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Tango in dunkler Stille

Die Opéra national du Rhin überführt Piazzollas Operita «María de Buenos Aires» ins Poetische.

Poetischer Moment
Poetischer Moment
Agathe Poupeney

Man findet sie hin und wieder auf hiesigen Spielplänen, im Grunde aber doch recht selten: die kleine Oper (Operita) «María de Buenos Aires» der Tango-Nuevo-Legende Astor Piazzolla.

Nichts ist dem Komponisten und seinem Librettisten Horacio Ferrer in diesem 1968 uraufgeführten Stück heilig, Maria nicht, der Tango nicht, und Buenos Aires, das vermeintliche «Paris Südamerikas», schon gar nicht.

Mädchen trägt Tango in die Zukunft

In dem Grossstadt-Moloch gibt es als Konstante nur eine traurige, gleichsam wie eine Zigarette glühende Sehnsucht, an der die Protagonistin Maria und der klassische Tango scheitern müssen – durch die sie aber auch auf wundersame Weise wieder auferstehen. Maria beziehungsweise das, was von ihr übrig ist (ein Schatten), bekommt am Schluss nämlich ein Kind. Kein Jesulein zwar, aber immerhin ein kleines Mädchen; es trägt den Tango in die Zukunft.

Wie schmerzhaft schön das ist, zeigt derzeit das Ballett der Opéra national du Rhin. Tango ist auf der Bühne des Filature-Theaters in Mulhouse, wo die Inszenierung am Freitag Premiere feierte, eine beklemmend einsame Angelegenheit. Wenn die zwölf Tänzerinnen und Tänzer nicht gerade um sich selbst kreisen, dann verfehlen sie sich oft: Die Herren springen zu ihren Herzdamen, doch angekommen, sinken sie geschwächt nieder; später umtanzen die Frauen die Männer, aber diese sind nun zu Statuen erstarrt.

Schabende Füsse

Was tun? Manchmal bleibt der Ballettcrew nichts anderes übrig, als in der Stille, ohne Musik, einfach so zu tun als ob, quasi pantomimische Bewegungen zu vollziehen. Man nimmt dann als Hörer das Streichen und Quietschen der Füsse auf dem Boden wahr. Vereinzelt, wie durch einen Zufall, verschmelzen Frauen- und Männerhände, oder es wird gar so etwas wie ein «richtiger» Tango erkennbar.

Auf diese ebenso schönen wie flüchtigen Momente hat es der Choreograf und Bühnenbildner Matias Tripodi abgesehen. Wer von ihm Folklore erwartet, wird enttäuscht. Der junge Argentinier erweist sich im Gegenteil als Meister der Reduktion. «María de Buenos Aires» ist bei ihm weniger eine Tanzoper als eine Folge poetischer Tableaux, getragen von einem sehnsuchtstrunkenen musikalischen Flow. Von diesem muss man sich als Zuhörer, als Zuhörerin tragen lassen, so wie die Darsteller auf der Bühne. Die Stille, die Leere, das Dunkel – das sollte man in dieser Operita aushalten, aber auch geniessen können.

Im Orchestergraben taucht unter der Leitung von Nicolás Agulló ein franko-argentinisches Tango-Orchester, La Grossa, hemmungslos im Weltschmerz. Ein starker Puls, raue Schlagzeug-Einwürfe und gekonnte ironische Brechungen mittels Jazz- und Musical-Anleihen bewahren die Komposition und die Interpreten vor Kitschgefahr.

Seichte Gewässer umschifft

Auch die uruguayische Tango-Sängerin Ana Karina Rossi muss man dafür bewundern, wie sie sich der Nostalgie hingibt, ohne in seichte Gewässer zu geraten. Sie verschafft Emotionen mit erhaben-getragener Stimme Raum. Die von ihr gespielte Maria erscheint als altertümlich-golden gekleidete Diva (man fühlt sich spontan an die berühmt-berüchtigte argentinische Präsidentengattin Eva «Evita» Perón erinnert). Sie muss mit ansehen, wie sich ihre Tugend, der Tango, in weisse und schwarze, junge und alte, fleischige und schattenhafte Tanzfiguren auflöst. Verlustängste und Trauer sind auch bei Carmela Delgado und ihrem schluchzenden Bandoneon zu spüren, während die Flötistin Florencia Jaurena eher zu sanfter Melancholie neigt. Argentinien scheint dabei gar nicht so fern: Das Bandoneonspiel könnte im Dreiertakt fast als französische Musette durchgehen.

Dass die goldene Maria nicht völlig in der Dunkelheit verschwindet, dafür sorgen Alejandro Guyot als Erzähler-Kobold und der Tenor Stefan Sbonnik. Ersterer trägt die Geschichte Marias mit asche-schwarzem Manuskript vor, Letzterer betört mit viel Schmelz. Licht (Romain de Lagarde) und im Hintergrund projizierte Grossstadt-Fotos (Claudio Larrea) vermitteln einen Hauch «Metropolis».

Stücke wie «María de Buenos Aires» sind bei der Opéra national du Rhin kein exotischer Ausreisser, vielmehr gehören Trouvaillen aus fernen Ländern und Jahrhunderten sowie moderne Experimente seit der Intendanz von Marc Clémeur (2009 bis 2017) quasi zur DNA des Hauses.

Festival für Argentinien

Kein Weg scheint zu abwegig, kein Ort zu abgelegen, solange sich Spezialisten finden, die ihn kennen und gehen wollen. Dieser Philosophie folgt auch Clémeurs Nachfolgerin: die nach Stationen bei den Bregenzer Festspielen, der Brüsseler Oper La Monnaie und der Oper Stuttgart gut vernetzte Eva Kleinitz.

Das Multisparten-Festival Arsmondo, dessen zweite Ausgabe mit Schwerpunkt Argentinien derzeit läuft, ist ihr Kind, und «María de Buenos Aires» ein Teil davon. Die Produktion wandert nun nach Strassburg und Colmar weiter. Zurück bleibt ein Gefühl purer Sehnsucht.

Nächste Vorstellungen in Strassburg: 5., 6., 7., 9., 10. Mai, Colmar: 16., 17. Mai

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