Am südlichsten Punkt Europas

Auf der französischen Vulkaninsel La Réunion lassen sich Strand- und Wanderferien auf einzigartige Weise kombinieren. Schweizern genügt nach zwölfstündigem Flug eine Identitätskarte zur Einreise.

Urtümlich: Der Piton de la Fournaise gehört zu den aktivsten Vulkanen weltweit.

Urtümlich: Der Piton de la Fournaise gehört zu den aktivsten Vulkanen weltweit.

(Bild: Keystone Fabrice Wislez)

Philippe Reichen@PhilippeReichen

Der Körper sitzt im Flugzeug, die Seele hingegen befindet sich nach wie vor auf der Insel. In diesem Zustand fliegt man nach wenigen Tagen Aufenthalt auf der Ile de la Réunion nach Paris zurück. Intensiv sind die Eindrücke, die haften blieben. Die Vulkaninsel im Indischen Ozean, die politisch eine Region Frankreichs bildet, hat eine Fläche von etwas mehr als 2500 Quadratkilometer und ist damit etwa gleich gross wie Luxemburg oder das Saarland. Auf diesem Fleck Erde hat die Natur auf engstem Raum spektakuläre Dinge geschaffen: Strände mit Korallenriffen, Felsküsten, Berge, Hochebenen, Täler, Tropenwälder, zerklüftete Canyons und atemberaubende Wasserfälle. Und alles liegt quasi nebeneinander.

Vom Sandstrand erreicht man in knapp zwei Stunden Autofahrt die dicht bewaldeten Berge. Bade- und Wanderferien lassen sich also perfekt kombinieren. Ideal ist auch das Wetter: Für La Réunion werden pro Jahr 300 Sonnentage gezählt.

Ein Leben als Selbstversorger

Meteorologisch ist die Insel ohnehin höchst interessant: Während es an der Westküste während Monaten nicht regnet und die Landschaft einer trockenen Steppe ähnelt, herrscht auf der Ostseite ein feucht-tropisches Klima. Die Meeresluft regnet hier regelmässig aus. Und so wächst alles, was in der fruchtbaren Erde oder im porösen vulkanischen Gestein Wurzeln schlagen kann. Auf den lokalen Märkten findet man Ananas, Bananen, Litchis, Mangos, Sternfrüchte, unzählige Gemüsesorten, aber auch Vanilleschoten, Kaffeebohnen und Gewürze in allen Geschmacks- und Farbnuancen: Kurkuma und Curry sind vielleicht die bekanntesten. Diese Vielfalt prägt die Inselküche.

Wer auch den ländlichen Teil der Insel erkundet und in ärmere Gegenden gelangt, entdeckt, dass man mit dem Anbau von Früchten und Gemüse zwar ein bescheidenes, aber geruhsames Leben als Selbstversorger führen kann. Und was auf der Insel nicht wächst oder produziert wird, wird importiert. Das führt dazu, dass es regelmässig über zehnmal mehr Importe als Exporte gibt.

Schnee, Meer und Lava

Mit dem Ausbruch des Vulkans Piton des Neiges vor 3 Millionen Jahren begann die Geschichte der Insel. Der rund 3000 Meter hohe Vulkan ist heute zwar nicht mehr aktiv, gibt der Landschaft aber seinen topografischen Charakter. Er ist der höchste Gipfel im Indischen Ozean, hat aber seit seiner Entstehung 1000 Höhenmeter verloren. Auf dem Piton des Neiges liegt, wie sein Name sagt, oft Schnee. Das sollte man bedenken, wenn man sich ihm auf einer Wanderung nähert.

Daneben entstand ein zweiter grosser Vulkan, der 2600 Meter hohe Piton de la Fournaise. Zusammen mit zahlreichen Nebenvulkanen bildet er eine Kette. Der Piton de la Fournaise gehört zu den aktivsten Vulkanen weltweit und wird ständig überwacht. Sein letzter grosser Ausbruch datiert von 2007: 1,4 Millionen Kubikmeter Material spie er damals aus.

Die enormen Lavaströme, die ins Meer flossen, sind den Einheimischen in wacher Erinnerung geblieben. Sie zerstörten unter anderem eine wichtige Umfahrungsstrasse, die wiederhergestellt werden musste. Wer heute den erkalteten Lavastrom entlangfährt, anhält und unter das Gestein fasst, merkt, dass die Lava manchenorts noch warm ist.

Bourbonen besetzen Insel

La Réunion liegt vor der südöstlichen Küste Afrikas zwischen Mauritius und Madagaskar. Bis Mitte des 17. Jahrhunderts war die Insel unbewohnt. Die Engländer und Holländer benützten sie zunächst als Zwischenstation für Seefahrer auf dem Weg nach Indien. Dann landeten die Franzosen auf der Insel. 1640 erklärte sie König Ludwig XIII. zum französischen Besitz. Weil der König dem Adelsgeschlecht der Bourbonen entstammte, wurde sie auf den Namen Ile Bourbon getauft. Erst im Zuge der Französischen Revolution bekam sie ihren heutigen Namen.

Die ersten Siedler liessen sich ab 1665 auf La Réunion nieder. Seither haben die Franzosen die ehemalige Kolonialinsel nicht aus der Hand gegeben. 1946 wurde sie zum französischen Überseedepartement; seit 1982 ist sie sogar eine Überseeregion. Und somit ist sie der südlichste Punkt der Europäischen Union. Wer von Europa nach La Réunion reist, muss den Weg über Paris nehmen. Nach dem zwölfstündigen Flug stellt man bei der Ankunft in der Hauptstadt Saint-Denis etwas überrascht fest, dass eine Identitätskarte zur Einreise genügt – als würde man von Genf nach Annemasse fahren.

Wie der Name «Insel der Begegnung» es ausdrückt, wurde die Insel zu einem Lebensort verschiedenster Kulturen. Dies macht auch heute noch einen Teil ihres Charmes aus. Dahinter verbirgt sich aber auch ein dunkles Kapitel ihrer Geschichte. Während der französischen Kolonialzeit wurden Sklaven aus Afrika, Indien und China nach La Réunion verschleppt. Bis 1848, dem Jahr der Abschaffung der Sklaverei, wurden sie als rechtlose Arbeitskräfte ausgebeutet und missbraucht. Wer vor seinen Herren floh, wurde von mit Hunden begleiteten Todesschwadronen erbarmungslos über die Insel gejagt, aufgespürt und hingerichtet.Erst später durchmischte sich die einheimische Bevölkerung immer mehr mit den französischen Siedlern. Dasselbe passierte mit der Sprache. Zwar ist die offizielle Amtssprache Französisch, aber untereinander spricht man vor allem das Sprachengemisch Kreolisch. Kreolen nennen sich auch die Nachkommen der Siedler und Sklaven. Sie haben ihre eigene Kultur entwickelt, mit der sie sich von der französischen abgrenzen. Die einstige Kolonialmacht Frankreich nennen die Einheimischen «La Metropole». Den Franzosen gaben sie den Übernamen «Les Zoreils» (die Ohren), weil diese stets ihre Hand ans Ohr legen, wenn sie versuchen, den kreolischen Dialekt zu entschlüsseln.

Durcheinander der Religionen

Auch bezüglich Religionen herrscht ein Durcheinander. Teils haben Réunionaisen gleich zwei Religionen, wobei sie kaum je beide praktizieren. Vor allem unter Indern ist die doppelte Religionszugehörigkeit weit verbreitet. Der katholische Glaube wurde ihnen mehr oder weniger aufgezwungen, Hindus sind sie aufgrund ihrer Herkunft geblieben. Wie viele Leute einen doppelten Glauben haben, bemerkt man, wenn man Friedhöfe besucht. Dort sind Gräber oft mit Symbolen zweier Religionen geschmückt.

So friedlich das Zusammenleben, die sozialen Probleme auf der Insel haben in den letzten Jahren zugenommen. Das hat insbesondere mit der gestiegenen Arbeitslosigkeit zu tun. Diese betrug in den letzten zehn Jahren zwischen 30 und 40 Prozent, wobei rund 60 Prozent der unter 25-Jährigen arbeitslos sein dürften. In den vergangenen Jahren kam es in Quartieren an den Stadträndern wiederholt zu Ausschreitungen.

Ein weiteres Problem für die Einheimischen ist, dass immer mehr Franzosen nach La Réunion ziehen – die meisten nach ihrer Pensionierung, weil das Klima angenehmer ist als in Kontinentaleuropa. Momentan leben etwas mehr als 850 000 Einwohnerinnen und Einwohner auf der Insel. Die Insulaner strahlen Ruhe und Gelassenheit aus; die Insel verfügt über eine Infrastruktur, die sich mit Frankreich vergleichen lässt. Das Strassennetz ist gut ausgebaut, die Spitäler weisen europäisches Niveau auf.

Bauland wird knapp

Doch durch die Zuwanderung sind die Immobilienpreise enorm gestiegen und steigen weiter. Das Bauland in Meeresnähe wird knapp, und die Angst wächst, dass die letzten geschützten Landschaftszonen in den nächsten Jahren ebenfalls überbaut werden. Immerhin sind 40 Prozent der Fläche der Insel als Unesco-Weltnaturerbe klassifiziert.

Das alles kümmert allerdings jene Leute wenig, die in den Bergen wohnen. Zum Beispiel die Einwohner im Talkes- sel Mafate, einem unberührten, spektakulären Natur- und Wanderparadies. Das lang gezogene, dicht bewaldete, von hohen Felswänden umgebene Tal kann man nur zu Fuss oder allenfalls mit dem Helikopter erreichen. Gerade 700 Einwohner leben in Mafate. Die Grundstücke, auf denen sie ihre Häuser gebaut haben, gehören dem Staat. Sie bezahlen ihm eine bescheidene Pacht. Viele leben als Selbstversorger.

In Mafate beginnt sich der Tourismus erst langsam zu entwickeln, obwohl das Wanderwegnetz stolze 140 Kilometer lang ist. In den letzten Jahren sind erste, einfache Herbergen entstanden. Fliessendes Wasser und Elektrizität gehören zu den Luxusgütern. Das sollte aber für La-Réunion-Reisende mehr Anreiz denn Hinderungsgrund sein: Erst wer in Mafate angekommen ist, weiss, welchen Reichtum die Vulkaninsel wirklich zu bieten hat.


Diese Reportage haben das Tourismusbüro der Insel La Réunion und Air Austral ermöglicht.

Tages-Anzeiger

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt