«Das ist nicht der Schweizer Stil, über die Homo-Ehe zu diskutieren»

Amerikanische Katholiken veröffentlichten ein kontroverses Video zur Homo-Ehe. EVP-Mitglied Matthias Stürmer versteht den Ansatz – aber auch dessen Fehler.

Es bekam rund 50'000 Dislikes, erntete einen Shitstorm und wurde parodiert: Das absurde Video «Not Alone» von der Catholic Vote. (Video: Youtube/Catholic Vote)

Das Video «Not Alone» der politischen Interessengruppe Catholic Vote in Amerika zeigt junge Leute, die sich gegen die gleichgeschlechtliche Ehe äussern. Sie reden über die Unsicherheit, ihre Meinung öffentlich aussprechen zu können. Was halten Sie von diesem Video? Es ist natürlich typisch amerikanisch. Eigentlich eine clevere Art, es zunächst so aussehen zu lassen, als hätte man ein Coming-out, und dann stellt sich doch heraus, dass man eine konservative Ansicht hat und diese Meinung nicht mehr zu äussern traut. Das Video ist zwar professionell gemacht, aber, ehrlich gesagt, die dramatische Musik und die dann doch ziemlich emotionalen Leute mit Tränen in den Augen – das ist nicht der Schweizer Stil, über die Homo-Ehe zu diskutieren.

Verstehen Sie die Emotionen der Personen? Aus amerikanischer Perspektive kann ich nachvollziehen, dass es ein emotionales Thema ist. Ich persönlich habe aber kaum das Gefühl, dass ich mich nicht mehr gegen die Homo-Ehe äussern kann. Ich habe auch nicht wirklich Angst, dass durch den amerikanischen Entscheid die herkömmliche Ehe abgewertet wird. Im Gegenteil: Ich sehe es eher als eine Aufwertung, denn die Ehe als solche scheint etwas Wichtiges zu sein.

Wie stehen Sie zur gleichgeschlechtlichen Ehe in der Schweiz? Mit der eingetragenen Partnerschaft gibt es bereits ein Bündnis für gleichgeschlechtliche Paare. Ich habe kein Problem damit, dass sie die gleichen Rechte wie traditionelle Eheleute bekommen sollten, abgesehen von der Möglichkeit, Kinder adoptieren zu können. In Bezug darauf habe ich wahrscheinlich eine etwas andere Position als die Mehrheit in der Schweiz. Da fühle ich mich manchmal durchaus gehemmt. Ich habe zwar keine Angst, aber Respekt davor, dass der Trend in eine andere Richtung geht. Wir von der EVP sind aber der Meinung, dass wir den Kindern nicht einen der zwei unterschiedlich geschlechtlichen Elternteile vorenthalten dürfen. Man kann da anderer Meinung sein, so wie es ja auch Leute gibt, die Leihmutterschaft, Polygamie oder Heirat von Geschwistern legalisieren wollen. Auch diese Liberalisierungs-Trends finden wir von der EVP nicht gut.

Der «Guardian» zitiert den Grünen-Politiker Jonathan Bartley, der behauptet, dass das Video den wachsenden Trend bestätigt, dass konservative christliche Gruppen sich überwiegend als Opfer präsentieren. Woran liegt das? Ich denke, in Amerika waren sie viele Jahre in der Mehrheit. Jeder Präsident erreichte mit seinem obligaten «God bless America!» die Mehrheit. Und langsam setzt sich auch die Säkularisierung in den USA durch, so wie wir es in der Schweiz eigentlich schon lange kennen – schon seit 50 Jahren. In den USA kommt der Wandel erst jetzt. Homosexuelle und Atheisten wurden lange unterdrückt, und jetzt schwingt das Pendel in die andere Richtung.

Das stimmt nicht ganz. Die Personen im Video behaupten, dass das neue Gesetz die heterosexuellen Ehepaare benachteiligt – das ist ja nicht so. Der Ansatz scheint aus einer Argumentationsnot heraus entstanden zu sein. Ich befürworte das Bedürfnis von homosexuellen Paaren, sich ein Leben lang treu sein und verbindlich zusammenleben zu wollen. Unser Grundsatz bei der EVP ist aber ganz klar: Wir wollen Mann und Frau als Keimzelle der Gesellschaft sehen, weiterhin mit dem natürlichen Privileg, Kinder haben zu dürfen. Das war der Grund, wieso ich damals, als es 2005 um die eingetragene Partnerschaft ging, zugestimmt habe. Da war Adoption explizit nicht vorgesehen.

Das Video der Catholic Vote bekam 13-mal mehr Dislikes als Likes, erntete einen Shitstorm und wurde parodiert. Es beweist einmal mehr, dass es in der aktuellen Netzkultur schwierig ist für Gegner der Homo-Ehe, Position zu beziehen. Absolut. Social Media ist eine pointierte Form von Meinungsäusserung. Es ist generell schwierig, auf Social-Media-Kanälen eine differenzierte Diskussion über Werte zu führen.

Sie stellen das auch persönlich fest? Wenn man sich im Netz gegen die Adoption für gleichgeschlechtliche Paare äussert, dann wird man sofort als homophob bezeichnet, und das stört mich natürlich. Mir scheint es nicht fair, wenn man etwas verneint, dass die Meinung gleich ins extreme Gegenteil verdreht wird. Und diese Tendenz, die gibt es vor allem in Social-Media-Diskussionen.

Die Befürworter der Homo-Ehe hatten es mit dem Regenbogen-Filter auf Facebook um einiges leichter. Das von Facebook zur Verfügung gestellte Tool ist meiner Meinung nach ein reiner Marketing-Gag von Mark Zuckerberg, der, wie die früheren Geistlichen ihre Jünger für Kreuzzüge, die Social-Media-Community mobilisiert hat. Man heizt die Leute an, auf Facebook Farbe zu bekennen, innerhalb eines Monats ist das dann aber auch wieder passé.

baz.ch/Newsnet

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