«Wir müssen brutal sein»

Der Stolz der Alt-Achtundsechziger auf ihr 50-Jahre-Jubiläum hat einen bitteren Beigeschmack. Sie blenden die damalige Verherrlichung von Gewalt und totalitären Regimes vollkommen aus.

Die 68er-Revolution feiert ihr 50-jähriges Jubiläum. Dabei werden die dunklen Seiten dieser Zeit nicht thematisiert.

Die 68er-Revolution feiert ihr 50-jähriges Jubiläum. Dabei werden die dunklen Seiten dieser Zeit nicht thematisiert.

(Bild: Keystone)

Heuer dürfen die Verbliebenen der revolutionären 68er-Aktivdienstgeneration selbstzufrieden ihr 50-Jähriges feiern. Es hat sich die Auffassung durchgesetzt, dass der damalige Aufstand trotz gelegentlichem Überborden eine insgesamt heilsame und befreiende Reaktion auf erstickende Machtverhältnisse in Familien und Schulen war, auf eine verklemmte Sexualmoral, auf einen ungerechten Krieg im fernen Vietnam. Doch dies ist die veredelte, sich selbst schmeichelnde Geschichtsversion der Sieger, die nach ein paar wilden Jugendjahren die meinungsbildenden Positionen in Kultur, Medien, Geisteswissenschaften übernehmen sollten.

Sie blendet andere, verstörende Aspekte aus, wie zum Beispiel die Verherrlichung vieler 68er von Gewalt als legitimem politischem Mittel und die Faszination für die übelsten totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts. Besonders das maoistische China genoss die Sympathien rebellierender Nachwuchsakademiker. Porträts von Mao wurden an Demonstrationen stolz mitgetragen, sein Konterfei hing in vielen Wohngemeinschaften, und es formierten sich überall in Europa sektenartige Parteien, in denen man im Dienste der Weltrevolution die Schriften des «grossen Steuermanns» studierte, und in denen die geforderte Unterwerfung und Linientreue rigoroser war als in jeder der kapitalistischen Einrichtungen, die von den 68ern als autoritär kritisiert worden waren.

Sie verbrannten Bücher, zerhackten Instrumente, zerschnitten Gemälde, schlugen Buddha-Statuen den Kopf ab.

Zur gleichen Zeit herrschte im realen China das Chaos. Zehn Jahre zuvor hatte Mao seinem Reich das Entwicklungsprogramm «Der Grosse Sprung nach vorn» verordnet. Millionen Bauern wurden enteignet und in Volkskommunen zusammengefasst, und eine rasche Industrialisierung wurde forciert. Das Experiment endete in einem historischen Desaster. Mindestens 42 Millionen Chinesen verhungerten. Die Katastrophe hatte sich früh angekündigt und hätte verhindert werden können. Aber Mao weigerte sich, seinen Kurs zu ändern. Er fürchtete, damit sein Prestige zu verlieren. Trotzdem war seit dieser Zeit seine Position als roter Kaiser geschwächt. Um seine Gegner zu vernichten, lancierte er Ende der Sechzigerjahre die «Grosse proletarische Kulturrevolution». Er rief die Jugend auf, die «Agenten der Bourgeoisie», die sich «überall eingeschlichen» hätten, zu eliminieren. «Zerschlagt die Vier Alten», hiess eine der Parolen. Damit waren traditionelle Denkweisen, Bräuche, Kultur und Sitten gemeint. Gleichzeitig initiierte Mao einen gigantischen Personenkult.

Millionen von Jugendlichen, die «Roten Garden», machten sich auf und marodierten für ihren «grossen Führer» durch die Lande. Sie verbrannten Bücher, zerhackten Instrumente, zerschnitten Gemälde, schlugen Buddha-Statuen den Kopf ab. Sie erniedrigten, quälten, töteten in aller Öffentlichkeit «Ratten» – so nannten sie Lehrer, Künstler, Wohlhabende, die «Klassenfeinde». «Wir müssen brutal sein», gelobten sie. «Denn Feinfühligkeit gegenüber dem Feind bedeutet Brutalität gegenüber der Revolution.»

Die Terrorkampagne forderte bis zu zwei Millionen Tote und vernichtete unersetzbares Kulturgut. Aber sie hatte Maos Macht gerettet. Seine Gegenspieler waren ausgeschaltet, er konnte den zertrümmerten Parteiapparat unangefochten übernehmen. Als sich die verwilderten Rotgardisten weigerten, zurück in die Schulen zu gehen, schickte Mao die Armee los, und viele der Jugendlichen wurden hingerichtet. Sie waren für den eiskalten Machtmenschen nutzlos geworden.

Es wäre spannend, von den damaligen Jungakademikern selber zu erfahren, warum sie trotzdem einem der grössten Menschheitsverbrecher huldigten.

Im Zusammenhang mit dem 50er-Jubiläum hob im Online-Magazin Infosperber eine Kunstdozentin «eine der grossen Errungenschaften von 1968» hervor, nämlich «die Anwendung der kritischen Theorie der Frankfurter Schule, die uns im Fortgang mit der Foucaultschen Diskursanalyse gelehrt hat, den doppelbödigen Diskurs der Macht zu lesen und zu enttarnen».

Als ein guter Teil der 68er-Rebellen mit Plakaten von Mao durch die Strassen rannte, waren die Ereignisse in China weltweit bekannt. Es brauchte kein Studium der «Foucaultschen Diskursanalyse», um bei Figuren wie dem «grossen Vorsitzenden» den «doppelbödigen Diskurs der Macht» zu bemerken. Es wäre spannend, von den damaligen Jungakademikern selber zu erfahren, warum sie trotzdem einem der grössten Menschheitsverbrecher huldigten. Aber bis jetzt haben die sonst so Geschwätzigen geschwiegen.

Basler Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt