«Wir sind hier alle keine Despoten!»

Am Mittwoch ist Saison-Auftakt am Schauspielhaus Zürich: Ein Vorab-Besuch bei Hausregisseur Christopher Rüping und Schauspielerin Maja Beckmann.

Sie wollen dem Theaterbetrieb den Angstvirus austreiben: Regisseur Christopher Rüping und Schauspielerin Maja Beckmann vor der Probe im Schiffbau. <nobr>Foto: Reto Oeschger</nobr>

Sie wollen dem Theaterbetrieb den Angstvirus austreiben: Regisseur Christopher Rüping und Schauspielerin Maja Beckmann vor der Probe im Schiffbau. Foto: Reto Oeschger

Alexandra Kedves@tagesanzeiger

Richtig angekommen in der Schweiz sind sie noch nicht, bekennen beide. Aber sie haben sich vorderhand eingerichtet und gleich losgelegt: Christopher Rüping, einer der acht neuen Hausregisseure am Schauspielhaus Zürich, dessen zehnstündiges Münchner Antikenprojekt «Dionysos Stadt» eben zur Inszenierung des Jahres 2019 gekürt wurde; und Maja Beckmann, eine seiner Stammschauspielerinnen, die auch in «Dionysos Stadt» mittat und nun von den Kammerspielen nach Zürich wechselte.

Bereits zwei Wochen lang haben sie für ihren Auftakt am Schauspielhaus Zürich geprobt und weitere zwei Wochen für die neue Arbeit, die im Oktober Premiere hat. Und sie haben sich herangespürt an den Geist, der im Haus der neuen Intendanten Nicolas Stemann und Benjamin von Blomberg wehen könnte.

«So einsam wie in der Schweiz war ich noch nie zuvor.»Christopher Rüping

Es sei es nicht ganz ohne gewesen, beide Produktionen im Kopf auseinanderzuhalten und sich zu konzentrieren – auch wenn sie nicht à la Method Acting komplett in die Figuren eintauche, gesteht Maja Beckmann. Hier die Wiederaufnahme von Miranda Julys «Der erste fiese Typ» – ein Fest für zwei Schauspielerinnen, wobei die Rolle der jungen Frau neu mit Henni Jörissen besetzt ist und sich an der Inszenierung einiges geändert hat. Und da das Entwickeln der Premiere «Früchte des Zorns» nach John Steinbeck, die für Oktober geplant ist.

Aber gerade im Chaos und in der Freiheit von festgezurrten Strukturen stecke auch eine produktive Kraft, betont Rüping. Wir trafen die beiden im Schiffbau vor einer Probe zu «Früchte des Zorns».

Was sind Ihre ersten Eindrücke vom Leben hier?
Beckmann: Hmmm. Ah, sehen Sie, jetzt habe ich erst mal überlegt vor dem Antworten: Das ist ja ein sehr schweizerischer Reflex. Nicht unüberlegt losrattern, erst mal nachdenken. Meine Familie fehlt mir schon sehr – mein 22-jähriger Sohn, aber auch die Kinder meiner vier Geschwister, von denen drei auch Theatertiere sind. Ich gebe zu, ich habe momentweise ganz doll Heimweh. Aber es ist grossartig, hier Theater gestalten zu können. Und dass unsere «Theaterfamilie» dabei ist – so abgelutscht dieses Wort klingt: einfach wunderbar! Also etwa auch Nils Kahnwald, Wiebke Mollenhauer, Lene Schwind und Jonathan Mertz.

Rüping: Für mich ist das eine völlig neue Zürich-Erfahrung. Bis jetzt bedeutete Leben in der Schweiz für mich vor allem eines: Einsamkeit. Während meines vierjährigen Hamburger Regiestudiums verbrachte ich ein halbes Jahr als Austauschstudent an der Zürcher Hochschule der Künste. Ich sehe mich im Studentenwohnheim in Wollishofen am Fenster stehen, es fallen dicke Schneeflocken, es ist kalt. So einsam wie da war ich nie zuvor oder danach. Dieselbe Einsamkeit durchzog auch meine Zeit hier 2015 als Regisseur von «Frühstück bei Tiffany». Noch ist es warm, aber ich sag mal: Winter is coming – und der Winter hier kann hart sein. Aber ich glaube, es entsteht gerade eine tolle Gemeinschaft.

Christopher Rüping, Hausregisseur am Schauspielhaus Zürich, freut sich auf ein menschliches Theater. Video: Reto Oeschger

Wirklich?
Beckmann: Als Schauspielerin sehe ich von aussen, wie die Regisseurinnen und Regisseure sich austauschen: Das sieht wirklich schon sehr nach einem aussergewöhnlichen Miteinander aus. Normalerweise vergräbt sich jeder in sein Ding. So sind die Regiekollegen Yana Ross und Nicolas Stemann auch an der Konzeptionsprobe von «Früchte des Zorns» aufgetaucht.

Rüping: Das fand ich auch sehr verheissungsvoll für die Zukunft am Haus. Dieses Interesse und Aufeinanderzugehen. Regisseure sind ja nicht unbedingt dafür bekannt, sich zurückzunehmen und die Arbeit eines anderen wahrzunehmen und anzuerkennen. Das ist hier anders. Allerdings bedeutet das nicht, dass wir eine «Zürcher Handschrift» kreieren wollen. Wir sind kein Kollektiv mit einem Dogma. Es ist eher eine Art grundsätzliche Übereinkunft.

Was für eine Übereinkunft?
Rüping: Etwa eine über den grundsätzlichen Umgang mit anderen Menschen: Wir alle hier sind keine Despoten! Wir interpretieren unsere Position als Nummer 1 auf dem Abendzettel nicht als Lizenz zum Schreien und zur Diktatur. Schauspielerinnen und Schauspieler sind weder Schachfiguren noch Freiwild.

Frau Beckmann, Sie haben Jahrgang 1977. Hatten Sie in Ihrer Karriere unter Übergriffen und Machtmissbrauch zu leiden?
Beckmann: Als ich anfing, doch, da herrschte noch ein rechtes Klima der Angst. Und da warf ein bestimmter Regisseur, wenn er wütend war, auch schon mal von unten eine Flasche nach dem Schauspieler, der ihn gerade aufregte. Es war schon eine Art rechtsfreier Raum am Theater. Und ich wundere mich im Nachhinein, wie still wir waren. Wie wir das alles hinnahmen. Aber klar, ich hatte seinerzeit ja auch Angst davor, dass mein Vertrag nicht verlängert wird. Man schwieg darüber, es war wie ein Nebel. Der beginnt sich langsam zu lichten.

Für Maja Beckmann, Mitglied im neuen Ensemble, sind die Zeiten von #MeToo fast vorbei. Video: Reto Oeschger

Rüping: Der respektvolle Umgang auf Augenhöhe ist bis heute längst nicht bei allen Theatermachern im Betrieb Usus. Andererseits glaube ich nicht, dass es einen Backlash geben wird. Denn die nachrückenden, in den 90ern und später geborenen Schauspielergenerationen sind mit einem anderen Selbstbewusstsein aufgewachsen. Sie sind politisiert und lassen sich Übergriffe jedweder Art von vornherein nicht gefallen, auch wenn sie noch am Anfang ihrer Karriere stehen. Ich persönlich erlebe die Schauspielerinnen und Schauspieler, mit denen ich arbeite, nie als abhängig oder schwach. Und wenn man als Regisseur beginnt, muss man sich sowieso glücklich schätzen, wenn tolle Schauspielerinnen Lust haben, mit einem zu arbeiten.

Wie kommt es zur Zusammenarbeit?
Rüping: Klassischerweise trifft man sich im Café, plaudert, tastet sich ab.

Beckmann: Der Regisseur ist schon eher derjenige, der sich gezielt die Schauspieler zusammensucht für eine bestimmte Inszenierung. Aber inzwischen kann ich über mein Schaffen selbst bestimmen. Generell gilt: Das Virus Angst muss weg aus den Theatern. Mit Regisseuren wie Christopher Rüping kann man auch mal diskutieren, man kann anderer Meinung sein, und die Argumente werden angehört und ernst genommen. Dieser Stil sollte sich durchsetzen.

«Gezwungen oder verhetzt kommt es nicht gut.»Christopher Rüping

Rüping: Anfangs nimmst du als Regisseur, was kommt – Stoffe, Stücke, Schauspieler, Probezeiten, Termine. Theater wirken oft zugestellt und komplett von Zwängen determiniert. Aber es findet da gerade ein Strukturwandel statt. Zürich kann hier eine Vorreiterrolle spielen. Es macht auch qualitativ einen riesigen Unterschied, ob die Menschen auf der Bühne tun, was sie wollen, oder ob sie tun, was sie sollen. Gezwungen oder verhetzt kommt es nicht gut.

Beckmann: Zugegeben, jetzt zum Auftakt wurde es doch stressig.

Rüping: Ja; aber ich hoffe, dass wir in der zweiten Hälfte der Spielzeit unserem Ideal von Entschleunigung näherkommen. Dass der Mensch die Strukturen bestimmt und nicht umgekehrt. Auf einem unserer Schauspielhaus-Plakate sind die Worte «Chaos» und «Struktur» quasi ineinander verstrickt: So sollte es sein. Flexiblere Strukturen ermöglichen bessere Kunst.

Kann so ein grosses Theater auf diese flexiblere Weise überhaupt funktionieren?
Rüping: Ich verstehe Theater als sozialutopischen Ort. Wo, wenn nicht hier, kann eine Gesellschaft ausprobieren, respektvoll mit dem Menschen umzugehen und Strukturen nach seinen Bedürfnissen zu gestalten? Von hier, sag ich mal ganz pathetisch und hoffnungsvoll: «it spreads into the world».

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