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Allein mit der fremden Stimme

Mit «Dein Reich komme» und «Der Planet» präsentiert die Kaserne Basel zum Saisonauftakt zwei kühne Gastproduktionen, die zeigen: Die neue Leitung bringt frischen Wind.

Das sieht doch schon ganz anders aus: Lauter Trash auf dem Kasernenareal. Schrottautos, deren verbeulte Türen sich öffnen. Die Kids vom benachbarten Jugendtreff waren zu Besuch und haben auf dem Stadtplan von «Basel Globe» ihre Orte der Liebe und der Furcht eingetragen. So wird Basel bespielt, der Aussen- zum Innenraum verkehrt, in dem private Geschichten eine poetische Heimat finden.

Bevor die Zuschauerin ganz alleine den kleinen Raum des niederländischen Performers Dries Verhoeven betritt, muss sie Schuhe und Socken ausziehen. Bereits fühlt man sich nackt, die blosse Haut bietet eine Angriffsfläche. Was drinnen passiert, darf nicht nach aussen dringen, mahnt die männliche Stimme. Und so sei das Geheimnis nicht verraten, das ohnehin für jeden ein anderes sein wird. Der Mann hinter der Glasscheibe bewegt seine Lippen nicht. Ist es dennoch seine Stimme, die in meinen spiegelbildlichen Raum dringt? Werde ich manipuliert? Wohin gucken? In seine Augen, auf seine Füsse? Wie von Zauberhand bedient, beginnt das Wasser im Kocher zu sieden. Die Stimme sagt: «Wenn du mir vertraust, dann schliess jetzt die Tür ab.»

Verhoevens Performance «Dein Reich komme» öffnet einen Möglichkeitsraum, in dem ein neues Leben denkbar wird. Ein Ich-Theater, in dem die persönlichen Spielzüge erfahrbar werden. Die Aussenwelt verblasst und das fremde Gegenüber wird zum Ein und Alles. Das weckt Unbehagen, Ängste, aber auch Sehnsüchte. Und auf einmal mag es gelingen, das gehemmte Lächeln abzulegen, die Füsse zu strecken und loszulassen.

In der Produktion «Der Planet» muss der Zuschauer das behagliche Publikum-Kollektiv ebenfalls verlassen. Während aber Verhoevens Raumentwurf in der Theaterlandschaft beispiellos ist, mutet der Stadtrundgang der Zürcher Performance-Gruppe «Mikeska: plus:Blendwerk» bekannt an. Schon Janet Cardiff schickte ihre Zuschauer 1999 auf eine Audio-Tour in London, und Rimini Protokoll lotsten 2004 in «Call Cutta» Leute am Telefon durch ein Berliner Industriegebiet.

«Der Planet» funktioniert ähnlich. Auf der Suche nach Felizitas Callenbach wird man per Handy durchs Kleinbasel geleitet, um die junge Frau schliesslich hinter einem Fenster zu finden. Der Zuschauer ist hier weniger Akteur als Voyeur. Und das Schöne daran: Auch diese Produktion birgt ein Geheimnis, das man tags darauf im Briefkasten findet.

«Dein Reich komme» 19.–22.9., 16–23 Uhr. «Der Planet» 19./20.9.; 23.–27.9., 18.05–21.40 Uhr.

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