschnitts-Influencer posten sich in ihrer Lockdown-Not, wie sie in ihrer Toilette Corona-Bier trinken, sie verlosen Nudeln und Klopapier – alles natürlich perfekt mit Filtern versehen und in Szene gesetzt. Sie beklagen sich darüber, welche Reisen und Aufträge wegen Corona flöten gehen.

Nur haben ihre Follower dafür im Moment wenig Verständnis. Wo man sich früher noch virtuelles «Popcorn holte», um sich an solchen Dingen zu ergötzen, wird heute vermehrt interveniert. Krull etwa wurde wegen «schwerer Körperverletzung» angezeigt, weil man befürchtete, der Rapper könnte infiziert sein und versuchen, andere Menschen anzustecken. Nach einem negativen Corona-Test entliess ihn die Polizei jedoch wieder.

Mobbing gegen Influencer?

Nicht immer kommt die Polizei, manchmal kommen auch Satiriker. Der Twitter-Kanal @Infoluencer, vor drei Wochen «aus einer coronabedingten Schnapsidee entstanden», hat mit seinen Kommentaren zur Scheinwelt der Influencer – «lebe nicht dein Leben, sondern poste deinen Traum» – bereits 10'000 Follower gewonnen.

Und auch Komiker Oliver Pocher, der aufgrund einer Corona-Infektion selber in Quarantäne sitzt, lässt sich seither in regelmässigen Videos über die Szene aus. So warf er auch der Schweizer Influencerin Elena Miras vor, sie nutze ihre Kinder für ihr Marketing. Die gab öffentlich zurück und bedankte sich für «das verdammte Mobbing». Seinetwegen werde sie mit Hassnachrichten überschüttet. Pocher lässt sich dadurch aber nicht beeindrucken. Auch er kriege täglich Hassnachrichten. In Wahrheit hätten die Influencer doch nur Angst um ihre Kooperationen.

Die Welt ändert sich schnell, sie ändert sich in einem Augenblick. Manchmal aber dauert es lange, bis wir diese Veränderung wirklich wahrnehmen können. Der neue Wind, der den Influencern in den sozialen Medien entgegenbläst, zeigt an, dass die Zivilgesellschaft noch nicht zusammengebrochen ist. Die Spassgesellschaft vielleicht aber schon. Und dann dürfte dieser Wind erst der Vorbote sein, für den wirtschaftlichen Sturm, der noch kommen wird. Auch für die Influencer.

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