Wer spricht, bleibt nicht allein

Boris Nikitins «Versuch über das Sterben» eröffnet die Theatersaison an der Kaserne Basel.

Boris Nikitin gibt in "Versuch über das Sterben" persönliche Einblicke in seine Vergangenheit.

Boris Nikitin gibt in "Versuch über das Sterben" persönliche Einblicke in seine Vergangenheit.

(Bild: Donata Ettlin)

Die Geschichte des Todes ist, sofern sie den modernen Mitteleuropäer betrifft, eine Geschichte der zunehmenden Vereinsamung. Wer sich zeitlebens als Individualist versteht, wem alles Rituelle fremd ist, hat gute Chancen, allein zu sterben. So weit die Lage im späten 20. Jahrhundert, nachzulesen bei Zivilisationsskeptikern wie dem Historiker Philippe Ariès. Die Gegenwart ist um eine Hospizbewegung klüger, aber auch um demografische Altersrekorde reicher – und das Problem somit keineswegs überwunden.

Boris Nikitins Vater blieb das vereinsamte Sterben erspart. Wenigstens das. Ansonsten war sein Sterben von Umständen begleitet, die der moderne Mitteleuropäer fürchtet: eine ALS-Diagnose, Unheilbarkeit, körperlicher Verfall bei klarem Bewusstsein. Drei Jahre nach dem Tod des Vaters reisst der für seine innovativen Dokumentararbeiten geschätzte Basler Theatermacher (40) die vierte Wand zwischen sich und seinen Sujets nieder. Sein «Versuch über das Sterben», mit dem die Kaserne Basel am Mittwoch in die Spielzeit gestartet ist, macht Biografie weniger zum (Bühnen-)Spiel als eine biografische Bruchstelle zum Auslöser für einen existenzphilosophischen Exkurs.

Sohn trauert um Vater

Erste Sätze des Stücks entstanden kurz nach des Vaters Tod, im Sommer 2016, just als sich Nikitin mit einer «Hamlet»-Performance beschäftigte. Mit einer Tragödie also, in der ein Sohn um seinen Vater trauert und sich in existenzielle Fragen verbohrt, katastrophale Folgen inbegriffen. Koinzidenz ist das. Koketterie hingegen kaum. Obgleich sich Boris Nikitin selbst eine «Sehnsucht nach Wirksamkeit» unterstellt. Wenn hier etwas kokett ist, dann allenfalls das Understatement, mit dem Nikitins Solo-Performance den dramatischen Auftritt von Hamlet-Monologen unterläuft. Betont beiläufig steuert er das einzige Requisit in der Reithalle an, einen Stuhl. Setzt sich, zögert, liest. Sachlich, konzentriert. Sagt, was der Vater in den letzten Tagen nicht mehr konnte: essen. Zeigt, was er noch konnte: sehr langsam den Kopf drehen. Und sterben. Bewegt habe er erlebt, berichtet Boris Niktin, dass dies das Letzte ist, was ein Körper allein kann. Dann ist der Vater tot. Das erste Textblatt fällt zu Boden.

Mehr Inszenierung gestattet sich diese Lecture-Performance nicht. Zumindest nicht sichtbar. Nikitin spricht von Nikitin, denkt nach über Nikitin, über sein Coming-out als schwuler Mann, über den väterlichen Zorn angesichts der Krankheit, die dessen Vorstellung vom Körper als eine perfekt eingespielte chemische Fabrik aushebelt. Nikitin bleibt dabei zum Glück nicht an Nikitin kleben, sondern findet zu Einsichten, wie ein Mensch «die Konditionierung im Kopf» und die «Angst vor sich selbst» überwinden könne: indem er Un­ausgesprochenes mitteilt, Verwundbarkeit zulässt, Vertrauen herstellt. Mehr Trost ist in einem «Versuch über das Sterben» ­unmöglich.

Weitere Vorstellungen: Sa, 14. 9., 21 Uhr. So, 15. 9., 19 Uhr. Kaserne Basel, Reithalle. www.kaserne-basel.ch

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