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Wo die wilden Kerle spielen

Leonie Böhms «Leonce und Leonce» im Schiffbau fetzt sich mit Musik und Galgenhumor in unsere Gegenwart.

Alexandra Kedves
Fünf Männer und ein Truck: «Leonce und Leonce», sehr frei nach Büchner, lässt es rappeln in der Schiffbaukiste. Foto: James Bantone
Fünf Männer und ein Truck: «Leonce und Leonce», sehr frei nach Büchner, lässt es rappeln in der Schiffbaukiste. Foto: James Bantone

Nicht alle Plätze waren besetzt in der Schiffbaubox: Die Corona-Krise war auch an der Premiere von «Leonce und Leonce» deutlich spürbar; schon an der Ticketkasse hing ein Desinfektionsmittelspender fürs Publikum. Und Hausherr Nicolas Stemann liess es sich nicht nehmen, zur Begrüssung ein paar Worte über unsere «seltsamen Zeiten» zu sprechen, in denen keiner weiss, was der nächste Tag fürs öffentliche Leben bringt – und ob diese Premiere einen temporären Abschied von den Aufführungen markiert.

Dafür spielten die fünf wilden Kerle auf der Bühne anderthalb Stunden auf Teufel komm raus. Der kam, sah und grinste ob der angekränkelten Seele des Titelhelden, der nach Lebenssinn und Erfüllung fragt und sich vorkommt wie eine Aufziehpuppe, die immerzu tanzen muss und dabei weint. Das hinreissend-verquälte, mit Schluchzern getaktete Tanzsolo hiphoppt «der Kay» (Kysela).

Der irre, spastische Gott, der hier am Synthesizer die Musik regiert und den Menschen das schwache Hirn vom Himmel wirft, ist «der Johannes» (Rieder), derweil der auch diesmal wieder umwerfende Lukas Vögler die E-Gitarre klampft und singt. Wenn er nicht grad die liebes- und todessüchtigen Texte spricht. Oder «dem Daniel» (Lommatzsch) die Tränen des Selbstmitleids aus dem Gesicht wischt, ihn tröstend streichelt – und alle Abstandsregeln (2 Meter!) in den Wind schiesst.

Hausregisseurin Leonie Böhm nutzt Georg Büchners Stück «Leonce und Lena» (1836) als Textbausteinbruch, um lüpfig von der Misere des Menschen in der Komfortzone des 21. Jahrhunderts zu erzählen, der auf seinem ewigen Selbstfindungstrip herumleidet. Dabei wirft sie munter Aktualisierungen ins Geschehen. Auch ein riesiger rot-oranger Gschpürsch-mi-Traktor hat seinen Auftritt und blinkt beim Sprechen mit seinen Scheinwerfern wie K.I.T.T. von «Knight Rider».

Die Songs sind süffig, die Interaktionen mit dem Publikum pointiert, der Umgang mit Büchners Plot und satirischen Spitzen ist konsequent sehr frei – und gekonnt. Böhm ist ein DJ des narzisstischen Schwanengesangs, in dem die Figuren Prinz Leonce und Prinzessin Lena, der Begleiter Valerio, die Geliebte Rosetta und Gouvernante alle bloss als Facetten Leonces auftreten. Mal im pink Plüschjäckchen, mal, wie «der Vincent» Basse, im effeminierten himmelblauen Hemdchen mit Puffärmelchen und weissem Pullunderchen.

Unter den riesigen Gehirnen, die Bühnenbildner Sören Gerhardt von der Decke baumeln lässt, rappelt es temperamentvoll in Böhms anspielungsreicher Inszenierung. Sie traut ihren Schauspielern auch eine viertelstündige Intro-Pantomime zu, bis es losgeht mit dem ersten, alles sagenden Satz: «Habe ich denn keine sinnvolle Beschäftigung?» Wir hatten eine: Mag die Inszenierung auch da oder dort ein wenig an Tempo verlieren, so war sie doch insgesamt ein bravouröses Stück Regietheater voller Galgenhumor.

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