«Gute Kunst ist immer Antikunst»

Der Regisseur Dani Levy über die «Dreigroschenoper», den Kapitalismus und die «Tatort»-Krimis.

Spätes Debüt. Dani Levy inszeniert am Theater Basel sein erstes Stück von Bertolt Brecht.

Spätes Debüt. Dani Levy inszeniert am Theater Basel sein erstes Stück von Bertolt Brecht.

(Bild: Keystone)

BaZ: Sie inszenieren gerade am Theater Basel die «Dreigroschenoper» von Bert Brecht und Kurt Weill. Das Stück war 1928 ein Sensationserfolg, bis die Nazis es verboten. Heute kennt jeder die Songs, die zu Schlagern geworden sind. Aber hat der Haifisch noch Zähne?
(Überlegt) Doch, er hat schon noch Zähne. Es ist immer noch ein relativ aggressives Stück, das den Zugriff hat, der das Publikum 1928 elektrisierte.

Liegt das an der Musik oder am Stoff?
An der Musik, aber auch am Stoff. Die Geschichte ist nicht bahnbrechend, und viele Szenen muss man einkürzen. Da liegt schon eine Staubschicht darüber. Aber die «Dreigroschenoper» hat, verglichen mit heutigen Theatertexten, eine eigenwillige, starke Sprache, die auch nach 90 Jahren noch überrascht. Aber Sie haben trotzdem recht, es ist ein Stück weit einfach Pop.

Die Leute verbinden damit die Songs und einige interessante Sätze, die sprichwörtlich geworden sind. Das Stück macht ein Entertainment-Versprechen, ein Grundversprechen über die Musik, das zugleich eine Last und eine Bank ist, auf die man setzen kann. Man muss sich schon etwas einfallen lassen, damit das Stück heute nicht einfallslos und antiquiert daherkommt. Das war für mich eine Herausforderung.

War das Ihre Stückwahl oder die vom Theater Basel?
Andreas Beck hat es mir vorgeschlagen, und ich musste länger überlegen, ob ich es inszenieren will. Denn ich bin kein gestandener Theaterregisseur und habe keine Erfahrung mit Fremdtexten. Bisher habe ich im Theater immer eigene Texte inszeniert, und ausgerechnet ein Stück von Brecht zu machen, ist für mich schon anspruchsvoll. Erst als ich eine gute Idee hatte, wie ich den Stoff greifen kann, habe ich zugesagt.

Und welche Idee ist das?
Ich habe eine Rahmenhandlung vorgeschlagen, es ist jetzt eine Art Stück im Stück. Das ist meiner Meinung nach sehr dankbar und hat ein grosses schauspielerisches und komödiantisches Potenzial.

Ist das Happy-End mit dem von der Hinrichtung verschonten Mackie Messer erhalten geblieben?
Wir spielen das Stück so, wie es geschrieben ist! Die Urheberrechte der Erben von Brecht und Weill werden selbstverständlich gewahrt.

Der Gegensatz von Arm und Reich wirkt etwas antiquiert, heute, wo so viele Leute Aktien besitzen und es zumindest in unseren Breitengraden kaum sichtbare Armut gibt.
Ja, aber die Brisanz in diesem Stück ist nicht der Gegensatz von Arm und Reich, sondern die Korruption. Das ist der moralische Zeigefinger von Brecht, dass alle Menschen im Wohlstand leben wollen, egal, in welcher Position sie sind, sie sind bestechlich und korrupt und eben nicht gut. Das macht das Stück so zeitlos und universell.

Wir sind heute nicht in einer besseren Welt als 1928. Die Möglichkeiten des Kapitalismus, räuberische und kriminelle Züge anzunehmen, sind heute noch ausgeprägter als in den Zwanzigerjahren. Das Stück hat gar nicht gealtert.

Manche glauben sogar, wir leben in einer ähnlichen Zeit wie der Weimarer Republik, und verweisen auf die AfD.
Ich neige nicht zur Panik. Ich glaube, ein bestimmter Prozentsatz in der Bevölkerung ist einfach rassistisch, antisemitisch, hat Probleme mit Überfremdung und Angst vor kultureller Vermischung und davor, zu kurz zu kommen und verdrängt zu werden. Es gibt überall ein Sammelbecken von solchen Menschen, die zum Teil keine Rassisten sind und zum Teil eben doch.

In allen Ländern um Deutschland herum, inklusive die Schweiz, gibt es rechtsnationale Parteien, die um die 30 Prozent der Stimmen bekommen, da ist in Deutschland ja noch Luft nach oben… Und ich glaube, es gibt immer einen Teil der Gesellschaft, der sich benachteiligt fühlt und – nicht immer zu Unrecht – findet, die politische Liga sei korrupt und in sich inzestuös verflochten. Solange diese Haltungen nicht zu Verbrechen führen, sind sie tolerierbar. Unsere Zeit ist sicher problematisch, aber nicht so gefährdet, wie man manchmal lesen kann.

Wie meinen Sie das?
Ich bin da kein Paniker. Selbst die rechten Parteien arbeiten mit parlamentarischer Arbeit. Ich bin sicher ein Linker und habe als Jude einen gewissen Alarmismus, aber mein Problem ist eher umgekehrt: Ich habe das Gefühl, dass die Mitte-Links-Politik schwach und visionslos ist und keine gute Alternative zum Kapitalismus anbietet. Der Massstab ist nur noch das eigene Wohlergehen.

Sie kommen vom Film her und arbeiten jetzt nur ausnahmsweise in einem staatlich subventionierten Theater. Sie sind doch selber ein Teil des kommerziellen kapitalistischen Systems.
Ja, ich funktioniere hochgradig kapitalistisch! Und ich bin ja gar nicht antikapitalistisch, ich glaube nur, dass der Kapitalismus Fairness und Verantwortung braucht. Und ich muss hinzufügen, dass auch der Film primär öffentlich gefördert ist, sei es durch das öffentlich-rechtliche Fernsehen oder durch Steuergelder, die in die Filmförderung fliessen.

Wir verprassen im Film genauso Steuergelder wie im Theater! Ich empfinde aber immer eine starke Verantwortung. Wenn ich das Privileg habe, Kunst zu machen, soll das qualitativ gut sein und etwas zur gesellschaftlichen Debatte beitragen. Manchmal wäre es einfacher, Entertainment zu machen, um das Geld einzuspielen, das man braucht, aber das würde die Gesellschaft nicht weiterbringen und keine Reibung erzeugen mit der Welt, in der wir leben.

Was meint der Satz «Erst kommt das Fressen, und dann kommt die Moral» aus der «Dreigroschenoper» für Sie?
Dass der Mensch sich selbst am nächsten ist. Moralische, gesellschaftliche Fragen zu diskutieren, solange keine Gerechtigkeit gewährleistet ist, ist einfach Quatsch. Jeder will doch erst mal in Würde leben, seine Kinder an die Schulen schicken, die ihnen entsprechen, im Alter nicht verarmen und einigermassen das verdienen, was seine Arbeit wert ist.

Der Satz ist also keine Kritik an bestimmten Verhaltensweisen sondern akzeptabel, so wie er dasteht?
Für mich ist der Satz sehr zutreffend.

Der Held der «Dreigroschenoper», Macheath oder Mackie Messer, ist alles andere als ein Vorbild, sondern ein übler Bursche. Das ist natürlich schon sehr pessimistisch. Was mir daran gefällt, ist, dass zwischen Polizeikommissar und Gangsterboss, Pfarrer und Bettlerkönig alle durchtriebene, ambivalente Figuren sind. Daher ist erstaunlich, dass die «Dreigroschenoper» trotz ihrer düsteren Züge ein Feelgood-Stück ist, obwohl die Menschenzeichnung fast schon fatalistisch ist.

Das Stück führt zu einem Konsens, der besagt, dass der Mensch eine Art Raubtier ist. Es ist nicht alles durch die Herkunft und die Umstände erklärbar, es gibt auch eine Condition humaine, die den Menschen zu einer Art von Raubtier macht. Das ist in der «Dreigroschenoper» ein konfliktreicher, aber starker Standpunkt. Ich kritisiere oft am Fernsehen, dass dort die Figuren entweder gut oder schlecht und selten vielschichtig oder ambivalent sind. Keiner von uns ist nur gut oder nur schlecht, wir haben alle unsere Schatten, Abgründe und Begehrlichkeiten. Das hat der noch relativ junge Brecht sehr genau beobachtet.

Gibt es spezifisch jüdische Elemente in der «Dreigroschenoper»?
In der Musik sicher. Ich habe immer die Musik des frühen 20. Jahrhunderts gemocht, von ungefähr 1890 bis zu der Musik, die in den Konzentrationslagern entstanden ist. Weills Musik galt in ihrer musikalischen Umgebung, in der Welt der Musicals und Chansons, als eher schräg, und man wusste zuerst nicht, ob die Zuschauer sie akzeptieren. Das Grossartige an der «Dreigroschenoper» ist, dass es eigentlich Antikunst ist. Gute Kunst ist immer Antikunst, ein Anti-Entwurf zum Bestehenden.

Brecht und Weill haben der Unterhaltungssucht der Zwanzigerjahre ein relativ widerborstiges Stück als Anti-Entwurf entgegengesetzt, das ist immer noch spürbar, und das finde ich immer noch toll. Ich habe in meinen Filmen auch so gearbeitet, zum Beispiel in «Mein Führer», das ist ein Film gegen die deutschen Aufarbeitungsfilme. Man darf diese Energie von Künstlern, sich manchmal rabiat vom Establishment abzusetzen, nicht unterschätzen.

Interessanterweise ist sowohl «Mein Führer» als auch die «Dreigroschenoper» durchaus unterhaltsam.
Ja, aber Brecht hat sich mit diesem Überraschungserfolg schwergetan, er hatte das Gefühl, die «Dreigroschenoper» komme nur noch als Unterhaltungsstück an, das Subversive und Kritische daran werde rasch weggebügelt. Für ihn als Rebellen war dieser Erfolg schmeichelhaft und lukrativ, aber irgendwie zweifelte er auch, ob er nicht etwas falsch gemacht habe.

In der Filmbranche gehen die Wogen heute wegen angeblicher und tatsächlicher sexueller Übergriffe hoch. Ist das nicht nur ein amerikanischer Import?
Nein, das ist kein amerikanischer Import. Unsere Gesellschaft ist durchsetzt von aggressiv männlichem Verhalten gegenüber Frauen. Aber ich lebe gewissermassen in einer Blase, arbeite in einer Firma, in der es solchen Missbrauch nicht gibt, mache Filme mit einer Crew, in der es das nicht gibt, und ich habe keine Kollegen, von denen ich annehmen müsste, dass sie solche Übergriffe machen.

Ich kann aus meiner direkten Realität nichts dazu beitragen und habe Angst vor einem Umkehrschluss, dass das Verhältnis zwischen Männern und Frauen so verängstigt wird, dass man darin völlig unfrei wird, dass man sich nicht mehr traut, Emotionen oder Empathie zu zeigen. Eine Hexenjagd wegen blöder Witze und dergleichen fände ich gar nicht gut. Offensichtlich hat sich da aber so viel angestaut, worüber man in den letzten 50 Jahren einfach nicht gesprochen hat. Ich bin da auch aufgewacht und bin schockiert, wenn man liest, was da alles an Filmsets und auf Theaterbühnen passiert ist. Die Debatte ist richtig, auch wenn sie verunsichert.

Das kann man auch von der Debatte sagen, die in der Schweiz über die Zukunft der SRG geführt wird. Was sagen Sie zur No-Billag-Initiative?
Ich bin gegen diese Initiative, aber ich muss auch sagen, dass man die Ursache dafür sehr genau untersuchen muss und dass die Programme verbessert werden müssen. Es ist nicht richtig, dass öffentliche, vom Bürger bezahlte Institutionen völlig quotenabhängig wie in der Privatwirtschaft arbeiten.

Als «Tatort»-Regisseur sind Sie doch befangen.
Das empfinde ich nicht so. In meinen beiden «Tatorten» hatte ich den Eindruck, dass sich das Schweizer Fernsehen sehr mutig, kulturell interessiert und experimentierfreudig verhalten hat. Das ist kein verknöcherter Apparat, sie haben starke Eigenwilligkeit gezeigt.

Ihr erster «Tatort», «Schmutziger Donnerstag», ist auch kritisiert worden.
In der Schweiz ist er bei der Kritik sehr gut angekommen, und in Deutschland gibt es immer das Problem, dass die Schweizer «Tatort»-Sendungen synchronisiert werden, und darunter leidet die Unmittelbarkeit und Authentizität. Das führt immer wieder zu Häme bei der deutschen Kritik. Es führte dazu, dass wir den neuen «Tatort», der im Sommer ausgestrahlt wird, tatsächlich zweimal gedreht haben, einmal auf Schweizerdeutsch und einmal auf Hochdeutsch. Es ist doch in der Schweiz alles da, gute Kameraleute, Autoren und Schauspieler, um mit den andern «Tatorten» auf Augenhöhe mithalten zu können.

«Die Dreigroschenoper» hat am 8. Februar am Theater Basel Premiere.

Basler Zeitung

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