Wieso man diesem Festival die Türen einrennt

Das Blickfelder-Festival in Zürich zeigt Künste für ein junges Publikum. Und wie!

Der Nuggi fliegt: Die niederländische Kooperation Theater Bonte Hond und Maas Theater Dans Podium. Foto: Kamerich & Budwilowitz (EYES2)

Der Nuggi fliegt: Die niederländische Kooperation Theater Bonte Hond und Maas Theater Dans Podium. Foto: Kamerich & Budwilowitz (EYES2)

Alexandra Kedves@tagesanzeiger

Sie heben ab. Ihre Arme sind Schwingen geworden, und die Nachttischchen, auf denen sie stehen, Adlerhorste. Im Dunkeln fliegen sie ins Land, das Kindheit heisst, und lassen all den Erwachsenenmist hinter sich: die engen Anzugjacken und die drückenden Schuhe; die Aktenkoffer mit den Papieren, die schwer wie Mühlsteine auf ihren Seelen lasten; die Anrufe und Ansprüche von allen Seiten, die sie schier zerreissen. Auf einmal sind sie mitten in der «Expedition Peter Pan».

Im Tanzhaus Zürich bringt die niederländische Truppe Het Laagland Tinker Bell buchstäblich zum Leuchten. Und Nachttischlämpchen zum Blinken, Spielzeuge zum Aufmucken – und Musik zum Spielen (ab 9 J.).

Was für ein träfer Einstieg ins Blickfelder-Festival 2019 – in die 16. Ausgabe des gross angelegten Festivals der Künste für ein junges Publikum, das Stadt und Kanton Zürich alle drei Jahre stemmen. Mit einem Budget von rund 1 Million Franken, wovon 300'000 Franken aus dem Topf der Schulkultur Stadt Zürich beigesteuert werden und etwa 650'000 Franken vom Kanton, organisierte die Programmgruppe heuer 80 Aufführungen, teils nur zum Zuschauen und teils als Partizipationsprojekte, sowie vier Ausstellungen. 10'000 Tickets sind für das elftägige Festival erhältlich. Wobei der Begriff «erhältlich» es nicht ganz trifft, denn etliche Veranstaltungen sind bereits ausverkauft.

Einfach mal abheben aus der Erwachsenenwelt – mit der Gruppe Het Laagland. Foto: Joost Milde

Eins der unbestrittenen Resultate der aufwendigen Studie zur Theaterlandschaft Zürichs, welche die Stadt durchführen liess, lautete denn auch: Der Bedarf an Kinderkultur ist gross, deutlich grösser als das derzeitige Angebot. «Zürcher Kinder verdienen es, wie im Fussball so auch im Theater für junges Publikum die Besten und Aufregendsten zu sehen, unterschiedlichste und ungewohnte Formen kennen zu lernen», unterstreicht Beat Krebs, Leiter der Abteilung Schule & Kultur des Kantons und damit auch Kopf des Festivals. Und ebendies ermögliche das international aufgestellte Blickfelder-Programm.

Krebs ergänzt: «Das wünschen wir uns auch für die hiesige Theaterlandschaft und das künftige Theater- und Tanzhaus für Kinder und Jugendliche.» Dessen Gründung muss das Stimmvolk allerdings erst absegnen.

Beneluxstaaten machens vor

Dass es Innovation braucht, Input von aussen und dass die Szene hierzulande selber nach Anstössen sucht, ja, dürstet, räumt so mancher ihrer Vertreter ein. Wo man Input finden kann, macht der Blickfelder-Spielplan sonnenklar: Von den knapp zwanzig geladenen Theater- und Tanzdarbietungen kommen neun aus Belgien, fünf aus den Niederlanden. Diese Theater- und Tanzlandschaft zeichne sich durch den Reichtum an Erzählweisen, Spielfreude und Bildern aus, hält Krebs fest. «Und sie scheut kein Thema.»

Diese Courage ist selbst im Theater für die Knirpse zu entdecken. Zum Festivalstart am Donnerstag zeigte etwa die niederländische Kooperation Theater Bonte Hond und Maas Theater Dans Podium im Stadelhofen eine grenzwertig harte Geschichte über vierjährige Drillinge – die aber derart komisch gebrochen wurde, dass das gleich alte Publikum vor Lachen fast vom Stuhl fiel.

Die Helden in «Drie/Drei» sollen bald den Kindergarten besuchen. Weil einer der Brüder entwicklungsverzögert ist und unter epileptischen Anfällen leidet, haben die Eltern einen «besonderen», weit entfernten Kindergarten gewählt, in den, aus logistischen Gründen, alle drei gehen sollen. Anders als die Nachbarkids. Die drei sind sauer und hauen ab.

Kindgerecht umgesetzt

Das Erleben von Behinderung und Anderssein, von Verlassenheitsgefühlen und Heimweh, Angst vor der Welt und gar Todesangst: All dies wird kindgerecht umgesetzt – Nuggi-nah an der Lebensrealität, ohne das junge Publikum dabei in tiefe Abgründe zu stürzen. Die kluge interaktive Sequenz am Schluss hebt das Geschehen vollends ins Spielerische.

Jetse Batelaans Theater Artemis fasziniert mit seinem Kinder- und Erwachsenenstück «Krieg». Foto: Kurt Van der Elst

Dass der Holländer Jetse Batelaan, der mit dem krassen, zugleich slapstickreich grotesken Stück «Krieg» in der Gessnerallee gastiert (ab 7 J., 20.–22. Juni), demnächst (nicht nur) dafür an der Biennale von Venedig mit dem Silbernen Löwen geehrt wird, überrascht nicht. Und zeugt vom Riecher der Programmgruppe.

Während der niederländische und flämische Fokus am «Blickfelder» mittlerweile Tradition hat, arbeitet man 2019 erstmals mit einem Museum zusammen: Mit dem Museum für Gestaltung sowie anderen Teilnehmern entstanden Projekte mit Schulklassen, deren Ergebnisse auch im Museum zu besichtigen sind. Auf der Museumswiese befindet sich das Festivalzentrum mit Jekami-Projekten.

Bis 23. Juni. www.blickfelder.ch

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