Im Namen des Allmächtigen

Arthur Millers «Hexenjagd» schont am Theater Basel keine Menschenseele.

Fataler Fanatismus. Leonie Merlin Young, Wanda Winzenried, Massiamy Diaby, Steffi Friis, Linda Blümchen und Simon Zagermann (v.l.)

Fataler Fanatismus. Leonie Merlin Young, Wanda Winzenried, Massiamy Diaby, Steffi Friis, Linda Blümchen und Simon Zagermann (v.l.)

(Bild: Sandra Then)

Der Richter richtet sich ein, in aller Herrgottsruhe. Entflammt das Saallicht, rückt Stühle zurecht, testet Tischmikrofone. Breitet eine Militärdecke mit Schweizerkreuz am Boden aus. Es riecht nach Sondertribunal. Das Setting im Basler Schauspielhaus: nussbaumgetäfeltes Nirgendwo. Bezirksgerichtswände, wie sie seit Senator McCarthys Kommunistenhatz in den 1950ern, als Arthur Millers «Hexenjagd» entstand, überall stehen könnten. Dieser Raum (Bühne: Chloe Lamford) will den Blick aufs Wesentliche lenken. Entkommen nicht vorgesehen.

Von der Militärdecke aus nimmt das Unheil seinen Lauf. Hierauf lagert Betty Parris, Tochter des örtlichen Pastors, Mittäterin in einer Teeniegirl-Gang, die sich eines ach so unsäglichen Verbrechens schuldig gemacht haben dürfte: nächtliches Nackttanzen im Walde, in Tateinheit mit Singsang und Geisterbeschwörung.

Dem handfesten Verhör des Vaters (Urs Peter Halter) entzieht sich Betty durch Scheinkoma. Hinzugeeilte Nachbarn, die Putnams (Cathrin Störmer, Thomas Reisinger), diagnostizieren, was ihnen ins abergläubische Weltbild passt: Hexen verderben die Kinder in Salem, Massachusetts.

Die Behauptung funktioniert. Denn die Zeit – der Richter (Simon Zagermann) orientiert das Gerichtsschauspielpublikum mit eisiger Chronistenpflicht – ist reif für Fanatismus.

Salem im Jahre 1692 ist eine junge Stadt, die Wutbürger sind erfüllt von sozialer Unruhe, von der Kraft der Frustration. Dass sich dunkelhäutige Dienstmägde herabwürdigende Kommentare eines autoritären Richters verbitten, so wie das Tituba (Yodit Tarikwa) oder Merci (Massiamy Diaby) tun, wäre damals noch undenkbar. Die Basler Inszenierung leistet sich den Luxus und fällt en passant aus der erzählten Zeit, man wollte wohl Millers bissige Regieanweisungen, die ungeniert von «negro slaves» reden, nicht unkommentiert lassen.

Unbescholtene vor dem Henker

Feministische Sprachkritik bleibt ein Nebenkriegsschauplatz. Es geht hier um Höheres. Und um Niederträchtiges. Um kollektiven Verrat an der Menschlichkeit im Namen des Allmächtigen. Und um den Eigennutz eines jeden, der mitmacht, sei das aus Posten-Profitgier, Geltungsdrang oder Rache. Es geht, dies vordergründig, um das historisch verbürgte Beispiel einer amerikanischen Inquisition, die Unbescholtene zum Henker schickt.

Vor allem aber darum, dass Willkür den Verstand ausschalten kann. Jederzeit. Das Gleichgewicht zwischen Ordnung und Freiheit herzustellen, so sieht es Arthur Miller, ist dem Menschen bislang misslungen.

In der Basler «Hexenjagd» gibt es zwischen Recht und Unrecht auch Grautöne. Abigail Williams, Rädelsführerin jener scheinbar seherischen Mädchen, die die Hexenprozesse mit immer neuen Namen befeuern, ist ja nicht nur eine enttäuschte Liebhaberin. Sie will nicht einfach nur John Proctor für seine Zurückweisung strafen und dessen Ehefrau Elizabeth aus dem Weg räumen.

Das auch. Sie ist aber zuallererst Produkt eines repressiven Systems. Sie trägt, wie fast alle Frauen von Salem, einen filzgrauen Stirnring mit Kinngurt – ein züchtiges Accessoire, mittelalterlichen Folterzwingen ähnlich, mit denen man armen Seelen den Schädel sprengen konnte.

Der englische Regisseur Robert Icke (32) heizt dem Basler Publikum mit einem unglaublich dichten Erzähldrama ein, inklusive Showdown, wie ihn das Schauspielhaus so glühend nie erlebt hat. Intendant Andreas Beck ist der Erste, der «Almeida‘s wunderkind» (Guardian) – eine Anspielung auf das Londoner Theater des Jahres 2018, an dem Icke Vizedirektor ist – für eine Neuinszenierung im deutschsprachigen Raum gewann. Hoffentlich nicht das einzige Mal. Es ist ja schlicht so, dass man den «Hexenjagd»-Figuren bis zur letzten Minute an den Lippen hängt.

Wir sehen aufwühlendes Ensembletheater, glänzend (und prominent) besetzte Randfiguren, von Hedi Kriegeskotte bis Helmut Berger. Abigail wird gespielt von der hochtalentierten Berliner Schauspielstudentin Linda Blümchen. Sie wird erst unterstützt, dann entlarvt von Mary Warren, einer jungen Frau, die es in Gestalt der grandiosen Leonie Merlin Young vor lauter Schuldkomplex und widersprüchlichen Loyalitäten schier zerreisst.

Wir sehen Katja Jungs Gouverneurin, der die Willkür der Justiz allzu gut zu Gesicht steht. Wir misstrauen dem hochmütigen Teufelsaustreiber, Thiemo Strutzenbergers Reverend Hale, dessen Expertisen unter dem Eindruck der Todesurteile vehementer an Ewigkeitswert verlieren als ein Heiligenfresko unterm Sandstrahler.

Wir leiden mit Elizabeth Proctor (Barbara Horvath), die im fatalen Moment zum ersten Mal im Leben lügt. Und wir sehen John Proctor, den Florian von Manteuffel durchaus rüpelhaft anlegt. Dennoch besitzt John mehr Verwegenheit, als sonst in Salems Männerwelt zu haben ist. Ein Farmer zwischen zwei Frauen. Ein Kerl, der selbst nicht weiss, ob er aus Heldenholz geschnitzt ist. Er wird es herausfinden.

Nächste Vorstellungen: 17., 21. und 25.1., 4., 7., 8., 20. und 22. 2.

Basler Zeitung

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