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«Wissen die nichts von meiner Hochstapelei?»

Stephan Eicher erhält am Freitag an den Swiss Music Awards einen Ehrenpreis. Ob er ihn abholen wird, weiss er noch nicht.

Wird für sein Lebenswerk geehrt: Der 1960 in Münchenbuchsee geborene Musiker veröffentlichte bis anhin 20 Alben, wovon mehrere Gold- und Platin-Status erreichten. Er singt auf Französisch, Deutsch, Englisch, Italienisch und Berndeutsch. Nun wird er an den 13. Swiss Music Awards mit dem Outstanding Achievement Award geehrt.
Wird für sein Lebenswerk geehrt: Der 1960 in Münchenbuchsee geborene Musiker veröffentlichte bis anhin 20 Alben, wovon mehrere Gold- und Platin-Status erreichten. Er singt auf Französisch, Deutsch, Englisch, Italienisch und Berndeutsch. Nun wird er an den 13. Swiss Music Awards mit dem Outstanding Achievement Award geehrt.
Urs Jaudas/Tamedia
... NDW-Band Grauzone auf. Kein deutsch gesungenes Lied brachte den Weltschmerz der frühen 1980er-Jahre so sehr auf den Punkt.
... NDW-Band Grauzone auf. Kein deutsch gesungenes Lied brachte den Weltschmerz der frühen 1980er-Jahre so sehr auf den Punkt.
PD
Kreative Freundschaft: Stephan Eicher, rechts, und Schriftsteller Martin Suter 2017 am Live at Sunset in Zürich. Bereits 2006 präsentierte Eicher am Blue Balls Festival in Luzern zwei Songs, die er zusammen mit Suter verfasst hatte.
Kreative Freundschaft: Stephan Eicher, rechts, und Schriftsteller Martin Suter 2017 am Live at Sunset in Zürich. Bereits 2006 präsentierte Eicher am Blue Balls Festival in Luzern zwei Songs, die er zusammen mit Suter verfasst hatte.
Walter Bieri
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40 Jahre auf der Bühne, ein Ehrenpreis an den Swiss Music Awards, und bald wird der 60. Geburtstag gefeiert – das riecht nach baldigem Rampenlichterlöschen.

Fehlt nur noch die Kooperation mit einem Symphonieorchester. Das kommt jeweils kurz vor dem Begräbnis.

So weit ist es also noch nicht?

Ich habe einmal eine Liste gemacht mit Projekten, die ich noch zu Ende führen will. Und ich bin zum Schluss gekommen, dass ich die wohl kaum alle abzuarbeiten imstande bin.

Und diese Projekte haben alle mit Musik zu tun?

Letztlich geht es um die Situation, dass ein Publikum sich voller Erwartungen vor eine Bühne setzt, es gibt einen Vorhang, der geht auf – und am Ende schliesst er sich wieder. Dazwischen kann alles passieren. Es kann bildende Kunst sein, Musik, Theater. Ich träume sogar davon, ein Theater zu bauen. Aber eines, das man überall mitnehmen kann. Das ginge dann sogar in Richtung Architektur.

Sie werden an den Swiss Music Awards mit dem Preis für besondere Leistungen geadelt. Was fällt Ihnen dazu ein?

Sagen wir es so: Ich wollte diesen Preis nicht. Es ist ja auch noch nicht sicher, ob und wie ich ihn dann wirklich abholen werde. Aber vermutlich ist es bereits eine besondere Leistung, in diesem Metier überhaupt 60 Jahre alt zu werden. Mit Rachid Taha und Philippe Pascal, dem Sänger der Gruppe Marquis de Sade, sind letztes Jahr zwei enge Freunde von mir gegangen.

Andere Berufskollegen ziehen sich auf ein Weingut zurück oder züchten argentinische Rinder. Das würde die Lebenserwartung womöglich steigern.

Ich verhalte mich da eher antizyklisch: Ich ziehe gerade aus der Camargue weg. Es wäre schön, hätte ich einen Lebensplan und einen Plan fürs Alter. Doch den habe ich nicht. Es gibt nichts Besseres, als Musik zu machen.

Konzerte mit Automaten, mit Loop-Maschinen, Konzerte im Liegen: Sie scheinen stets nach neuen Methoden zu forschen, die Musik unter die Leute zu bringen.

Wenn ich auf die Bühne gehe, schliesse ich oft kurz die Augen, und wenn ich sie wieder öffne, ist da dieses Publikum. Und ich denke mir immer wieder: Um Gottes willen, wissen die nichts von meiner Hochstapelei? Das ist keine Koketterie. Ich stehe also jeden Abend vor der Frage, was ich mit der Aufmerksamkeit, die mir entgegengebracht wird, mit meinen bescheidenen Mitteln anfange.

Die Sache mit der Hochstapelei interessiert mich. Leben Sie in der Angst, als Künstler nicht zu genügen und als Scharlatan aufzufliegen?

Es ist keine Angst. Es ist eher ein Amüsement. Ich male mir dann manchmal aus, dass irgendwann ein Hotelmanager an die Tür klopft, mich bittet, mit ihm mitzugehen, und sagt, ich müsse nichts bezahlen, aber ich möge doch bitte nicht mehr in seiner Herberge absteigen.

Das klingt schon fast pathologisch.

Nein, das ist es nicht. Ich bin mir auch bewusst, dass ich mittlerweile zwei, drei Sachen ganz gut beherrsche. Aber um ein Leben zu führen, wie ich es bisher durfte, braucht es viel Glück, viele Zufälle und viele Begegnungen, welche die Sache in die richtige Spur lenken.

Ein moderner Klassiker: Der «Eisbär» wird für immer bleiben. Video: mital-U TV

Eine dieser Begegnungen war jene mit Ihrem langjährigen Manager Martin Hess, der Ihr Image als singender Bohemien kultivierte und Sie für den französischen Markt fit machte. Was wäre aus Stephan Eicher geworden ohne diese Begegnung?

Ich weiss es nicht. Unser erstes Zusammentreffen war schwierig. Es war in einem Club. Er wollte die auftretende Band von der Bühne buhen, ich wollte ihm dafür eine reinhauen. Zuerst wars ein Kampf, danach eine befruchtende Beziehung.

In der Szene galt diese Kooperation stets als Musterbeispiel einer Symbiose zwischen Künstler und Geschäftsmann. War es so reibungslos?

Ich hatte zwei Kinder, die ich mitgrossziehen musste. Und ich fand das oft wichtiger als meine Karriere. Man kann in meinem Werdegang gut ablesen, wann meine Kinder geboren oder wann sie in die Schule gekommen sind. In dieser Zeit habe ich die Musik zur Seite geschoben. Das war manchmal schwer zu vereinbaren mit den Plänen meines Managers.

Sie haben gelitten?

Das nicht. Aber ich hätte dann und wann gerne eine feste Adresse gehabt. Das gab es nie. Dafür bot mir Martin Hess eine späte intellektuelle Erziehung. Als ich mit 16 Jahren die Schule verlassen hatte, fand Martin Hess es wichtig, dass ich weiter Bücher las. Er brachte mir jeden Abend eines mit, und wir diskutierten darüber. Er war wie ein Lehrmeister. Er zeigte mir, wie man eine Gabel hält, was ein Bordeaux ist – das habe ich alles nicht gekannt. Wie man ja jetzt weiss, komme ich aus einer Familie von Hühnerdieben (lacht).

Ein Millionenseller: «Déjeuner en paix». Video: Universal France

Sie haben jenische Wurzeln – als Fahrender und Reisender waren Sie auch damals in den Neunzigern unterwegs. Oder war das bloss Teil des kreierten Images?

Nein, das haben wir tatsächlich gelebt. Wir haben auf der Autobahn Spiegeleier gegessen, und sobald wir eine Gage hatten, haben wir sie in einem «Gault Millau»-Restaurant verprasst – um dann wieder auf irgendeinem Sofa zu pennen. Wir sind durch Asien gezogen, durch Afrika, Südamerika. Da war nichts konstruiert.

Und irgendwann sassen Sie in Bamako mit afrikanischen Musikern im Studio und fragten sich, was Sie da tun.

Ja. Auch hier fühlte ich mich als Scharlatan. Da legte ich lieber die Hände in den Schoss und genoss die Musik der anderen. Das war die Welt von Martin Hess, ich fühlte mich da deplatziert. Und ich fand es lächerlich, grandiose afrikanische Musiker mit irgendwelchen A-Moll-Popliedern zu konfrontieren. Dieses Album ist denn auch nie erschienen. Vielleicht war auch das ein Grund, weshalb ich irgendwann bei Martin Suter anklopfte, um mit ihm in einer Sprache zu musizieren, die ich seit 16 nicht mehr gesprochen hatte.

Ein anderer Schriftsteller, Philippe Djian, schrieb Ihnen die französischen Texte. Sollte man das Wort in der Popmusik den Profis überlassen?

Ich sage immer: Der Text ist der Brief, die Musik der Briefumschlag. Das wird oft unterschätzt.

Zurück zu den besonderen Leistungen Ihrer Karriere. Alles begann mit der Gruppe Grauzone. Ist der «Eisbär» der erfolgreichste Song, an dem Sie mitgewirkt haben?

Ich glaube, «Déjeuner en paix» ist auf den Playlists weiter vorne. Aber «Eisbär» wird mich überleben. Noch in 30 Jahren wird es junge Musiker in zu engen Jeans geben, die sich in einem Keller zurufen: «Chumm, dä chöimer»!

Ihre Solo-Karriere startete 1982 mit der grandiosen EP «Souvenir» – auf der schon viel angebahnt wurde, was Sie später erfolgreich machte. Hatten Sie einen Plan?

Ein grosser Irrtum bezüglich Stephan Eicher ist, dass er jemals ein Konzept oder einen Plan hatte. Ich habe keine Ahnung, was ich tue. Aber ich habe viel Vertrauen. Mit «Souvenir» war es so: Meine damalige Freundin zog nach Paris, um Schneiderin zu werden. Ich zog mit. Französisch sprach ich nicht. Nach einem Monat ging mir das Geld aus, ich musste zurück und bat einen Pariser Kumpel, sich ein bisschen um meine Freundin zu kümmern, sie sei so einsam. Er nahm diesen Auftrag ein bisschen zu ernst. Und so führte ein gebrochenes Herz zu diesen Songs.

Dann kam der Talentspäher eines französischen Majorlabels und hat Sie unter Vertrag genommen.

Ja. Damals gab es bei den Labels noch die einflussreichen Leute. Viele von ihnen haben abgewunken, einer hat beschlossen, aus dem jungen Mann aus Münchenbuchsee einen Star zu machen.

«Meine Hits spotten in gewisser Weise der Kunst des Songwritings. Ich bezeichnete sie immer als Kinderlieder.»

Es folgten Hits wie «Two People in a Room», «Combien de temps», «Déjeuner en paix» oder «Des hauts, des bas» – Frankreich lag Ihnen zu Füssen. Doch Mitte der Neunziger brach der Hit-Strom auf einmal ab. Was ist passiert?

Es gab immer wieder Phasen, in denen ich kommerziell floppte. Für das Album «My Place» war ich beispielsweise unsterblich verliebt in die Musik der Gruppe Shelleyan Orphan. Die machte wunderbaren Anti-Pop mit Oboe und Streichern. Ich wollte das auch. Die Verkäufe waren miserabel, doch die Idee mit den Streichern hat mich nicht losgelassen. Sie tauchten kurz darauf in «Déjeuner en paix» wieder auf – ein Millionenseller.

Dennoch, hat Sie irgendwann der Hit-Instinkt verlassen?

Meine Hits spotten in gewisser Weise der Kunst des Songwritings. Ich bezeichnete sie immer als Kinderlieder. Doch mein damaliger Produzent hat einmal gesagt: Es ist nichts Schlimmes daran, Lieder zu schreiben, die Kindern gefallen. Er hatte wohl recht. Aber einen Hit-Plan oder einen Hit-Instinkt, den gab es bei mir definitiv nie.

In letzter Zeit war bei Ihnen ein aufglühendes Heimatbewusstsein auszumachen. Hielten Sie früher nach Musikern wie Goran Bregovic oder Grönemeyer Ausschau, sind es heute Heidi Happy oder das Berner Traktorkestar. Woher kommt das?

Einiges in meiner Karriere habe ich getan, um die Leute zu ärgern. Das «Guggisberglied» war so etwas. Irgendwie war zu dieser Zeit der Umgang mit Volksliedern verkrampft, denn auf den grünen Wiesen des Landes standen überall SVP-Plakate. Doch ich habe an den Wert dieser Melodie geglaubt, wie ich auch durchsetzte, dass wir «Hemmige» auf dem Album «Engelberg» platzierten. Ich habe mich also immer mit Schweizer Musik befasst, doch so richtig der Schweiz zugewandt habe ich mich, als ich mit meinem französischen Label in Streit geriet.

Sie zofften sich mit Universal Frankreich, nachdem man Ihnen das Produktionsbudget kürzen wollte. Das Resultat: Sie nahmen nach 2012 keine Musik mehr auf.

Aufgestanden bin ich erst, als 30 Leuten, die für mich gearbeitet hatten, gekündigt wurde. Bald merkte ich, dass es zur harten Konfrontation kommt, und ich begann nach Lösungen und Vertragslücken zu fahnden, die es mir erlaubten, als Musiker weiterexistieren zu können. Ich durfte keine Platten mehr machen, also veröffentlichte ich ein Buch, dem eine CD beilag.

Wie ist der Stand heute?

Ich bin durch. Ich habe abgeliefert, was das Label von mir verlangte. Wie es nun weitergeht, weiss ich noch nicht.

Quasi die Schweizer Version: «Combien de temps», aufgenommen mit dem Berner Traktorkestar. Video: Stephan Eicher

Geschah der Rückzug in die Schweiz auch, weil es hier als etablierter Künstler leichter ist, Geld zu verdienen, als anderswo?

Ganz ehrlich: Ja. Ausserdem wollte ich in der Nähe meiner pflegebedürftigen Eltern sein. Und ich bin hier auf ganz wunderbare Musiker gestossen.

Swiss Music Awards, Freitag, 28.2., SRF 2 überträgt ab 20.10 Uhr. Im Anschluss folgt eine Teilaufzeichnung der ausverkauften Show «Stephan Eicher und Freunde», die am Donnerstag im KKL Luzern stattfindet. Weitere Livedaten: 3. und 4. Juni im Rahmen des Festivals Unique Moments im Landesmuseum, Zürich.

Hadert mit der Musikindustrie: Stephan Eicher spricht über die Swiss Music Awards. (Video: Keystone-SDA)

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