Wo bitte gehts zum Volkstheater?

So viele Volkstheater wie in der Schweiz gab es in keinem anderen Land Europas. Das war vor vielen Jahren. Heute geht es bergab.

Eine Probe des Freilichtspiels beim Riffelberg in Zermatt. Bild: Dominic Steinmann (Keystone)

Eine Probe des Freilichtspiels beim Riffelberg in Zermatt. Bild: Dominic Steinmann (Keystone)

Christine Richard

Sommerzeit, Festivalzeit. Jetzt lärmen sie wieder an den Seen und Bergen. Gurtenfestival, Montreux Jazz, ­Brienzersee-Rockfestival, Greenfield Interlaken, Rock the Ring, Hinwil. Open-Air-Konzerte aller Orten.

Früher war nicht alles besser, aber leiser war es schon. Es wurde gesprochen, meist in Mundart; es wurden Texte gespielt, in der freien Natur oder Landbeizen; es traten Laien auf, manchmal das halbe Dorf – Volkstheater nannte sich das. Laienbühnen, das war der Schweizer Sonderweg zum Theaterglück.

Das war vor vielen Jahren

So viele Volkstheater wie in der Schweiz gab es in keinem anderen Land Europas. Das war vor vielen Jahren. Und heute? Während ­Musikfestivals und Kunst-Events bergauf steigen, geht es mit dem Volkstheater bergab. Verzeichnete der Zentralverband Schweizer Volks­theater im Jahr 2017 noch 52'000 Mitglieder, so waren es 2018 nur noch 40'000. Theater ist nicht massen­tauglich. Was geht hier verloren?

Bauerntheater kann erzreaktionär sein, zugleich aber weckt es die gemeinsame Erinnerung an das, was der Fortschritt beseitigt hat. Freilicht­spektakel können die Natur als Kulisse missbrauchen, aber erfahrene Landschaftstheatermacher wie Louis Naef erkoren Wald, Feld und Wiese zu Hauptdarstellern. Dialekttheater kann für Aussenstehende dumpf wirken, aber Autoren wie Thomas Hürlimann, Hansjörg Schneider oder Heinz Stalder überwanden mit ihren Dialekt­fassungen von Klassikern den Graben zwischen Hoch- und Volkskultur.

Auf hohem Niveau

«Cross the Border – Close the Gap»: Volkstheater, wenn es gut war, schloss den Graben zwischen Profis, Laien und Publikum. Heute ringen die Schauspieler grosser Stadttheater um Spontaneität und Natürlichkeit; das Volkstheater früher konnte gar nicht anders. Christoph Marthalers Truppe, die wie eine eingeschworene ­Dorf­gemeinschaft die Metropolen ­eroberte: Macht sie nicht Volkstheater auf hohem Niveau?

Volkstheater kann derb, dreist und schrill sein. Aber es dröhnt niemanden zu. Volkstheater sind wie Stamm­tische, an denen man die «public opinion» unverstellt erfährt – und zugleich spielerisch überwinden kann. Das Verdienst weiblicher und jüngerer Laiendarsteller: Sie führen auf der Bühne neue Verhaltensmuster vor. Das Verdienst der Männer: Sie suchen hinter modischen Kulturformen ein festes Selbstbild und ein ursprüngliches kollektives Sein.

Die Waage zwischen Tradition und Fortschritt, das Volkstheater hat sie immer wieder neu tariert. Angesichts der Professionalisierung und ­Ästhetisierung unseres Lebens wirkt Laientheater schlecht.

Aber es tut gut.

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