Brockis werden von Entrümpelungswütigen überrannt

Die Netflix-Serie «Aufräumen mit Marie Kondo» sorgt in den USA für volle Brockis. Auch bei uns wird immer mehr ausgemistet.

Secondhand-Paradies: Im letzten halben Jahr haben die Warenspenden in der Bärner Brocki zugenommen.

Secondhand-Paradies: Im letzten halben Jahr haben die Warenspenden in der Bärner Brocki zugenommen.

(Bild: Keystone)

Lucie Machac@liluscha

Im trendigen New Yorker Secondhandshop Beacon’s Closet ist man von den Socken. Normalerweise herrscht im Januar Flaute. Doch dieses Jahr schleppten plötzlich Hunderte Menschen prall gefüllte Ikea-Säcke und Koffer mit aussortierten Klamotten an. «Wir bekommen jeden Tag Tausende von Kleidern», schwärmt die Shopmanagerin gegenüber der CNN.

Ähnliche Szenen spielen sich seit Anfang Januar auch in anderen Städten der USA ab, wie amerikanische Medien berichten: In Chicago bekam ein Buchantiquariat in einer Woche so viele Bücher wie sonst in einem Monat. In Washington vermeldet die Nonprofitorganisation Goodwill eine Warenzunahme von 66 Prozent. In San Francisco berichtet eine Brocki-Mitarbeiterin von Spendern, die sich bei den aussortierten Gegenständen bedanken, bevor sie sie abgeben.

Kondoing wird zum Massenphänomen

Sachkundige erkennen sofort: Hinter diesem seltsamen Gebaren steckt die Miste-aus-und-alles-wird-besser-Philosophie von Marie Kondo. Die Japanerin hat mit ihrem Bestseller «Magic Cleaning» bereits vor ein paar Jahren einen Hype rund ums Aufräumen und Entsorgen ausgelöst. Derzeit scheint sich das «kondoing» sogar zu einem Massenphänomen auszuweiten. Schuld daran ist zu grossen Teilen der Streamingdienst Netflix, der genau zum richtigen Zeitpunkt, nämlich zum Jahresanfang, wenn die Veränderungsbereitschaft noch unverbraucht ist, die Serie «Aufräumen mit Marie Kondo» lanciert hat.

Die japanische Ordnungsfee hilft in der Serie aufräumwilligen Familien, ihre T-Shirts und Socken richtig zu falten, vor allem aber alles Zeug, das sie nicht glücklich macht, wegzuwerfen. Oder noch besser: zu verschenken oder zu spenden. Das kommt bei den konsumüberdrüssigen Westlern offenbar bestens an. Kondos Follower auf Instagram haben sich seit dem Start der Serie jedenfalls verdreifacht auf aktuell 2,2 Millionen, und die Brockis in Amerika, aber auch in Australien und in England können sich vor Warenspenden kaum retten.

Mehr Spenden für die Heilsarmee

In der Schweiz, wo die Netflix-Serie ebenfalls für Gesprächsstoff sorgt, ist der Ausmist-Effekt moderater. Die Bärner Brocki etwa bekommt Ende Dezember und Anfang Januar immer mehr Waren gespendet als sonst im Verlauf des Jahres. «Diesmal fing diese Welle jedoch früher an und dauerte länger als in den Vorjahren» sagt Roland Hegnauer, Leiter der Bärner Brocki. Wie viel davon der Netflix-Serie geschuldet ist oder dem Aufräumtrend allgemein, kann er nicht abschätzen. Klar ist indes: «Im letzten halben Jahr haben die Spenden tendenziell zugenommen, vor allem bei Kleidern, Haushaltsartikeln und Elektrogeräten.»

Die Brockenhäuser der Heilsarmee konnten im Januar ebenfalls mehr Spenden verzeichnen als in den Jahren davor. «Manche Personen haben sogar erwähnt, dass sie jetzt systematisch ausmisten», sagt Markus Baumann, stellvertretender Leiter der Heilsarmee Brocki. Der Trend hin zu Minimalismus und mehr Nachhaltigkeit habe das Image von Brockenstuben klar aufgewertet. «Die Frequenz in unseren 19 Filialen hat in den letzten vier Jahren zugenommen, weil die Leute Ressourcen schonender leben wollen. Gleichzeitig bekommen wir aber auch mehr Warenspenden als früher.»

Kleider werden schneller weggeworfen

Bei Texaid, dem grössten Schweizer Textilverwertungsunternehmen, hat man noch keine detaillierten Zahlen zur Sammelmenge in diesem Januar. «Vergleicht man die Jahresmengen der letzten drei Jahre, sind sie stabil geblieben», sagt die Medienverantwortliche Rahel Ziegler. Also anscheinend kein Kondo-Effekt. Allerdings: In den letzten 17 Jahren ist die Sammelmenge um rund 10'000 Tonnen gestiegen. Aktuell bedeutet das: 36'000 Tonnen Altkleider pro Jahr, 65 Prozent werden als Secondhandware weiterverkauft, der Rest zu Lappen verarbeitet oder verbrannt.

«Die Menschen kaufen mehr Kleidung und werfen sie schneller weg», sagte Martin Böschen, CEO von Texaid, kürzlich in einem Interview. Fast Fashion ist für Brockenstuben und Altkleidersammler jedoch nicht unbedingt ein Segen. «Die Qualität der Seconhandware wurde schlechter, weil die Qualität der Neuware gesunken ist», so Böschen.

Das «Magic Cleaning», wie Marie Kondo ihre Alles-wird-besser-Philosophie nennt, wird diesen Trend kaum abschwächen. Für den Einzelnen mag es befreiend sein, materiellen Ballast abzuwerfen. Doch da hört das «magic» auch schon auf. Denn das abgeworfene Zeug verschwindet danach nicht wie von Zauberhand. Vieles landet im Müll, und das, was tatsächlich wiederverwendet werden kann, regt wiederum die Konsumlaune an. Wer sich mit einem individuellen Lebensstil hervorheben will, findet nun in Secondhand-Läden noch mehr Zeug – zusätzlich zu den Milliarden Tonnen Neuwaren, die jährlich auf den Markt kommen.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt