Kunst, die aus dem Norden kommt

Norwegen ist Gastland an der Frankfurter Buchmesse, dem weltweit grössten Branchentreffen der Literatur. Eine Auswahl aus dem grossen Angebot dieser Büchernation.

Das verstehen die Norweger unter einer zünftigen Skyline: Das historische Hafenviertel Bryggen in der Kulturstadt Bergen. Foto: Olena Tur (Getty Images)

Das verstehen die Norweger unter einer zünftigen Skyline: Das historische Hafenviertel Bryggen in der Kulturstadt Bergen. Foto: Olena Tur (Getty Images)

Christine Richard

In diesem Literaturherbst gibt es Begegnungen der wunderbaren Art. Die Elfen, Trolle und Trinker kommen; die Dämonen, die Familien heimsuchen; die Polarforscher und Glückssucher; die schweigsamen Bauern, die Lehrer mit den gebrochenen Herzen: die Weltabgewandten unserer Weltliteratur.

Norwegen ist Gastland auf der Buchmesse Frankfurt, die vom 16. bis 20. Oktober stattfindet. ­Literatur ist in Norwegen Teil der nationalen Selbstbehauptung und Selbstfindung. Literatur wird hier wie in kaum einem anderen Land gefördert; durch Buchpreisbindung, staatliche Ankäufe, ein faires Urheberrecht, den Erlass von Mehrwertsteuern.

Zu diesem Engagement für Bücher passt, dass Kronprinzessin Mette-Marit mit einem «Literaturzug» durch Deutschland reist und namhafte Schriftsteller nach Frankfurt bringt. Zudem hat sie mit «Heimatland» einen Sammelband herausgegeben, Vorwort und Texte geben einen Einblick in Literatur und Gesellschaft.

Rund 100 norwegische Autoren und Autorinnen werden in Frankfurt erwartet. Bis dato sind etwa 450 norwegische Titel neu in Deutschland erschienen. Aus der grossen Auswahl hier einige wenige Empfehlungen quer durch die Gattungen: Romane, Theaterstücke, Essays.

Romane: Dag Solstad

Kunst, die am Rande entsteht, kommt langsam, dann aber gewaltig. Das war beim Schweizer Theatermacher Christoph Mar­thaler so, das war beim Dirigenten Teodor Currentzis so. Und das gilt auch für Dag Solstad. In Norwegen ist der 78-Jährige einer der wichtigsten Gegenwartsautoren, hierzulande beinahe unbekannt. Dabei hat der Zürcher Dörlemann-Verlag Solstad seit langem gepflegt und fünf seiner Romane herausgegeben. Mit dem Buchmesse-Schwerpunkt und dem Roman «T. Singer» kommt jetzt der Durchbruch.

Der Bibliothekar T. Singer ist ein komischer Kerl. Ursprünglich wollte er Schriftsteller werden. Er scheiterte schon am ersten Satz; der lautet: «Eines schönen Tages stand er Auge in Auge einem denkwürdigen Anblick gegenüber.» Ein guter Satz, ein spannender Satz, nur: Welcher Anblick ist so denkwürdig, dass er nachhaltig berühren könnte?

Singer sucht, er ist derart skrupulös und feinfühlig, dass er abbricht. So verläuft sein gesamtes Leben. Er sucht, bricht ab, beginnt mit 34 ein neues Leben in der Provinz Telemark. Er trifft wie im Märchen auf sein Gegenbild, einen tatkräftigen Unternehmer. Er hat einen Freund, das Gegenteil von ihm, ein Schauspieler. Er verliebt sich in eine Frau, sie stirbt, er zieht die Stieftochter gross.

Doch alle Begegnungen gehen spurlos an ihm vorüber. Er lebt am Leben vorbei, routiniert, geistesabwesend, freundlich nach aussen und innen allein: «Verschwinden zu können, hatte ihn immer schon fasziniert.» Verschlossen wie er ist, fehlt ihm der Schlüssel zu den Herzen anderer.

Was ist mit Singer los? Man weiss es nicht. Und das ist das Tolle an diesem Roman: Singer ruht still in seinem eigentümlichen Wesen – und Solstad lässt ihn. Er psychoanalysiert nicht. Solstad war Maoist, ein gesellschaftskritischer Autor. Jetzt ist er wie Singer. Er bezweifelt zwar nicht, dass die Gesellschaft den Menschen formt – «aber er konnte nicht erkennen, inwiefern sie ihn betraf».

So sind sie, die Männerfiguren von Solstad, scheu zurückgezogen in sich. «Scham und Würde» heisst ein weiterer Roman. Wie der Bibliothekar Singer macht der Lehrer Rukla alles mit. Er heiratet die ausrangierte Frau seines Freundes. Er unterrichtet Norwegisch, obwohl er so angeödet ist wie seine Schüler. Bis er eines Tages völlig aus­rastet. Weil sein Schirm nicht aufklappt. Zeichen für die würde­lose Zwängerei.

Schluss damit. Für sein gespieltes Mitmachen, für sein aufgesetztes Lachen, ­dafür hat er sich schon als Kind geschämt. Misstrauisch gegen jegliche ­Gefühlsäusserung, ist er einsam geworden. Der grossartige Stilist Solstad ist auch ein erstklassiger Menschenkenner. Rührend komisch und leise ironisch schildert er das Dasein als Drama verfehlter Kommunikation.

Drama und Prosa: Jon Fosse

In seiner letzten Schulstunde befasst sich Lehrer Rukla mit der Lebenslüge; mit «Die Wildente» von Henrik Ibsen, dem bekanntesten Dramatiker Norwegens. Der meistgespielte Gegenwartsdramatiker heisst Jon Fosse (59). Als unser Theater lautstark wurde und vor lauter Popkultur fast die Sprache verloren hätte, da entdeckte es plötzlich die Stille; die Zurücknahme, die alles entscheidende Kraft weniger Worte.

Jon Fosses Stücke wurden landauf, landab gespielt, von ­Basel und Zürich bis Salzburg und München. Seine Dramen ­tragen melancholische Titel wie «Traum im Herbst» oder «Die Nacht singt ihre Lieder». Oft geht es um verlorene Paare. Es passiert nicht viel. Nur Sprache und Schlaf und blindes Beisammensein. Und Gewalt.

Wer Theaterstücke nicht lesen mag, dem sei Fosses «Trilogie» empfohlen, drei meisterlich ineinander verschränkte Erzählungen über ein Paar. Schauplatz ist einer jener Fjorde, wo Fosse aufwuchs. Eine Frau und ein Mann, halbe Kinder, sind bitterarm; sie suchen wie Maria und Josef eine Herberge, denn die Frau ist schwanger. Es passiert der Regen, es passiert die Kälte; vor allem passieren Fosses Sätze, sie steigern sich wie die Wehen der Schwangeren. Es gibt ein kurzes Familienglück. Aber nur, weil die beiden einen Mordverdacht totschweigen.

Ein falsches Wort kann hier fallen wie ein Beil. Die Liebe kann im Nu entzweigehen. Und wird es auch. Wie? Lesen. Wie ein Bann, wie ein Fluch ­wiederholt sich das Schicksal der Mutter in der Tochter. 200 Seiten, einfach zu lesen, schlicht ­geschrieben, aufgeladen mit ­mythischer Wucht.

Essay: Karl Ove Knausgård

Der mit Abstand erfolgreichste Gegenwartsautor ist Karl Ove Knausgård. Er brachte das Kunststück fertig, mit der Schilderung seines Privatlebens zum Welt­autor zu werden. Wie Thomas Bernhard, Beckett oder auch Dag Solstad hat er sich von der Gesellschaft abgewandt und den Nein-Sagern beigesellt, skeptisch gegen die Moderne, gegen Moralismus und Political Correctness, zugewandt alltäg­lichen Vorkommnissen – und der Natur.

«Kämpfen» («Min Kamp»), so heisst sein sechsbändiger ­Romanzyklus. Auf 4600 Seiten geht es, sehr verkürzt gesagt, um seinen Vater, einen Alko­holiker, und um sich selbst als Vater von fünf Kindern. Um Knausgård, der harmonisieren will, aber keine Grenzen setzen kann. Der dem Chaos nur entkommt, indem er es beschreibt. Und dabei aus dem Wimmelbild des Alltags existenzielle Themen aufsteigen lässt. Zum Beispiel: Warum berührt es so tief, ein Kind zu haben? Brauchen wir den Tod als Hintergrund, damit unser Leben leuchtend schön erscheint? «Kämpfen» wurde zum Megaseller.

Nach «Kämpfen» kam der Jahreszeitenzyklus. «Frühling», «Sommer», «Herbst» oder «Winter»: Jedes Buch ist ein Schatz, angefüllt mit kurzen Denkbildern. Katzen, Pflaumen, Campingplätze, Grillen, Wasserspren­ger, Tränen, Mücken: Jedes Ding ist es wert, bedacht zu werden. Dieser tiefe menschliche Wunsch, allem einen Sinn zu ­geben. Die Jahreszeitenbücher sind leicht zu lesen, die Einsichten wiegen schwer. Das gilt auch für sein Buch über den Maler Edvard Munch, soeben auf Deutsch erschienen: «So viel Sehnsucht auf so kleiner Fläche.»

Der furiose Essayband «Das Amerika der Seele» zeigt die Weite von Knausgårds Kosmos. Alles drin: Cindy Sherman, Sloterdijk, Safranski, Hamsun und Ibsen. Anders Breiviks Massaker. Das Nordlicht und das menschliche Sein im All. Die Bibel und Jesus. Die selbstzerstörerische Kraft der Vergebung. Die Pseudogefühle der Popindustrie. Das Böse in der Literatur. Reflexionen über Rembrandt, Monet, Museumsbesuche. Das «unerschöpflich Präzise», Kennzeichen echter Literatur. Glücksgefühle beim Lesen von Proust, Dostojewski, Kierkegaard – und Jon Fosse. Diese schlafwandlerische Selbstüberschreitung beim Schreiben und Lesen von Literatur...

Die Buchmesse Frankfurt wird mit einer Rede von Karl Ove Knausgård eröffnet. Einen seiner besten Sätze hat er schon geschrieben: «Das ist die Aufgabe von Literatur, sie soll uns daran erinnern, wie unbedeutend wir sind, und uns die Augen dafür öffnen, dass unsere Sinnproduktion nur eine von vielen möglichen in der Welt ist, zusammen mit der von Wald, Ebene, Gebirge, Meer und Himmel.»

Norwegen kann kommen.

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