Panikraum der Gefühle

Das Theater Basel befreit das Musical «Ein Käfig voller Narren» vom Broadway-Pathos.

Süchtig nach Glamour. Stefan Kurts Dragqueen Albin/Zaza (Mitte) ist, wie er ist, im Basler «Käfig voller Narren»: hier hinreissend, dort verwundbar.

Süchtig nach Glamour. Stefan Kurts Dragqueen Albin/Zaza (Mitte) ist, wie er ist, im Basler «Käfig voller Narren»: hier hinreissend, dort verwundbar.

(Bild: Sandra Then)

Schon erstaunlich, wie wenig sich die gesellschaftspolitischen Gräben in den letzten 30, 40 Jahren verändert haben. Auf der einen Seite ein schwules Pärchen, das einen Nachtclub betreibt und dort die Korken knallen lässt, zu Hause aber mit seinem (heterosexuellen) Sohn ein fast schon biederes Patchwork-Familienleben führt. Auf der anderen Seite Leute wie der Parlamentsabgeordnete Edouard Dindon, der für die «Partei für Tradition, Familie und Moral» (TFM) kämpft und zu Hause mit Frau und Tochter ein vorbildlich sittliches Familienleben zu führen versucht. Dann kommt es, wie es kommen muss: Sohn und Tochter verlieben sich, die beiden ungleichen Familien treffen aufeinander, und es gibt einen grossen Knall.

«La cage aux folles» («Ein Käfig voller Narren») heisst das Theaterstück von Jean Poiret, das Anfang der 80er-Jahre von Jerry Herman und Harvey Fierstein zu einem Musical vertont wurde. Der Stoff wirkt in Zeiten von «Ehe für alle» und «Neuer Rechten» aktueller denn je, und auch das Theater Basel, wo das Musical seit Freitag läuft, setzt einige politische Spitzen: Ja, die TFM-Partei verteidigt zur Not auch mal Schwule gegen den Islam, den «natürlichen Feind der Homosexuellen».

Anarchische Energie

Die fulminante Neuinszenierung des jungen Berliner Regisseurs Martin G. Berger wirft aber auch naheliegende Fragen auf: Wo ist der Käfig? Und wer sind hier die Narren? Dass die Antwort nicht allein auf der Bühne zu suchen ist, ahnt man schon zu Beginn: Das Podium ist praktisch leer gefegt, und die Scheinwerfer sind ins Publikum gerichtet.

Dieses bekommt denn auch kein Musical im herkömmlichen Sinn serviert. Es ist, als sei die anarchische Energie des Regisseurs und Musical-Experten Berger zu gross, um das Feld dem Pathos von Broadway-Stimmen zu überlassen – Schauspieler kommen zum Zug. Zudem hat der Basler Opern-Studienleiter Thomas Wise die Partitur neu arrangiert, sie kommt jetzt Gypsy-mässig frech daher. Wise hockt mit seiner zehnköpfigen Cagelles-Band im Orchestergraben und lässt die Musik über Boxen verstärken. Der Sound wirkt dadurch fast trashig – man fühlt sich bisweilen um die Musik betrogen.

Möglich, dass der Effekt beabsichtigt ist. Denn, wie gesagt, man sieht nicht einfach ein Musical, sondern zunächst eine fast leere Bühne, Gaze- und Schnurvorhänge, Videobilder von langen Gängen – man blickt also hinter die Kulissen. Um die Hauptfigur, die Dragqueen Zaza, steht es dabei nicht zum Besten: Sie liegt halb nackt da und muss erst von Kollegen und ihrem Lebenspartner Georges aufgepäppelt werden. Zaza schlüpft von einer Rolle in die nächste, von einem Geschlecht ins andere. Aus Zaza, der Kunstfigur, wird Albin, der Privatmann – und wieder zurück. Stefan Kurt schont dabei weder sich noch das Publikum, setzt lustvoll Masken auf, lässt sie schmerzlich fallen, zeigt Wunden. Gegen Ende des ersten Akts wird es im Publikum andächtig still, es leidet mit. Dann stimmt Stefan Kurt alias Albin alias Zaza das berühmte «I Am What I Am» in der deutschen Fassung an: nicht Broadway-mässig schön, gegen Schluss sogar krächzend, aber im verletzten Ton sehr berührend.

Starkes Boulevardtheater

Aber Zaza leidet nicht einfach, sie sprengt Konventionen. Die Dragqueen wird zur Maschine (Kostüme: Esther Bialas), macht aus Schwulen-Klischees ein rhetorisches Feuerwerk, schleimt sich beim Publikum auf Baseldytsch ein, um es sodann als «Alteisen» zu schelten. Für die Zaza-Show wird die Band eigens hochgefahren und spielt vor Publikum. Ein Musical-Publikum? Ein Theater-Publikum? Ein Haufen Narren! Da wird gelacht und gegrölt, auf die Schenkel geklopft, geklatscht, gepfiffen und gejohlt. So wie die Band die «Cage-aux-folles»-Melodie anstimmt und wie betrunken wiederholt, steht der Abend manchmal kurz davor, in eine Schlagernacht auszubrechen.

Zudem gibts starkes Boulevardtheater. Das Treffen der beiden Familien findet in einem scheusslich biederen Raum statt, der sich bald als eine Art Panikraum erweist (Bühne: Sarah-Katharina Karl). Vor lauter Alles-richtig-machen-Wollen sind letztlich fast alle peinlich: Der Diener Jacob (Karl-Heinz Brandt) fängt an zu bellen; der schwule Hausherr Georges versucht, den Patriarchen rauszuhängen (grandios: Roland Koch); der stockkonservative Edouard Dindon (Martin Hug) verguckt sich in den als Frau verkleideten Albin, sodass sich Dindons Gattin (Nicola Kirsch) zum Handeln gezwungen sieht – und die Handtasche nach ihrem Mann wirft. Für die beiden erwachsenen Kinder, gespielt von Max Rothbart und Liliane Amuat, steht fest: Sie müssen heiraten und eine eigene Familie gründen.

Bei allem Sauglattismus findet der Regisseur zu feinen, intimen Szenen zurück. Das Bild zweier sich liebender Männer ist auch 30, 40 Jahre nach Entstehung des Stücks noch nicht das selbstverständlichste. In Basel wird es durch hervorragende Schauspiel- und Tanzszenen (Choreografie: Marguerite Donlon) vermittelt, es trifft einen menschlichen Kern. Der Broadway-Pathos kann und muss da zurückstehen.

Nächste Vorstellungen: 14., 21., 27. und 31. Dezember, 6., 12., 18. und 28. Januar. Theater Basel, Grosse Bühne. www.theater-basel.ch

Basler Zeitung

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