Knallbunte Comicwelt auf dem See

Die 17. Ausgabe der Thunerseespiele zeigt mit «Ich war noch niemals in New York» ein Musical mit Songs von Udo Jürgens. Eine schwungvolle Kreuzfahrt.

Eine muntere Freiheitsstatue empfängt die Heimatlosen im Musical «Ich war noch niemals in New York» auf dem Thunersee. Foto: PD

Eine muntere Freiheitsstatue empfängt die Heimatlosen im Musical «Ich war noch niemals in New York» auf dem Thunersee. Foto: PD

Die Aussicht auf Eiger, Mönch und Jungfrau wäre atemberaubend, würde da nicht eine dicke Regenwolke ihr Unwesen über dem Thunersee treiben. Bereits zum 17. Mal steht derzeit vor dem Thuner Strandbad eine wuchtige Bühne im Wasser, auf der die Seespiele stattfinden.

Dieses Jahr ist die Spielstätte einem grossen Schiffsbug nachempfunden, worüber ein überdimensionales Abbild des Kopfes der Freiheitsstatue thront. So ist auch klar, welche Destination der Musical-Kahn im Verlauf des Abends ansteuert: New York. «Ich war noch niemals in New York» basiert auf Liedern des Komponisten und Sängers Udo Jürgens und wurde 2007 in Hamburg uraufgeführt.

Zwischenzeitlich tourte das Musical durch Europa und wurde auch in Tokio aufgeführt, bevor es nun auf der Thuner Seebühne zum ersten Mal open air und in einer aktualisierten Fassung gezeigt wird. Bevor der Musical-Dampfer am Aufführungsabend so richtig Fahrt aufnehmen kann, prüft Petrus allerdings erst noch die Regenfestigkeit des Vorpremierenpublikums. Ein heftiger Schauer entlädt sich zu Beginn des Stückes über der Spielstätte, sodass nicht nur unter der Bühne ein See ist, sondern bald auch auf derselben.

Fulminante Show

Das Musical-Personal lässt sich aber von den Pfützen, die bei jedem Tanzschritt ordentlich spritzen, nicht aus dem Konzept bringen, sondern legt einen fulminanten Auftakt zu einer Show hin, die sich in den folgenden zwei Stunden als rasant getaktete Angelegenheit entpuppt. Insgesamt 20 Gassenhauer, aber auch nachdenklichere Nummern aus der Feder von Jürgens intoniert das Orchester unter der Leitung von Musikchef Iwan Wassilevski.

Gleich zu Beginn erklingt der Ohrwurm «Vielen Dank für die Blumen», der Bekanntheit erlangte als Titellied der deutschen Fassung der Zeichentrickserie «Tom und Jerry». Die Trickfilm-Assoziation passt denn auch zur stilisierten Bildsprache, die Regisseur Werner Bauer für sein Musical gewählt hat und die von Kostümbildnerin Mareike Delaquis Porschka stimmig umgesetzt wird. Scharf gezeichnete Silhouetten wuseln da auf dem Schiffbug herum, knallige Farben und grafische Formen werden grossflächig eingesetzt. Zudem sind Perücken, Gestik und Accessoires drastisch überzeichnet, sodass man sich im Universum eines Comics wähnt.

Comic im Zentrum

Eine Comicband steht denn auch im Zentrum der Rahmenhandlung. Darin wartet Seniorin Maria (Sabine Martin) im Altersheim an ihrem Geburtstag vergeblich auf den Besuch von Tochter Lisa. Stattdessen schaut Heimcompagnon Otto (Hans B. Goetzfried) vorbei und schenkt Maria einen Comic. Bald entführen Spiderman, Captain America, Wonderwoman und andere Helden des Marvel-Universums die vife Dame in einen Tagtraum. Darin flieht Maria zusammen mit Otto aus dem Altersheim nach New York, um dort zu heiraten.

Derweilen tut Marias Tochter Lisa Wartberg (Kerstin Ibald), eine erfolgreiche TV-Moderatorin, die sich mit Power-Pilates und Nulldiät in Schuss hält, alles, um ihre Karriere weiter voranzutreiben. Der Ausbruch der Mama kommt da ungelegen. Trotzdem muss sich Lisa darum kümmern, denn die Mutter riskiert, wegen ihren Eskapaden den Heimplatz zu verlieren.

Rasant getaktet: «Ich war noch niemals in New York» auf dem Thunersee. Foto: PD

Zusammen mit Ottos Sohn Axel Staudach (Patrick Imhof), einem Wildtierfotografen, macht sich Lisa widerwillig auf die Verfolgung des flüchtigen Seniorenpärchens. Die Spur führt erst ins Reisebüro und von dort auf einen Kreuzfahrtdampfer Richtung New York. Bei ihrer gemeinsamen Verfolgung sind sich Lisa und Alex anfänglich spinnefeind – allmählich aber beginnen sie, Gefühle für einander zu entwickeln.

Schwule Liebe und andere Lebensträume

Eine weitere Nebenhandlung bildet die Geschichte rund um das schwule Pärchen Fred und Costas, das sich ebenfalls auf dem Schiff einfindet. Weil eine schwule Ehe nach Ansicht der stockkonservativen Mietergemeinschaft nicht in ein ehrenwertes Haus passe, müssten die beiden ihre Wohnung aufgeben, erfährt man.

«Ich war noch niemals in New York» verhandelt lustvoll die Frage nach Lebensträumen und deren Umsetzung und ist dabei schwungvoll und schnittig inszeniert. Die Handlungsstränge rund um die drei Paare werden parallel montiert und mit zahlreichen visuell reizvollen Tanzeinlagen angereichert (Choreografie: Katri Heidebrecht).

Bis zu 44 Leute stehen, tanzen und singen gleichzeitig auf der auf zwei Etagen bespielbaren Bühne, sodass man zeitweise gar nicht mehr weiss, wohin schauen im ganzen Trubel. Darüber hinaus schaltet sich auch der überdimensionale Kopf der Freiheitsstatue gerne ins Geschehen ein. Mal rollt Madame Liberty die Augen, verschliesst sie oder tut ihre Gedanken in Sprechblasen kund.

Nach schönster Pop-Art-Manier steht da etwa «WOW» oder «OMG», und mit «Schickt sie mir, die Heimatlosen» verdeutlicht sie den offenen Geist, der im multikulturellen New Yorker Schmelztiegel herrscht. Slapstick, frecher Wortwitz, Kalauer, viel Liebe zum zweidimensionalen Detail und einwandfreie schauspielerische Leistungen sorgen dafür, dass man sich während den zwei Muscial-Stunden bestens unterhält.

Sprechblasenspässe auf dem Musical-Kahn. Foto: PD

Formidabel ist auch das Spiel des Orchesters, das mit Udo-Jürgens-Schunklern wie «Griechischer Wein», «Siebzehn Jahr, blondes Haar» und «Mit 66 Jahren» weitere Bausteine zum Geschehen hinzufügt und dabei auch mal mit Swing-, Reggae- oder Rockeinschlag hantiert.

Schade bloss, dass in dieser wilden, verrückten und bunten Fantasiewelt zum Schluss dann doch wieder ein altertümliches Rollenmuster greift. Anstatt zur Verleihung zu fahren, an der Fernsehfrau Lisa den Preis in Empfang nehmen könnte, auf den sie 10 Jahre lang hingearbeitet hat, entscheidet sie sich, bei ihrem Mann zu bleiben, weil der sie darum bittet.

Falls «Ich war noch niemals in New York» dereinst erneut aktualisiert werden sollte, könnte doch Axel zusammen mit seiner erfolgreichen Frau den Preis abholen gehen. Lisa würde dann bestimmt sagen «Merci, Chéri», und alles wär geschmeidig.

Musical «Ich war noch niemals in New York», Thunerseespiele, bis 24. August.

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