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Entmannter Vergewaltiger

Die Verzahnung von Bühnengeschehen und Comic zählt zu den grossen Qualitäten von Mathias Steinauers Kammeroper «Keyner nit», die über Ostern in der Regie von Sven Holm an der Gessnerallee zu sehen war.

Der ehelichen Pflichten ist Marconte müde, doch generelle Unlust kann dafür nicht die Ursache sein. Kaum auf der Burg seiner frisch angetrauten Varginia eingetroffen, zieht er los ins nahe Dorf und fällt über das erstbeste Mädchen her. Während auf den Bühnenbrettern die Vergewaltigung zu verfolgen ist, lässt der Livecomiczeichner Ulrich Scheel auf einem grossen Screen die Umrisse eines erzürnten Hundes entstehen, der zum Anlauf ansetzt und dem Vergewaltiger mit entschlossenem Biss die Eier abtrennt.

Das Comicgeschehen bleibt nicht folgenlos: Auf der Bühne windet sich Marconte mit blutverschmiertem Schritt – ein schreiender «Mann ohne Lustwurz», der musikalisch folgerichtig unverzüglich zum Altus mutiert, während auf dem Comicscreen ein Hund am Galgen baumelt. Die komplementäre Verzahnung von Bühnengeschehen und Comic zählt zu den grossen Qualitäten von Mathias Steinauers Kammeroper «Keyner nit», die über Ostern in der Regie von Sven Holm an der Gessnerallee zu sehen war. Es ist eine bitterböse Satire auf unsere Gegenwart, ein derb-skurriles Panorama der Spielarten von Wollust, Völlerei und selbstgerechter Doppelmoral, formuliert in Stammtischlatein und verballhorntem Mittelhochdeutsch, frei nach Luigi Malerbas Roman «Pataffio», Texten von Stefano Benni und dem Aufklärer Julien Offray de la Mettrie und – wie mittlerweile üblich – der Wirtschaftskrise.

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