Ein Afrikaner bei den Eid-Genossen und Zwerge im Reduit

Das Theater Basel entführt seine Zuschauer in die Schweizerisch Sowjetische Republik (SSR).

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(Bild: Judith Schlosser / Theater Basel)

Fantasiearmut kann Christian Kracht keiner vorwerfen: Das Theater Basel hat die Bühnenfassung seines Romans «Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten», der in einer Schweizerisch Sowjetischen Republik (SSR) spielt, am Samstag uraufgeführt. Lenin, dies die Ausgangslage, verliess Zürich nie und machte die Schweizer zu wahren Eid-Genossen. Anschliessend brach ein Krieg in Europa los, der so lange schon dauert, «dass keiner mehr lebt, der noch im Frieden geboren wurde», wie es im Stück heisst.

Gegner der SSR, die sich von Frankreich bis Österreich erstreckt, ist seit fast hundert Jahren die faschistische deutsch-britische Allianz. Die Schweizer haben überdies Afrika kolonisiert - nicht zuletzt, um neue Soldaten für den Krieg im Norden zu rekrutieren.

Sie bauten Städte in Ostafrika, neue Häfen und Eisenbahnen, die pünktlich verkehren. Auch mit Fairness - harten Strafen gegen Rassisten - verstanden sie die Einheimischen für die entlegene Sache der SSR zu begeistern. So landet ein afrikanischer Söldner (hervorragend: Nick Monu) als überzeugter Eid-Genosse in Neu-Bern.

Apparatschik triff Waldchrist

Die Stadt nahe der Front ist weitgehend zerstört. Quartiere wie Lorraine und Breitenrain hat der Gegner dem Erdboden gleichgemacht, der Bärengraben ist leer. Karge Holzböden und ein Bretterverschlag prägen die Szene. Immerhin wird an Wiederaufbau gedacht.

In bester Sowjetmanier kämpfen die verschiedenen Flügel der Partei und der Heeresleitung um Einfluss. Der afrikanische Söldner - selber ein hochrangiger Apparatschik - lässt sich auf ein Techtelmechtel mit der Divisionärin Favre (Isabelle Menke) ein, wird jedoch bald mit einem neuen Auftrag versehen.

Im Reduit beim Schreckhorn soll er den politisch unzuverlässigen Oberst Brazhinsky (Georg Martin Bode) auftreiben. Auf der Reise durch das zerstörte Berner Oberland begegnet er armen Schweizer Kindern, deutschen Soldaten und einem wilden Kerl namens Uriel, der - politisch gar nicht korrekt - am christlichen Glauben festhält.

Zwei Stunden lang Feuerwerk

In einigen Szenen träumt sich der Söldner zurück in seine afrikanische Heimat. Der Regisseurin Corinna von Rad und Julie Paucker oblag es, aus dem Feuerwerk der Kracht'schen Ideen ein Bühnenstück zu machen. Eine strengere Auswahl hätte es dem Publikum einfacher gemacht - andererseits wird der lange Atem belohnt.

Dem Söldner fällt am Ende seiner Reise in die Berge wörtlich die Decke auf den Kopf: Er landet im Reduit. «Andere grosse Völker hatten Pyramiden gebaut, wir gruben Tunnels», erklären die stolzen Eid-Genossen. Auf der Bühne (Ralf Käselau) leuchtet das Labyrinth.

Dort herrschen dann legerere Sitten als erwartet. Anders als den unglücklichen Zwergen von Khazad-dûm, an die «Lord of the Rings»- Kinogänger unweigerlich denken, scheint den Schweizer Alpengnomen das Graben zu bekommen. Schmackhafte Zitronen zumindest sind in Fülle erhältlich: Das Reduit wurde offenbar «entbergt».

Nach einem Kampf mit Brazhinsky und einem Angriff von aussen macht sich der afrikanische Söldner trotzdem davon. Er hat genug gesehen - das Publikum am Samstagabend nach zwei Stunden Feuerwerk wohl auch. Grosser Applaus war der fantastischen Welt des einstigen Popautors Kracht und dem Team des Theaters Basel dennoch gewiss.

amu/sda

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