Viel Glück und Segen

Leere Bühne, leuchtende Lettern, notdürftige Dialoge: Regisseur Werner Düggelin und Autorin Laura de Weck richten das Basler Schauspielhaus «Für die Nacht» ein. Bei der Uraufführung gabs ausgiebigen Heimspielapplaus.

Der Herr hadert, die Pflegerin kläfft: Vincent Leittersdorf und Katharina von Bock machen sich bereit «Für die Nacht».

Der Herr hadert, die Pflegerin kläfft: Vincent Leittersdorf und Katharina von Bock machen sich bereit «Für die Nacht».

(Bild: Judith Schlosser)

Die Buchstaben sagen nichts und strahlen dennoch Bedeutsamkeit aus. 13 Stück sind es, lebensgross, so viel wie das halbe Alphabet, eine Abendmahlzahl. In dieser Lichtinstallation (Bühne: Raimund Bauer) Sinn und Ordnung zu erkennen, gar eine chiffrierte Botschaft zu entschlüsseln, zählt zu den anspruchsvolleren Denksportaufgaben dieses kurzen Theaterabends. Man kann die Leuchtlettern gruppieren, je nach Blickwinkel, zu «Hirn» und «Her», «Ehe» und «Hint», wohl auch zu «erinnert». Doch das Rätsel löst sich nicht, eine sinnlose Restmenge bleibt.

Damit ist schon einiges über Laura de Wecks drittes Theaterstück gesagt. «Für die Nacht» spielt im Nirgendwo, im unbestimmten Raum zu unbestimmter Zeit. Es geht um einen Mann, der im Rollstuhl sitzt, Vincent Leittersdorf schiebt einen leicht herrischen Tonfall vor sich her, da hadert ein Mensch damit, dass er dauerhaft auf fremde Hilfe angewiesen ist.

Dringlichkeit

Bei seinem Sohn (Benjamin Kempf) reicht es kaum für den Austausch von Belanglosigkeiten: Emotional stehen sie sich so nah wie Fremde, die einander auf einer engen Treppe rempeln und anraunzen – also so nah wie Vali, die Pflegerin (Katharina von Bock), und der Penner (Martin Hug). Und dass sich die beiden Szenen auf der Bühne parallel abspielen, gehört zu den Stärken des Textes und der Inszenierung.

Vali pflegt den Mann. Der Mann will den Penner von der Strasse zum Essen einladen. So ergibt sich ein zufälliges Konversationsquartett, das die Autorin mithilfe von lautmalerischen, aber wenig originellen Chorus-Lines gliedert. Die Regie hat da gekürzt, nicht zum Schaden des Stücks. Aber für eine bestechende Produktion fehlt der Vorlage die Substanz.

Dabei waren sie das Traumtandem im Theaterfrühling 2007: Werner Düggelin, der Elder Statesman unter den Schweizer Regisseuren, und Laura de Weck, der Shooting Star unter den Schweizer Dramatikerinnen. Sie schrieb, er inszenierte den Überraschungserfolg «Lieblingsmenschen», eine scharf beobachtete Studie über urbane Mittzwanziger, die Generation SMS. In dem Stück und dem Milieu fühlte sich Laura de Weck heimisch. Die Dialoge waren knapp, die Szenen schlugen markante Schneisen ins psychische Dickicht der Figuren. Das hatte Eleganz, das hatte Dringlichkeit.

Verzweiflungsakt

«Für die Nacht» wirkt behauptet und gemacht. Die Szenen ergeben wenig mehr als den Komponentenkleber für eine gedruckte Verlustanzeige: «Glück entlaufen». Tatsächlich ist der Mann sterbenskrank, der Sohn wollte sich umbringen. Der Penner begnügt sich mit dürftiger Rockpoesie zur Luftgitarre. Und Vali ist die Frage leid, warum einer stirbt. Obwohl das die Frage wäre, um die sich ihr Job dreht. «Weil das so ist», pflegt sie statt einer Antwort zu kläffen. Sie kläfft überhaupt mit professioneller Zuverlässigkeit; da hat Katharina von Bock ein Berufsklischee sehenswert wiederbelebt.

Immerhin hätte diese Vali aus purer Einsamkeit fast Benjamin Kempfs blass geratenen Sohn geküsst – würde der nicht so kläglich zurückzucken und diesen Verzweiflungsakt als Liebeswerben missdeuten. Überflüssigerweise. Was soll man diesen Menschen wünschen? «Viel Glück und viel Segen auf all deinen Wegen» singen sie sich selbst Mut zu, in Ermangelung originellerer kollektiver Songkenntnisse. Einmal säuseln sie das Lied, einmal blaffen sie es. Na dann, gute Nacht. Der kranke Mann rollt ins Dunkelnde.

Basler Zeitung

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