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Pop-BriefingKylie Minogue krönt sich zur Disco-Queen

Die Australierin widmet dem Siebziger-Genre ein ganzes Album, Kruder & Dorfmeister beschwören den Geist von 1995, und Ólafur Arnalds bietet nach lauten Tagen leisestmögliche Abwechslung.

Einen Hang zum Glamour und zu tanzbarer Musik hatte Kylie Minogue stets während ihrer Karriere. Das neue Album «Disco» treibt diese Neigung auf die Spitze.
Einen Hang zum Glamour und zu tanzbarer Musik hatte Kylie Minogue stets während ihrer Karriere. Das neue Album «Disco» treibt diese Neigung auf die Spitze.
Foto: Keystone

Das muss man hören

Ólafur Arnalds«Some Kind of Peace»

Kennen Sie diese Decken, die beim Schlafen helfen sollen? Sie sind deutlich schwerer als herkömmliche Duvets und katapultieren (das versprechen die Hersteller) den darunter Liegenden wohlig in tiefere Sphären der nächtlichen Erholung. So ungefähr kann man sich die Musik von Ólafur Arnalds vorstellen. Seine pianolastige Neo-Klassik umhüllt die Hörerin mit wärmender Schwermut. Und nach den lauten letzten Wochen bietet diese leisestmögliche Form der Musik auch einen willkommenen Kontrapunkt.

Gidge«New Light»

Von Island nach Schweden: Auch Gidge wartet mit einem neuen Longplayer auf. Der Titel «New Light» klingt wie ein Versprechen, und das Electro-Duo löst ein: Rollende Bässe, die in bester Bummeltechno-Manier zum völlig unironischen Mitschunkeln anregen, hauntologisches Knarzen und Versatzstücke von Field Recordings fügen sich zu einem sehr harmonischen und organischen Ganzen zusammen. Über allem schweben Fetzen von Stimmen, von Gesang weit entfernt. Hie und da meint man, einen Hauch von Burial zu spüren. Gidge beweisen, dass elektronische Tanzmusik leben und atmen kann.

Beatsteaks«Monotonie»

Die Berliner Beatsteaks kündigen eine EP mit Coversongs an, «Monotonie» von Ideal ist der Vorbote. Wer die Rock-Combo je live gesehen hat (falls nicht: warum nicht?), weiss, dass Hommagen an andere Künstler zu ihrem festen Repertoire gehören und auch in der Schweiz schon für grosses Amusement während der einen oder anderen Zugabe gesorgt haben. «Monotonie» wird recht originalgetreu umgesetzt, aber bei so einer herausragenden Vorlage kann man da nicht böse sein. Die EP «In The Presence Of» erscheint am 11. Dezember.

Fatboy Slim – «Back to Mine»

Keine neue Musik gibt es von Fatboy Slim. Der Big-Beat-Vater hat 2004 sein letztes Studioalbum veröffentlicht, und das bleibt vorerst auch so. Sein neuster Release aus der «Back to Mine»-Serie gewährt immerhin Einblicke in seine private Plattensammlung.

Für die Serie, in der Musikerinnen Mixe erstellen, die sie nach einer durchfeierten Nacht bei sich zu Hause hören würden (und die übrigens schon seit den späten Neunzigerjahren besteht), haben bereits die Pet Shop Boys, Carl Cox oder Tricky gemischt. Fatboy Slims Zusammenstellung istim Gegensatz zu seinen Live-Sets absolut tiefenentspannt und erstaunlich unelektronisch. Hier gibt es einige obskure Rohdiamanten zu hören – und man entdeckt auch Originale, die der Engländer für seine Hits gesampelt hat.

Kylie Minogue – «Disco»

Die australische Grand Dame des Pop ist am Zeitpunkt ihrer Karriere angekommen, an dem sie die grossen thematischen Alben veröffentlicht. Der Titel «Disco» ist Programm: Der Beat pumpt wie John Travolta damals seine Hüfte, die Streicher verstrahlen Grandezza, und der Bass blubbert funky im Hintergrund. Diese Musik hätte auch in den Siebzigerjahren entstehen können, «Disco» ist eine lupenreine Hommage an das Genre der ultimativen Tanzmusik. Nur leider ist das nicht sehr aufregend oder irgendwie neu.

Arcade Fire – «Generation A»

In der US-Wahlnacht hat Arcade Fire bei Stephen Colbert ein neues Stück präsentiert: «Generation A» soll das Drängen einer jungen Generation auf Veränderung vertonen. Die kanadische Indieband spielt die Opulenz, für die sie bekannt sind, routiniert herunter.

Kruder & Dorfmeister – «Swallowed the Moon»

Diesen Freitag erscheint mit «1995» das erste Album der österreichischen Downbeat-Altmeister Kruder & Dorfmeister. Es handelt sich dabei um altes Material aus dem Jahr, quelle surprise, 1995. Das sagt natürlich noch nichts über die Qualität aus, im Gegenteil.

Downbeat ist eine der wenigen Musikgenres, denen eine gewisse Zeitlosigkeit innewohnt. Ganz zeitgemäss sind allerdings auch Peter Kruder und Richard Dorfmeister dem Promotions-Fahrplan verpflichtet: In den vergangenen drei Monaten sind drei Vorabnummern erschienen: «Johnson», «King Size» und zuletzt «Swallowed the Moon». Vorfreude herrscht.

Das Schweizer Fenster

Sirens of Lesbos – «SOL»

Nach einigen Singles und EPs in den letzten Jahren sind die Berner Sirens of Lesbos endlich aus dem Quark gekommen: Das quasi selbstbetitelte Debütalbum «SOL» versprüht hier und da auch den Ruch von Disco, allerdings mit einer völlig anderen Ausrichtung als Kylie. Deutlich Funk-orientierter, sehr viel entspannter, mit dubbigen Anleihen und vor allem mit musikalischem Anspruch, der gleichzeitig bestens unterhält. Heisst: Das Warten hat sich gelohnt.

Kala – «Pas né» feat. KT Gorique

Der Bieler Rapper und Schlagzeuger Kala dürfte Hip-Hop-Heads diesseits des Röstigrabens spätestens seit dem Virus Bounce Cypher aus dem Januar bekannt sein, bei dem er KT Gorique begleitete. Der Live-Drummer der Walliserin hat die Rapperin seinerseits für seine aktuelle Single an Bord geholt. Böse Zungen würden sagen, sie stehle ihm die Show.

Das Weihnachtsgeschenk

Vielleicht suchen Sie ja schon im November nach Weihnachtsgeschenken für die Musik-Nerds in Ihrem Freundeskreis? Bei Ventil, dem endgültigen Verlag in Sachen Popkultur, ist ein Comic-Sammelband erschienen, in dem sich diverse Zeichner und Zeichnerinnen, darunter beispielsweise Jim Avignon oder Julia Bernhard, zehn Songs von Tocotronic annehmen. Das gezeichnete Songbook enthält auch einen Strip von Schlagzeuger Arne Zank über das Kennenlernen der Band, Sänger Dirk von Lowtzow hat Anmerkungen beigesteuert.

Darüber wird gesprochen

Der immer wieder hörenswerte Podcast «Switched on Pop» nimmt sich aktuell Hymnen an. In der ersten Folge wird einer der grössten Erfolge von Queen, «We Are the Champions», abgehandelt. Selbst als eingefleischter Fan der Briten konnte ich mich nie so recht mit dieser aus offensichtlichen Gründen bei Sportfans höchst beliebten Nummer anfreunden, aber die Podcast-Moderatoren Nate Sloan und Charlie Harding schaffen es immerhin, dass mich diese Hymne fasziniert. Weitere Folgen der Miniserie «Anthems» befassen sich mit Missy Elliotts «Work It» oder Smash Mouths «All Star».

Das Fundstück

Der «Rolling Stones Rock And Roll Circus» ist Rocklegende: Die Aufnahmen des Happenings am 11. Und 12. Dezember1968 lagen Jahrzehnte lang in irgendwelchen Schubladen, bis sie 1996 das Licht der Welt erblickten.

Jetzt hat ABKCO Records die angeblich erste Performance von «Sympathy for the Devil» vor Publikum, die damals stattfand, in 4K auf Youtube hochgeladen. Fast neun Minuten lang darf man sich der Ekstase hingeben, mit einem am Ende halb nackten Mick Jagger, einem tanzenden John Lennon und einem Kurzauftritt von Yoko Ono. Die Swinging Sixties auf ihrem späten Höhepunkt.

Die Wochentonspur

Alles, was weiter oben nicht gesondert erwähnt wird, kommt immerhin in der Wochentonspur zu Ehren: Neues von DJ Hell, eine fast andächtige Coverversion von «Under Pressure» von Yeah-Yeah-Yeahs-Sängerin Karen O und Country-Legende Willie Nelson oder die erstaunlich poppige neue Single der schottischen Postrockband Mogwai.