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Man muss nicht Lateinisch können, um einen Text zu verstehen, aber es ist von Vorteil

Der Abstieg der alten Sprachen setzt sich weiter fort. Altgriechisch ist mittlerweile zur Randerscheinung geworden.

MeinungThomas Gubler
Latein ist mittlerweile zur Randerscheinung geworden.
Latein ist mittlerweile zur Randerscheinung geworden.
Keystone

Vor ein paar Wochen wurde wieder einmal eine neue Pisa-Studie ver­öffentlicht. Mit etlichen Nebengeräuschen; denn was das Textverständnis betrifft, wurde den Schweizer Schülerinnen und Schülern ein bloss mittelmässiges Zeugnis ausgestellt. Note: 4,5 – so etwa lautete das Verdikt. Immerhin waren die Resultate in Mathematik besser.

Zufälligerweise bin ich dieser Tage auf einen Zeitungsartikel gestossen, der besagt, dass im Jahr 2015 nur noch 17 Prozent der Schweizer Schülerinnen und Schüler Latein lernten. In Deutschland waren es immerhin noch 30 Prozent. Tendenz hüben und drüben sinkend, sodass befürchtet werden muss, der Abstieg der alten Sprachen setze sich weiter fort. ­Altgriechisch, das schon zu meinen Gymi-Zeiten in den Siebzigerjahren verzweifelt gegen die Marginalisierung kämpfte, ist mittlerweile zur Randerscheinung geworden. In ­unserer Gesellschaft begegnet man jedenfalls ehemaligen A-Maturanden mit einer Mischung aus ungläubigem Erstaunen und mitleidiger Bewunderung: etwa wie einer aussterbenden Gattung.

Altgriechisch ist mittlerweile zur Randerscheinung geworden.

Möglicherweise ist es unsachlich, ­zwischen dem dramatischen Rückgang der Kenntnis alter Sprachen und dem nachlassenden Textverständnis der Schüler einen Zusammenhang herzustellen. Verlockend ist es gleichwohl, zumal, wie wir gesehen haben, das mathematische Verständnis in keiner Weise nachgelassen hat.

Blenden wir zurück. Als ich 1969 in das auf siebeneinhalb Jahre angelegte Gymnasium Olten eintrat, gab es in der ersten Klasse 31 Schüler. Dafür, dass diese Zahl in der Folge sehr schnell sank, sorgte das Latein – mit nicht weniger als sieben Wochen­stunden in den ersten beiden Jahren. Wobei man in dieser Zeit vor allem Deutsch lernte. Denn wehe dem, der den Akkusativ nicht blitzartig in den Griff bekam und Subjekt und Objekt nicht fein säuberlich zu unterscheiden vermochte. Er geriet im Latein schnell auf Schlingerkurs und wurde ohne viel Federlesens relegiert. Ab in die Bezirksschule und dann in eine qualifizierte Berufslehre, hiess die Alternative, die sich für manche aber auch als Segen erwies.

Wer dagegen die ersten Runden überstanden hatte, lernte das Latein anschliessend von einer anderen Seite kennen. Kein borniertes Büffeln mehr, sondern Texte von Cäsar, Cicero, Ovid et cetera. Einfach war freilich auch das nicht. Die Entschlüsselung von Satzperioden, die sich an Länge problemlos mit denen eines Thomas Mann messen konnten, erforderte höchste Konzentration. Wo ist das Subjekt, das selten am Anfang des Satzes stand? Wo ist das Prädikat, welches ist das Objekt 1 und welches das Objekt 2? So wurde der Text förmlich in seine Bestandteile zerlegt und anschliessend auf Deutsch ­wieder zusammengesetzt. Eine ­Heidenarbeit.

Vielleicht muss man in vorgerückterem Alter Latein nicht mehr wirklich können, sondern bloss gekonnt haben.

Dabei war Textverständnis unerlässlich. Zum einen half es, wenn man nicht jedes Wort kannte, dafür aber den Sinn erfasste. Umgekehrt hatte der Übersetzende garantiert einen Fehler gemacht, wenn ein Satz keinen Sinn ergab. Und an Fallen und Fehlerquellen mangelte es nie. Wer beispielsweise unter einer virga populea eine «volkstümliche Jungfrau» verstand, war so lange auf dem Holzweg, bis er merkte, dass es sich nicht um virgo, sondern um virga handelte und damit nicht um eine Jungfrau, ­sondern um einen Pappelzweig. Was nicht ganz dasselbe ist. Andere Fehlleistungen ergaben sich aus deutschen Doppeldeutigkeiten. So fuhr etwa Julius Cäsar mit seinem Schiff neben den Hafen, als dieser voll beziehungsweise besetzt war, und «schiffte nicht daneben», wie Spassvögel immer wieder lustvoll kolportierten.

Vielleicht muss man in vorgerückterem Alter Latein nicht mehr wirklich können, sondern bloss gekonnt haben. Das Textverständnis hat es auch so fürs ganze Leben geschult.

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