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Szenen keiner Ehe

Das Basler Theaterpublikum schaut einer Frau beim vorzeitigen Verblühen in wohlbehüteter Umgebung zu. Lorcas «Yerma» hat das wirklich nicht verdient.

Gut situiert, unglücklich verheiratet: Myriam Schröder als Yerma, Florian von Manteuffel als Juan am Theater Basel.
Gut situiert, unglücklich verheiratet: Myriam Schröder als Yerma, Florian von Manteuffel als Juan am Theater Basel.
Lucia Hunziker

Yerma führt ein aufgeräumtes Leben. Morgens arrangiert sie zwei Frühstückseier, Tassen, eine Vase, dazu sich selbst, adrett gekleidet. Blumen, Kaffee, Eier, Frau: Gemeinsam bilden sie ein tadelloses Empfangskomitee, gemein­sam erwarten sie jenen kostbaren Moment, da der Hausherr auf der Treppe erscheinen wird: Juan, die männliche Fehlbesetzung in Yermas Ehe.

Juans erster Auftritt auf der Kleinen Bühne im Theater Basel verläuft denn auch denkbar zugeknöpft. Zum Glück verbrüht er die Lippen am Kaffee. So gibt es wenigstens einen Anlass für das Schweigen, mit dem er Yerma straft. Dabei wäre sie – das merkt man Myriam Schröders devoter Körperhaltung in der Titelrolle von Federico Garcia Lorcas bürgerlichem Trauerspiel an – so heilfroh um ein freundliches Wort, so empfänglich für jeden Anflug von Zärtlichkeit. Alles besser, als auf einer Polsterstuhlkante zu versauern.

Kühl und künstlich

Die slowenische Gastregisseurin Mateja Koleznik hat Lorcas «Yerma» behutsam, aber unübersehbar aus einem andalusischen Dorf der 1930er-Jahre in die städtische Gegenwart übertragen. Das Setting sieht aus wie ein vergilbtes Standbild aus einem TV-Ratgeber für die ideale Hausfrau (Bühne: Raimund Orfeo ­Voigt). Wenn Yerma in dieser Wohnwabe allein ist, und sie ist oft allein, steht sie einfach nur da. Edel, blass, entwurzelt. Wie eine Tulpe in der Vase. Dann schaltet das Radiomöbel wie von Geisterhand um auf Poesie, eine Stimme rezitiert elegische Kindheitsverse. Schon schwebt das Wesen von Yermas Unglück im Raum: ihr unerfüllter Kinderwunsch. In solchen Momenten ist die kühle Künstlichkeit der Inszenierung schmerzhaft greifbar, trotz des trennenden Gazevorhangs zwischen Bühne und Parkett.

Wärme strahlt hier ohnehin nur einer aus: Victor, Handwerker und Freund des Hauses. Simon Zagermann stattet Victor mit jener Zielstrebigkeit aus, die einfache Gemüter auszeichnet. Zumindest solange es ums Auswechseln von Leuchtstoffröhren geht. Bei Yerma hört Victors Zielstrebigkeit auf. Ihre schüchternen Avancen bleiben ihm kaum verborgen, doch sie erschüttern ihn keineswegs bis ins Mark. Und sobald Juan auftaucht, trollt sich Victor wie ein Kind, das der Nachbar im Apfelbaum erwischt. Er ist dann doch eher der fröhliche als der feurige Typ.

Womöglich wäre Yerma, hätte sie als junges Ding weniger Wert auf Wohlstand und Sicherheit gelegt, mit einem wie Victor glücklich geworden. Aber die Chance ist vertan. Jetzt ist sie um die 40. Sie hat nie gelernt, wie man ein Nest verlässt. Was ihr die Welt zu bieten hätte, bleibt hinter panoramafensterbreiten Vorhängen verborgen; auf ihren Wohlstand zu verzichten, kommt ihr gar nicht in den Sinn, sie will nur noch eines: dieses Kind, das Juan ihr verweigert.

Streng und beklemmend

Maria, eine Freundin (Liliane Amuat), ist schwanger. Das macht es nicht besser. Cathrin Störmers Dolores, eine andere Freundin, ätzt über Yermas Ehe und ascht in die Tulpen. Wäscherinnen (Chantal Dubs, Steffi ­Friis, Evelyne Gugolz) zerreissen sich das Maul. Später, als Yermas Einsamkeit immer prekärer wird, geistern diese Frauen als schwangere Phantome durchs Haus. Um Yermas Geisteszustand muss man sich daher ernsthaft Sorgen machen.

Natürlich wäre es fürs Publikum auf Dauer eintönig, einer Frau beim täglichen Begräbnis Erster Klasse zuzuschauen. Mateja Koleznik ist sich des Risikos bewusst, ihre Regie steckt Lorcas Drama einen engen, strengen Rahmen. Das Premierenpublikum wird diese geradezu klassische Auslegung eines Schauspiels mit dankbarem Applaus quittieren. Völlig zu Recht. Wer erzählen will, was heillose Beklemmung unter Menschen anrichtet, zwischen denen doch Urvertrauen herrschen sollte, hat mit dieser Lorca-Fassung ein schlagendes Beispiel.

Theaterkenner dürften sich an Jon Fosses bleierne Familienkonstellationen erinnert fühlen. Mit dem Unterschied: Hier gibt es nicht einmal eine Familie. Nur Szenen keiner Ehe. Nur diesen unmöglichen Juan. Der zum Fürchten steife Florian von Manteuffel beleidigt das Auge jedes Betrachters, der auch nur einen Funken Mitgefühl aufbringt, mit den wenigen Shades of Grey, zu denen dieser monochrome Charakter fähig ist. Kehrt Juan abends heim, löffelt er das Dinner aus dem Topf – womöglich, um nicht mit Yerma dieselbe Tafel teilen zu müssen. Dabei fixiert er seine Frau wie einen Fleck an der Wand. Fragt sich, was dieser Kerl so alles zu verbergen hat.

Wir werden es nie erfahren. Eines Tages begeht Juan einen Fehler und spricht mit Yerma. Er sagt: Find dich damit ab. Er meint die Kinderlosigkeit. Er sagt das am falschen Ort. In der Nähe der Küchenmesser.

Nächste Vorstellungen: 17. und 22. 4., 6., 10. und 22. 5., Theater Basel, Kleine Bühne.

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